Review

Jubilee beginnt im elisabethanischen Zeitalter, für das Jarman ebenso ein Faible entwickelt hatte wie Kollege Peter Greenaway. Beide Regisseure haben sich an Verfilmungen von Shakespeares "The Tempest" versucht - Greenaway (1991) mit damals neuartiger Paintbox-Technik, Split-Screen-Orgien und biographischem Deutungsansatz, Jarman (1979) im schillernden Punk-Gewand. Jubilee bildet eine Art Vorstufe des folgenden Tempest. Hier ist nicht (wie in etlichen literaturwissenschaftlichen Anmerkungen) Prospero ein überhöhter John Dee, sonder hier ist Dee (wunderbar: Richard "Rocky Horror Show" O'Brien) ein wahrer Prospero, der in den ersten Filmminuten seine Queen Elisabeth I mit Hilfe des Engels Ariel auf eine bildgewaltige Zeitreise nimmt, in deren Verlauf bereits Punk und elisabethanisches Zeitalter aufeinanderprallen.
Angekommen in der Gegenwart erleben Queen Elisabeth I und Dee schlagartig eine pure Endzeit-Vision: Marodierende Punk-Horden (darunter Toyah Willcox, Jordan alias Pamela Rooke in der Rolle von Amyl Nitrite und Stuart Leslie Goddard - besser bekannt als Adam Ant, dem Sänger von Adam & the Ants) toben zur Musik von Siouxsie and the Banshees, Adam & the Ants, Wayne County and the Electric Chairs, Chelsea durch Straßen voller brennender Kinderwagen, die Queen wurde ermordet und der Buckingham Palace ist zum Tonstudio mutiert, ein diablolischer Medienmogul steuert die Musikszene und trinkt mit dem noch lebenden Adolf Hitler gemütlich Tee, während dieser sich zum größten Maler des Jahrhunderts aufplustert.
Eine Handlung im engen Sinne gibt es dabei kaum noch... nur episodenhaft wird das Geschehen um Crabs (Little Nell), Mad (Toyah Willcox), Chaos, Angel Sphinx, Viv und Max verfolgt... immer wieder auch durch die Augen der etwas aus der Fassung geratenen Zeitreisenden.
Diese bizarren Hauptfiguren (wenn man überhaupt von Hauptfiguren sprechen will) leben ihre Form von Anarchie aus, die deutlich an die Wunschträume der Situatinoisten angelehnt ist... ein von ihnen belauschter Vortrag von Amyl Nitrite fasst es in etwa so zusammen: "Don't Dream it, be it! [...] When your Desires Become Reality, you don't need Fantasy any longer - or art." (00:08:32) Und so gleiten Imbiss-Besuche in bizarre Gewalttaten ab, in denen der Ketchup nur so spritzt (erinnert ein bisschen an den Obst und Gemüse-Splatter aus Jodorowsky "Montana Sacra" (1974)), Gruppensex endet in der kunstvollen, wenngleich dreckigen Hinrichtung des einzigen Mannes der es wagte zu kommen, spontane Balletttänze (von hohem ästhetischen Wert: Jarman überspringt einzelne Frames und lässt das Bild passend zur Musik wackeln) in brennenden Müllhaufen sind ebenso normal geworden wie das Mitsummen von Hits wie "Plastic Surgery"...
Gleichwohl Jarman die immer wieder einbrechenden Gewaltakte sehr verstörend inszeniert und das zugrunde liegende Lebensgefühl im Rahmen der elisabethanischen Elemente besonders schmuddelig und beängstigend erscheinen lässt, wird doch immer wieder deutlich dass ihn zugleich das nicht zu leugnende Freiheitsgefühl, das die Szenen ausgelebter Begierden durchzieht, überaus fasziniert. Am deutlichsten wird das womöglich in der Szene, die randalierende Punks zeigt, welche ein Auto in seine Einzelteile zerlegen und von einem verständnisvoll lächelnden Polizisten in ihrer Tat bestätigt werden... Von dieser Szene abgesehen zeichnet Jarman dann auch kein gutes Bild der Polizei, die sich hier in der Regel aus uniformierten Killern zusammensetzt, die feige nur gemeinsam ihre Autorität ausleben. (Sie kriegen dann ihr Fett unter "No Future!" Geschrei ab, als man sie einfach zerbombt...)
