Parallel kommen zwei Verfilmungen klassischer Kindergeschichten ins Kino - "Die fantastische Welt von Oz" nach den Romanen von L. Frank Baum, dessen Erstling "Der Zauberer von Oz" eine Vielzahl weiterer Fortsetzungen der Abenteuer von Dorothy im Land Oz nach sich zog, und "Jack the giant slayer" (Jack and the giants), basierend auf einem englischen Märchen. Beide Stories wurden schon mehrfach verfilmt, darunter die großartige Umsetzung von 1939 "The wizard of Oz" mit Judy Garland als Dorothy und die Trickfilm-Adaption "Mickey and the beansstalk" (1947) aus dem Hause Walt Disney, in dem Micky, gemeinsam mit Goofy und Donald Duck, über die Bohnenranke ins Land der Riesen kletterte.
Die Intention der beiden Neuverfilmungen liegt auf der Hand - mit Hilfe der aktuellen 3D- und CGI-Technik und unter der Leitung eines renommierten und mit Großproduktionen vertrauten Regisseurs (Sam Raimi in "Oz", Bryan Singer als Riesenbändiger), sollen die mit vielen Show-Werten ausgestatteten Stories als Fantasy-Spektakel auf die große Leinwand gebracht werden, weniger geeignet für die ursprüngliche Zielgruppe der ganz Kleinen als für Jugendliche und Erwachsene, denen auch die Comicverfilmungen von Raimi ("Spider-Man") und Singer (X-Men") gefielen. Doch anders als die Comicvorlagen verfügen die Märchen über eine einfach strukturierte Handlung und klar definierte Charaktere, weshalb auf unterschiedliche Weise versucht wurde, den Spagat zwischen Kinderbuchvorlage und Block-Buster-Kino zu bewältigen (die weitere Kritik zu "Jack and the giants" siehe unter der entsprechenden Filmseite):
"Die fantastische Welt von Oz"
Statt des Mädchens Dorothy wurde mit "Oz" der Zauberer in den Mittelpunkt der Story gestellt, allerdings kein "echter" märchenhaften Zauberer, sondern nur der Jahrmarkt-Gaukler Oscar Diggs (James Franco), genannt "Oz". Franco legt den auf Jahrmärkten auftretenden, Tricks wie die "schwebende Jungfrau" aufführenden Zauberer, als Hallodri an, dessen Fähigkeiten weniger für ein ausreichendes Einkommen, als für den Erfolg bei Frauen reichen. Sein Assistent (Zach Braff) wird entsprechend mit Almosen abgespeist, während er die jungen Damen immer mit dem selben Trick um den Finger wickelt. Das in ihm auch ein guter Kern verborgen sein muss, wird durch den Besuch von Annie (Michell Williams) deutlich, die ihm ihre zukünftige Vermählung mitteilt - offensichtlich liebt sie ihn, aber sein unreifer Charakter verhindert eine Beziehung zwischen ihnen.
Bis auch "Oz" wie einst Dorothy per Wirbelsturm in eine fantastische Welt befördert wird, gelingt dem Film eine optische wie erzählerische Eigenständigkeit, die nicht nur hinsichtlich der 3D-Technik überzeugen kann. In Schwarz-Weiß-Bildern und dem altmodischen 16:9 Bildformat wird mit "Oz" ein zwiespältiger Charakter eingeführt, der trotz der großen Farbenpracht, die ihn in der Zauberwelt erwartet, gleich wie gewohnt weiter macht. Dort begegnet er der schönen Theodora (Mila Kunis), die er ähnlich umgarnt wie zuvor die anderen Frauen, auch wenn sie sich als Hexe vorstellt - für ihn nur schwer vorstellbar, da er bei Hexen eine große krumme Nase und Warzen erwartet. Das Theodora ihn als den Retter bezeichnet, auf den das Land "Oz"schon lange wartet, irritiert ihn dagegen nur kurz, denn - geübt im Vortäuschen falscher Tatsachen - nimmt er die ihm zugedachte Rolle gerne an.
"Die fantastische Welt von Oz" versteht sich als freie Interpretation der Originalvorlage, verfügt über einige vertraute Figuren und Orte wie die Hexen, die geflügelten Affen und die Smaragdstadt, schart aber neue Figuren um die Hauptfigur "Oz" wie das Porzellanmädchen oder den ihn bedienenden Affen in Pikkolo-Uniform. Doch spätestens, als er auf die Hexe Glinda (Michelle Williams) trifft, um gegen sie anzutreten, verlässt der Film seine leicht ambivalente Betrachtungsweise, um die Pfade einer vorhersehbaren Story zu betreten, die mit viel optischem Brimborium auf das zu erwartende Ende hin läuft. Gegen die inneren Gesetze eines Kindermärchens kämpft auch ein guter James Franco vergebens, dem es lange Zeit gelingt, immer auch ein wenig angeberisch und unzuverlässig zu erscheinen, der aber irgendwann auch lernen muss, worauf es im "echten Leben" ankommt - wirklich überzeugend ist sein charakterlicher Wandel am Ende trotzdem nicht.
In seiner ersten Hälfte schafft "Die fantastischen Welt von Oz" den Spagat zwischen hervorragend eingesetzter 3D-Technik und einer Fantasy-Story, die auch ein älteres Publikum anzusprechen vermag, bevor er zunehmend in die gewohnten Gleise des vor allem mit knallbunten Bildern versehenen Block-Buster-Kinos zurückfällt - trotzdem insgesamt eine gelungene Umsetzung einer Kinderbuchvorlage (6,5/10).