Melissa McCarthy ist schon lange im Geschäft, aber erst seitdem sie in "Brautalarm" (2011) das Highlight abgab, startet ihre Karriere richtig durch. Wurde sie bisher in der Regel als Sidekick besetzt, sieht man von der TV-Serie "Mike&Molly" einmal ab, bekam sie in "Identity thief" (dessen Mehrdeutigkeit in ein beliebiges "Voll abgezockt" gewandelt wurde) die Hauptrolle - wie demnächst in "The heat" (Taffe Mädels), der an der Seite von Sandra Bullock schon abgedreht wurde. Man könnte daran einen Wandel im künstlich überhöhten Schönheitsideal von Frauen im amerikanischen Film festmachen, denn Melissa McCarthy hat zwar ein hübsches, sympathisches Gesicht, aber sie ist dick, sehr dick sogar.
Nicht das das Wort "dick" oder gar "fett" auch nur einmal im Film fällt, aber das ändert nichts daran, dass sich ein Großteil des Humors aus diesen Körpereigenschaften ableitet. Als einmal ein Mann Diana (Melissa McCarthy) beschreibt, nennt er sie "würfelförmig" und wenn sie gegenüber Trish Patterson (Amanada Peet) vertraulich erzählt, dass ihr Mann Sandy Patterson (Jason Bateman) keinen Moment während ihrer langen gemeinsamen Reise Hand an sie gelegt hätte, obwohl sie ihn angebaggert hätte, dann entsteht der Witz daraus, dass sich das sowieso Niemand vorstellen kann, angesichts der schlanken Amanda Peet. Auch sonst darf Melissa McCarthy genau das tun, was schöne, schlanke, meist sehr elegant angezogene Hauptdarstellerinnen nie tun - grob und vulgär sein, und sich ganz dem geschmacklosen "American way of life" hingeben mit greller Optik und "Dauer-Shoppen".
Dem kann man entgegnen, dass Jason Bateman einem ähnlichen, nur männlichen Klischee entspricht. Er wird weder als Held, noch als begehrter Junggeselle besetzt, sondern ist der Bürokrat oder brave Familienvater - ein Typ, über dessen weiblichen Vornamen "Sandy" alle lästern dürfen, ohne Ärger zu bekommen. Im Gegenteil erklärt Sandy Patterson jedesmal mit Engelsgeduld, der Vorname wäre "geschlechtsneutral". Als er einmal ironisch zu hören bekommt, sie dachte, er wäre "Batman", liegt der Witz nicht nur darin, dass Bateman fast so heißt, sondern, dass man sich kaum einen ungeeigneteren Mann für die Rolle des Batman vorstellen kann. Entsprechend skurril ist es, dass ausgerechnet der überaus korrekte Sandy Patterson, der in seiner Finanzfirma für die Buchführung verantwortlich ist, Ärger mit der Polizei wegen Körperverletzung und überzogenen Konten bekommt. Tatsächlich hatte sich die Trickbetrügerin Diana seinen "geschlechtsneutralen" Vornamen zunutze gemacht und mittels seiner Daten Scheckkarten gefälscht, um ihren ungebremsten Konsumrausch auf seine Kosten ausleben zu können.
Diese Konstellation lässt zwei Konsequenzen befürchten - dass sich der Film über zwei Außenseiter-Typen lustig macht und/oder sie charakterlich so verändert, dass sie am Ende quasi geläutert sind - sprich: sie ist auf dem Weg zu einer schlankeren, angepassteren und damit begehrenswerten Frau, er hat auch männliche Verhaltensmuster gelernt und ist in der Lage, sich in der harten Wirklichkeit durchzusetzen. Sieht man davon ab, dass Melissa McCarthy häufig in geschmacklose Wortschwälle verfällt, die nur Vorurteile bedienen, aber nicht komisch sind, muss man "Voll abgezockt" hoch anrechnen, dass er diesen Fehler nicht begeht. Beide bleiben ihren jeweiligen Charakteren treu und nähern sich gerade deshalb nachvollziehbar aneinander an. Die Story selbst ist ein typisches Road-Movie, da Patterson gezwungen ist, Diana per Auto in seinen weit entfernten Staat zu bringen, damit sie dort aussagen kann, dass sie an seinen Problemen schuld ist, sonst verliert er seinen Job. Das Killer-Duo und der alte "Kopfgeldjäger" (Robert Patrick), die auch hinter Diana her sind, geben der Story etwas Schwung, sind aber ebenso nebensächlich wie die nette Familienkonstellation von Sandy.
Am besten ist "Voll abgezockt" nicht in den auf groben Witz setzenden Szenen, sondern in seiner realistischen Beschreibung des US-Alltags. Während in typischen Hollywood-Komödien häufig die Umgebung oder die Situation, in die die gefälligen Hauptdarsteller geraten, übertrieben und unrealistisch gezeichnet sind, werden die beiden sympathischen Außenseitern hier mit einer entlarvenden Normalität konfrontiert. Schon die polizeilichen Maßnahmen zu Beginn und deren weitere Vorgehensweise in der Ermittlungsarbeit, lassen deutlich werden, wie schnell Jemand mit dem Gesetz in Konflikt geraten kann und wie schwerfällig das System ist. Dass Sandy Patterson dazu gezwungen wird, selbst die Betrügerin in seinen Staat zu holen, um einer weiteren Strafverfolgung zu entgehen, ist keine künstliche Ausgangssituation, gepaart mit den üblichen Unwahrscheinlichkeiten normaler Hollywood-Ware, sondern der einzige mögliche Ausweg.
Auch die Rede seines Chefs (Jon Favreau), mit der er üppige Bonus-Zahlungen an die Teilhaber der Firma verteidigt, während der normale Mitarbeiter seit Jahren keinen Cent zusätzlich zum mageren Gehalt erhält, ist keine Satire, wie auch die Bemerkung des männlichen Teils des Killer-Paares, seine Partnerin erfülle als Südamerikanerin beide Ausschlusskriterien beim Kauf einer Immobilie - sie sei Ausländerin und schwarz, zumindest für die Leute in dieser Gegend. "Voll abgezockt" wird Diejenigen enttäuschen, die sich davon ein Dauerfeuer an geschmacklosen Witzen versprechen, wie es der Trailer andeutet. Tatsächlich ist der Film nur selten witzig, glücklicherweise auch nur selten gefühlig, sondern gibt dank zweier gut aufgelegter Darsteller, deren Charaktere nicht weit vom durchschnittlichen Betrachter entfernt sein dürften, das schlüssige Bild einer Sozialisation wieder, die nicht wirklich komisch ist (6,5/10).