„Karakter“, der niederländische Beitrag im Bereich „Bester ausländischer Film“, gewann 1997 vielleicht etwas überraschend dafür den Oscar. Wer den Film sieht, wird sich der Meinung der Jury sofort anschließen. Die Niederländer haben hier ein kleines Epos geschaffen.
A. B. Dreverhaven (Jan Decleir) ist tot. Mit einem Messer im Bauch und einem gebrochenen Genick wird er in seinem Büro gefunden. Dreverhaven war der örtliche Gerichtsvollzieher, berühmt, aber noch mehr gefürchtet. Gnade kannte er nie, Gefühle waren ihm fremd. Nun ist er tot. Verhaftet wird sein Sohn Jacob Katadreuffe (Fedja van Huêt). Er hat seinen Vater kurz nach seinem 2. Staatsexamen in Jura besucht, um sich endgültig abzuwenden. Katadreuffe erzählt dem ermittelndem Beamten seine Lebensgeschichte, denn Jacob...
...wuchs ohne Vater auf. Dreverhaven schwängerte sein Hausmädchen, die danach sofort verschwand und Jacob auf die Welt brachte. Leicht hatte es Jacob nicht. In der Schule als Bastard verschrieben, kommt er in die eine oder andere unangenehme Situation. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist ebenfalls schlecht. Beide ziehen zurück nach Rotterdam, wo Jacob zum ersten Mal seinen Vater sieht. Doch Dreverhaven interessiert sich nur für sein Geschäft, nicht für seinen Sohn, So muss Jacob sich alles hart erarbeiten. Er holt alles selber nach. Nachdem er sich verschuldet hat, bekommt er eine Chance in einer renommierten Kanzlei. Der Anwalt De Gankelaar erkennt schnell, was für ein besonderer Junge Jacob ist und fördert ihn wo er kann. Doch sein größter Feind bleibt Dreverhaven, der ihm das Leben schwer macht, wo er nur kann und es zerstören will...
„Karakter“ ist in den Niederlanden ein Roman, den dort scheinbar jeder kennt, wobei er in Deutschland nahezu unbekannt ist. Dennoch bekam dieser Film 1997 einen Oscar für den besten ausländischen Film. Und da ich am Benelux Kino interessiert bin, sah ich mir diesen Film an und habe es nicht bereut. Den Oscar hat dieser Film wirklich zurecht bekommen.
„Karakter“ wird fast wie ein kleines Epos, auch wenn der Film dafür mit knapp 120 Minuten zu kurz ist. Dennoch erleben wir die Kindheit des Jacob Katadreuffe in den 20er Jahren im niederländischen Rotterdam. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Jacob endgültig mit seinem Vater abschließen will. Nach einem provokanten Gespräch geht Jacob auf Dreverhaven los, das Bild friert ein, wir sehen Jacob im Knast, wo er uns nun seine Lebensgeschichte erzählt. Ein Weg von ganz unten nach oben. Dennoch wird Jacob nicht glücklich. Seine Mutter redet wenig, so ist der Junge ganz allein. Und wenn man allein ist, entwickelt man eine besondere Art der Stärke. So wagt er auch langsam aber sicher den Kampf gegen seinen eigenen Vater. Ein Verhältnis gibt es überhaupt nicht. Fernab jeder Gefühle macht auch Dreverhaven seinem Sohn das Leben schwer. Dreverhaven hat Geld, hilft er seinem Sohn auf die Beine? Nein, natürlich nicht, Dreverhaven entzieht seinem Sohn lieber das Geld.
Die schauspielerische Leistung muss stimmen, gerade bei so einem Film. Sie tut es aber auch. Die Person des A. B. Dreverhaven musste von einer bekannten Person gespielt werden. Auch wenn man in Deutschland mit dem Namen Jan Decleir sicherlich kaum was anfangen kann, der Belgier ist in den Benelux Ländern ein großer Star. Aus deutscher Sicht ist er einem vielleicht bekannt als der unter Alzheimer leidende Killer in „De zaak alzheimer“. Decleir gibt der Person des Dreverhaven eine unglaubliche Intensität. Dreverhaven lacht nie, Dreverhavens Miene ist immer finster und zu allem entschlossen. Mitleid kennt er nicht. Auch wenn Decleir gar nicht so viel Screentime hat, allein seine Präsenz reicht schon aus.
Gegenüber ihm steht der noch relativ junge Fedja van Huêt. Auch er muss der Person des Jacob Katadreuffe eine gewisse Intensität verleihen. Jacobs Leben war nicht leicht. Er erreicht viel, doch wirklich glücklich ist er nicht. Auch die Chance nach seiner großen Liebe lässt er scheinbar aus. Diese beiden Protagonisten stehen im Vordergrund und geben eine meisterliche Leistung ab. Auch das niederländische Kino hat einiges zu bieten.
Der Film läuft chronologisch ab, daher gibt es absolut keine Verständnisprobleme. Ab und zu wechselt der Film in die Gegenwart, wenn der ermittelnde Beamten ungläubig nachfragt, warum Katadreuffe so gehandelt hat in seinem Leben und nicht anders.
Über weite Strecken ist der Film ziemlich ruhig, es gibt viele Dialoge, dennoch wird der Film nie langweilig. Man ist immer fasziniert von dem Geschehen auf der Leinwand. Natürlich gibt es noch ein Finale, wo der Zuschauer erfährt, was nach dem Sprung von Katadreuffe auf seinen Vater passiert. Doch schon vorher bekommt der aufmerksame Zuschauer einen kleines Hinweis, was passieren wird.
Fazit: Sicherlich gehört das niederländische Kino nicht zu den bekanntesten. Es gibt einige Filme, die wirklich hervorragend sind, doch die kann man gut an zwei Händen abzählen, mehr fällt zumindest dem durchschnittlichen Uuschauer nicht ein. „Karakter“ ist ein Film, den man dazuzählen muss. Dank einer herausragenden Story und hervorragenden Darstellern, selbst die Nebenrollen sind vorzüglich besetzt, ist „Karakter“ ein Drama der besten Sorte. Hier gibt es nicht unnötigen Schmalz oder es wird nach Liebe geschmachtet, der Film ist relativ kühl, selbst das Ende wirkt nicht aufgesetzt, denn es gibt genug Hinweise im Film, dass es so enden könnte. .
Vielleicht auch deswegen hebt sich „Karakter“ von der breiten Masse ab. So ist dieser Film auf jeden Fall ein Geheimtipp. Wer ein Faible für solche Filme hat, wird um diesen Film nicht herumkommen.