War es Glück, Zufall oder Bestimmung, was bei „Cliffhanger“ geschah? Es gibt kaum einen straighten Actionfilm der frühen Neunziger, bei dem alles so perfekt zusammen passte. Sylvester Stallone, der selbst am Drehbuch mitschrieb, lief hier, nach diversen Flops wie „Rocky V“ und dem völlig misslungenen Ausflug ins Komödienfach „Stop! Or My Mom Will Shoot“, ein letztes Mal zu Höchstform auf. Die folgenden Filme waren entweder weitere Rohrkrepierer („The Specialist“, „Judge Dredd“) oder konnten wie „Demolition Man“ und „Assassins“ nur noch Achtungserfolge verbuchen – was aber dann nicht mehr an Slys Actioneinlagen, sondern an seinen gut aufgelegten Gegnern Wesley Snipes und Antonio Banderas lag. Regisseur Renny Harlin, der sich mit „Die Hard 2“ als Actionspezialist auswies, sollte, auf dem Höhepunkt seines Schaffens angekommen, nie wieder so einen brillanten Actionthriller abliefern und statt dessen Flops in Serie produzieren. Daran ging auch Mario Kassars (hier auch Produzent) Firma Carolco zugrunde.
Allein das Panaroma der verschneiten Berge ist atemberaubend. Begleitet von Trevor Jones („The Last of the Mohicans“, „G. I. Jane”) Score, der leider ab und zu an Alan Silvestris Kompositionen zu “Predator” erinnert, vermitteln die Berge ein Gefühl von Frei- und Unendlichkeit. Eine unberührte Welt, in die sich kaum ein Mensch traut. Nur Extrembergsteiger und eben die Männer von der Bergrettung wie Hal Tucker (Michael Rooker, „The Replacement Killers“, Replicant“), der seine neue Freundin unbedingt beeindrucken wollte und nun selbst aus seiner misslichen Lage befreit werden muss. Allein die tragische Intro-Sequenz, in der Gabe Walker (Sylvester Stallone, „Rambo“, „Rocky“) sein eigenes Leben riskiert, ist an Spannung kaum zu überbieten. Der Drahtseilakt ist nicht nur Filmgeschichte, sondern wurde inzwischen in Filmen wie „Ace Ventura II“ veralbert.
Ein Jahr nach dem Unglück zieht es Walker, der sich, um Abstand zu gewinnen, anderweitig Arbeit suchte, wieder zurück in die Rocky Mountains. Er will seine damalige Freundin Jessie Deighan (eine sehr süße Janine Turner, „Steel Magnolias“) zum Weggehen zu überreden. Die ist nicht nur schwer enttäuscht von seinem Verhalten, sondern will auch nicht ihren Job bei der Bergwacht und erst recht nicht ihre Hab und Gut aufgeben. Das Vorgeplänkel um kriselnde Beziehungen, eine kaputte Freundschaft und einen von Schuldgefühlen geplagten Sly wird dankbar kurz gehalten, auch wenn Stallone hier wesentlich glaubwürdiger als in späteren Rollen rüberkommt. Es soll nicht lange dauern, bis es in luftige Höhen geht...
Dorthin werden Walker und Tucker, der Gabe immer noch nicht verziehen hat, von dem exzentrischen Bösewicht Eric Qualen (John Lithgow) gelockt. Nach der missglückten Kaperung eines mit 100 Millionen Dollar beladenen Regierungsflugzeugs, sitzen sie in den Rocky Mountains fest. Lithgow ist neben Stallone der Star des Films. Seine herzlose, trockene und gnadenlose Art, ist die eines Vorzeigebösewichts. Skrupel sind ihm unbekannt, er will nur die Kohle. Egal wer, wo, wann und wie dabei ums Leben kommt. Das sollen auch Unschuldige und seine eigenen Leute zu spüren bekommen...
Die Jagd nach den drei, mit Transpondern ausgerüsteten, Koffern macht den Hauptteil des Films aus. Harlin zelebriert hier in luftigen Höhen ein Actionfeuerwerk, das sich keine Pause gönnt. Die Stunts an den Wänden sind spektakulär, die Shootouts blutig, die Explosionen mächtig, die Prügeleien hart und die Oneliner trocken. Walker und Tucker dezimieren die Bösewichte, klettern virtuos an den Wänden hinauf und kämpfen um das nackte Überleben. Dabei sind einige Szenen zwar fern der Realität und nicht immer mit Logik behaftet, aber wer sich hier großartig darüber aufregt, ist sowieso im falschen Film.
Die mit allerlei Spielzeug wie Nachtsichtgeräte, Schnellfeuergewehren, Shotguns, MPs und C4-Sprengstoff ausgerüsteten Verbrecher legen nebenbei zwar den halben Wald in Schutt und Asche und lösen Schneelawinen aus, können Klettermaxe Sly, der sich mit seiner Bergsteigerausrüstung wehrt, aber nicht überwältigen. Das führt schließlich zu einem, wieder technisch exzellent umgesetzten, Doppel-Showdown, bei dem Walker, in einem leider sehr nach Studio aussehendem Set, erst Eistauchen übt und dann einen Hubschrauber zum Absturz bringt.
Für den Actionfan ist „Cliffhanger“ die pure Offenbarung. Wer sich über Dialogknappheit, einsilbige Charaktere, Anschlussfehler und körperliche Unmöglichkeiten aufregt, hat bei diesem Film sowieso keinen Spaß. Meisterlich wie Spannung und Action sich hier ergänzen. Das verschneite Bergszenario sollte, trotz netter Genrebeiträge wie „Vertical Limit“ nie wieder soviel Adrenalin produzieren. Das Tempo ist enorm, für Abwechslung ist, da auch mal innerhalb des Berges und über wackelige Brücken gekraxelt wird, gesorgt. Und dann ist da eben noch Stallone, dem man sein Alter ein letztes Mal nicht anmerkt...
Fazit:
Renny Harlin gelang mit „Cliffhanger“ der beste Film seiner bisherigen Karriere. In dem erfrischen anderem Szenario lässt er ohne langes Vorspiel ein Actionfeuerwerk der Extraklasse vom Stapel, das bis heute, trotz einiger inzwischen antiquierter PC-Tricks, nichts von seiner Faszination verloren hat. Spektakuläre Stunts, ein Härtegrad, der für ein R-Rating entschärft werden musste und gut aufgelegte Schauspieler katapultieren den Film in die Oberliga der Actionthriller. Nie war eine Berghatz spannender!