Bis hierhin ist der Film formal beeindruckend (Jarman war einige Zeit zuvor Assistent von Ken Russell bei The Devils und Savage Messiah und das merkt man hier auch sehr stark), ideologisch jedoch nicht klar verfolgbar. Als jedoch der katholische Filmdienst schrieb: "Die Punkgeneration hat die Macht übernommen. Jeder killt jeden. Sex wird zur Lebensmaxime. [...] Was eine Parodie auf eine immer dekadenter werdende Gesellschaft oder gar eine Analyse eines soziologischen Problems hätte werden können, geriet nur zu einer dilettantisch aufgenommenen und montierten Bilderflut, die die möglicherweise beabsichtigte Kritik Lügen straft."1 machte man den Fehler, Jarman vorzuwerfen, er sei seiner Bildgewalt erlegen... tatsächlich ist nämlich gerade die Zuneigung zum anarchistischen Lebensgefühl der vorgestellten Punkszene Jarmans Anliegen, der dann jedoch nicht konsequent mitmacht, sondern die Notbremse zieht wenn das Ausleben der Begierde auf Kosten anderer Menschenleben ins Spiel kommt. (Eine Furcht die rückblickend etwas lächerlich erscheint, auch wenn etwa die rechte, amerikanische Punkszene in ihren Anfängen teilweise tatsächlich in ihrer Ideologie einigen Gesellschaftsmitgliedern (Juden, Farbigen und Schwulen) das Leben abgesprochen hat...)
Dass die Verbindung bzw. Gegenüberstellung mit dem elisabethanischen Zeitalter schwierig fällt, dürfte daran liegen dass Jarman hier ästhetische mit ideologischen Interessen verknüpften wollte (wie auch in The Tempest und The Angelic Conversation) was letztlich nicht so ohne weiteres aufgeht wenn etwa ästhetische Elemente selbst schon ideologisch belegt sind. Interessanterweise schnitt dann auch ben Barenholtz die 16 elisabethanischen Minuten aus dem Film heraus und präsentierte in ab September 1979 als Pro-Punk-Film.
Was Jarman dafür umso besser gelungen ist und womit er auch jede Menge Weitsichtigkeit bewiesen hatte ist der Aspekt der kommerziellen Ausbeutung bzw. Prostitution. Wenn Amyl Nitrite hier von Medienmogul Borgia Ginz (ein glänzender Jack Birkett) mit einer grellen Rule Britannia Performance für den Eurovision Song Contest eingespannt wird und Mad (Toyah Willcox) für eben diesen Musikvideos abdreht ist das - trotz Rotzens in die Kameralinse - ein nahezu erbämlicher Akt der Anbiederung, vor allem wenn man die Szenen berücksichtigt in den TV-Zuschauer vor ihren Flimmerkisten die gepushten Punk-Stars anhimmeln. Hier zeigt Jarman einen Rummel auf, den Punk per se eigentlich ablehnt. Es verwundert daher nicht, dass sich The Clash und die Sex Pistols nicht für Jarman zur Verfügung stellten. (Letztere sind immerhin auf einem God Save the Queen Shirt anwesend, das wie die Rule Britannia Szene und der Titel "Jubilee" ironisch zu verstehen ist.)
Bemerkenswert ist auch, dass Jarman Adam Ant hier mit dem geschminkten Auge eine Alex aus "Clockwork Orange" (1971) auftreten lässt - sicher nicht zufällig Milch trinkend vor einem in Stein gehauenen Beethoven. Auch hier erweist sich Jarman als nahezu visionär, schließlich wurde "Clockwork Orange" bald darauf kurzzeitig ein Kultfilm der Punkszene, Jubilee selbst brauchte als "Britain's First Official Punk Movie" (Time Out) eine Weile länger und erreichte dann auch - zumindest in den USA - nur einen Mini-Kultstatus, dem "Shock Treatment" (1981) Erfolg vergleichbar.
Insgesamt ein manchmal alberner, meist aber intelligenter, formal eindrucksvoller, unterhaltsamer und überaus witziger Streifen (gerade die schrillen Hitler-Episoden sind gut gelungen, die prinzipiell nette Jesus-Sequenz wurde leider verpfuscht: "diese völlig alberne und irgendwie unpassende Blasphemie-Nummer ist erbärmlicher als vergleichbare Momente in John Waters' MULTIPLE MANIACS oder Alexandro Jodorowskys MONTANA SACRA."2) der aber zu keiner Sekunde langweilt.
8/10

1) Lexikon des Internationalen Films. Rowohlt 1987, S. 1898
2) James Hoberman, Jonathan Rosenbaum: Mitternachtskino. Hannibal 1998, S. 261

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