Episoden-Horror geht immer, Found Footage erfreut sich offensichtlich nach wie vor einer gewissen Beliebtheit und ist zudem günstig zu produzieren – warum als nicht dem 2012 veröffentlichten „V/H/S – Eine mörderische Sammlung“ eine Fortsetzung zur Seite stellen? 2013 erschien „S-VHS“ und bedient sich des gleichen Prinzips wie der Vorgänger, indem er Kurzfilme im Stil privater Amateuraufnahmen zu einem Episodenhorrorfilm zusammenfügt. Statt zehn waren diesmal „nur“ noch sieben Regisseure am Werk, produziert wurde neben den USA nun auch in Kanada und Indonesien.
Die von Adam Wingard („You’re Next“) umgesetzte Rahmenhandlung zeigt diesmal zwei Privatdetektive, die von der Mutter eines verschwundenen Studenten beauftragt wurden, diesen zu suchen. Zu diesem Zwecke dringen sie in ein nur scheinbar verlassenes Haus voller VHS-Kassetten und Fernseher ein. Der männliche Detektiv inspiziert das Gebäude, während seine Partnerin sich diverse Aufnahmen ansieht…
Episode 1, „Phase 1 Clinical Trial“, stammt wie die Rahmenhandlung von Adam Wingard, der auch die gleich die Hauptrolle bekleidet, während sich wie schon direkt zu Beginn der Rahmenhandlung eine junge Dame entkleidet. Wingard hat’s mit female nudity, doch eigentlich geht es um ganz allgemeine optische Reize, denn dem von ihm verkörperten jungen Mann wird eine Videochip ins Auge gesetzt, der sein durch einen Unfall verlorenes Augenlicht ersetzen soll. Dieser führt jedoch dazu, dass er Geister sieht und dadurch nicht mehr wirklich Lust auf diesen Chip verspürt. „Phase 1 Clinical Trial“ entpuppt sich als nicht sonderlich origineller, doch stimmiger Auftakt, präzise und kurzweilig inszeniert – gefällt! 7/10
„Blair Witch Project“-Regisseur Eduardo Sánchez und -Produzent Gregg Hale zeichnen für „A Ride in the Park“ verantwortlich: Ein Radfahrer filmt sich selbst bei einem Ausflug an einem sonnigen Tag und bietet dem Film mittels Helm- und Radkamera gleich zwei Perspektiven. Im Wald begegnet er Zombies, wird gebissen und dadurch selbst zu einem Untoten mit Appetit auf Mensch – und hat immer noch seine Helmkamera auf. Das ermöglicht dem Zuschauer eine innovative, distanzlose Point-of-View-Perspektive eines Zombies. Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass sich alles am helllichten Tag abspielt. Daraus resultierend sieht man auch eine Menge expliziten Splatter und Gore sowie recht gut gemachte Masken- und Make-up-Arbeiten, Zombies mit Marilyn-Manson-Augen... „A Ride in the Park“ wird sehr blutig, kurzzeitig kommt während des Zombie-Überfalls auf einen Kindergeburtstag (!) gar noch eine dritte Kameraperspektive zum Einsatz und wir lernen so etwas wie einen Borderline-Zombie kennen. Schnörkelloser Kurzfilm der besonderen Art, der vorzüglich unterhält und wortwörtlich neue Perspektiven auf die Zombie-Thematik bietet. 7,5/10
Wohlgemerkt: Die zweite Episode war von den „Blair Witch“-Machern. Timo Tjahjanto („Macabre“) und Gareth Huw Evans („The Raid“) gingen jedoch offensichtlich in die „Blair Witch“-Schule und drehten mit mehreren Handkameras „Safe Haven“, die dritte Episode, in der eine ostasiatische Sekte zum Dreh eines Dokumentarfilms besucht wird. Und da geht’s dann aber mal so richtig rund: Der Laden entpuppt sich als Selbstmordsekte, die nicht gewillt ist, das Kamerateam wieder gehen zu lassen. Auch hier wird’s sehr blutig, derbe Szenen von Kopfschüssen treten an, den Zuschauer in beklemmender, apokalyptischer Atmosphäre zu verstören. Doch damit noch lange nicht genug: Ein Mann explodiert einfach, fiese Mutanten brüten in ekligen Bildern vor sich hin, Menschen werden zombifiziert, Monster bitten zum Tanz – hier ist einfach alles drin, inkl. unzweideutiger „Blair Witch Project“-Referenzen. Zwischenzeitlich behilft man sich mit Überwachungskamerabildern, so dass dem Zuschauer auch ja nichts entgeht. Superdick aufgetragen, aber auch supergut inszeniert und in rasantem Tempo umgesetzt – hat definitiv Langfilm-Potential und ist der klare Gewinner dieser Anthologie! (Dass es sich strenggenommen nicht um private Amateuraufnahmen handelt – geschenkt...) 8,5/10
„Slumber Party Alien Abduction“ von Jason Eisener („Hobo With a Shotgun“) fällt dagegen erwartungsgemäß ab: Zwei Jugendliche filmen sich zunächst beim Spielen mit Hund und Freunden, später, wie sie Streiche spielen und dann irgendwann, wie Außerirdische zwecks Entführung vorbeischauen. Hier versuchte man am deutlichsten, eine altbekannte Idee durch den Found-Footage-Stil aufzupeppen. Die schemenhaften Bilder humanoider, fein- und langgliedriger Wesen sind zwar durchaus gruselig ausgefallen, doch bei näherer Betrachtung sehen sie dann doch sehr nach Masken aus, womit Eisener Gefahr läuft, seinen quasi einzigen Effekt zu untergraben. Unterhaltsam und kurzweilig, aber nichts Besonderes oder gar Erinnerungswürdiges. 6/10
Die eigentliche Pointe bleibt indes der Rahmenhandlung vorbehalten. Doch beim krassen Suizidversuch-Ende wollte man nicht belassen und verfällt in Zombie-Allerlei, das zwar ein großes Fragezeichen ins Gesicht des Zuschauers meißelt, aber zumindest „gut“ aussieht. Interessanter ist, wie man die analoge, mittlerweile antiquierte VHS-Technik mit der Moderne zu kombinieren versucht und Videos auf dem PC zeigt, in Zeiten von HD-Kameras in Mobiltelefonen folgerichtig „nebenbeigefilmte“ Digitalaufnahmen zum Ausgangspunkt nimmt, jedoch keine wirklich befriedigende Antwort parat hat, weshalb solche heutzutage unnötig kompliziert auf VHS-Kassetten „analogisiert“ werden sollten. Ja, spätestens wenn man das Gesehene noch einmal Revue passieren lässt, wirkt die Rahmenhandlung doch wenig Sinn ergebend und bemüht konstruiert, letztlich redundant. Der Titelsong „6 Different Ways to Die“ der australischen Post-Punk-Band „The Death Set“ kann sich übrigens hören lassen und passt zum teils doch durch seine erfrischende Radikalität und Exploitativität positiv auffallenden zweiten Teil der Reihe, der jedoch auf den Neugierde- und Überraschungseffekt des Vorgängers verzichten und unterm Strich ein paar Federn lassen musste.