Sylvester Stallones Ausflüge ins Komödienfach waren nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Die 1984 erschienene Country-Komödie Der Senkrechtstarter, in welcher sich der Italian Stallion grauenhaft singend zum Affen macht, fand ebenso wie die schnarchige Mafiosi-Persiflage Oscar - Vom Regen in die Traufe (1991) keinerlei Beachtung und der meiner Meinung nach unterhaltsame Stopp - Oder meine Mami schiesst (1992) wurde von den Kritikern förmlich in der Luft zerrissen, ganz zu Schweigen von den desaströsen Einspielergebnissen der genannten 3 Probanden. Da er mit Rocky und Rambo zum damaligen Zeitpunkt bereits abgeschlossen hatte, musste ein neuer Actionfilm her, um die Anfang der 90er Jahre ins stottern geratene Karriere wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Die Entscheidung Stallones, trotz akuter Höhenangst an Rene Harlins spektakulärem, rasanten Bergretter-Actionkrimi Cliffhanger (1993) als Hauptdarsteller mitzuwirken, sollte sich als echter Glücksgriff erweisen und die brisante, 65 Millionen teure Achterbahnfahrt erzielte über 255 Millionen Umsatz an den weltweiten Kinokassen. Stallone war wieder da und wie!
Anstatt Cliffhanger wollten Stallone & Harlin ursprünglich den Actionfilm Gale Force drehen, doch Carolco Pictures stornierte das Projekt auf Grund Kostenexplosion zwei Wochen vor Drehbeginn, so dass Cliffhanger in den Fokus der beiden Herren rückte. Vor Produktion schrieb Stallone Michael Frances Drehbuch neu, was zu gravierenden Änderungen führte und erklärt, warum beide Namen als Skript verantwortlich in den Credits auftauchen. Gedreht wurde vom 11.04.92 bis zum 19.08.92 in den italienischen Dolomiten, da die US-Umweltbehörde für den eigentlichen Filmschauplatz Rocky Mountains die Drehgenehmigung wegen zu erwartender Umweltschäden verneinte. Die Geschichte vermischt gekonnt den gefährlichen Alltag eines Bergretters mit einem fesselnden Terroristen Komplott. Die Rocky Mountain Ranger Gabe Walker (Sylvester Stallone) und Hal Tucker (Michael Rooker) eilen einem Hilferuf verunglückter Bergsteiger hinterher. Was sie nicht wissen: Es sind mit dem Flugzeug abgestürzte Terroristen, welche die Helfer dafür missbrauchen wollen, ihre 3 verschollenen Geldkoffer zu suchen. Ihr Anführer Eric Qualen (John Lithgow) hält zwei "Suchhunde" für Luxus und gibt Walker zum Abschuss frei, während Tucker die Gangster alleine zur Beute führen muss. Gemeinsam mit der Bergretterin Jessy (Janine Turner) versucht Walker, vor der skrupellosen Bande beim nächsten Koffer zu sein...
Nun, dass hier eigentlich in Italien und nicht in Kanada gedreht wurde, fällt denke ich wirklich nur Ortskundigen auf und Proteste sowie Anfeindungen gegen Carolco Pictures hagelte es auch bei unserem südlichen Nachbarn, in einigen Zeit aktuellen Berichten von damals war sogar von "Stallone, der Umweltsau" die Rede. Was die Qualität der Aufnahmen angeht, dürfte es aber keine zwei Meinungen geben: Das eisige Hochgebirge der Dolomiten liefert prachtvolle Naturaufnahmen und Rene Harlin versteht es ausgezeichnet, die beeindruckende Szenerie audiovisuell gebührend zu Medialisieren. Geschickt variiert er zwischen diversen Zoomstufen wie Panorama Ansicht, Totale, oder Halbtotale um die Faszination der verschneiten Gipfel und Felswände optimal einzufangen, was durch den flüssigen Wechsel in die Vogelperspektive perfektioniert wird. Die orchestralischen Klänge von Trevor Jones Cliffhanger Theme versetzten den Zuschauer gemeinsam mit der immensen Bildgewalt in die geeignete Stimmung, sich der spektakulären Actiongala hinter dem exotischen Ambiente völlig hinzugeben, denn die Natur bietet selbsterklärend auch genügend Möglichkeiten für mitreißende Auseinandersetzungen und für jede Menge atemberaubender Stunts.
Die Action in Cliffhanger als bahnbrechend und diese als eines der brachialsten Feuerwerke der 90er Jahre zu beschreiben, ist sicherlich nicht untertrieben, denn was Rene Harlin und sein Team hier in schwindelerregenden Höhen auf die Beine gestellt haben, hat jede vergebene Superlative mehr als verdient. In den knapp 100 Minuten Nettospielzeit kracht es an allen Ecken und Enden: Klettern ohne Sicherung, rasante Verfolgungsjagden zu Fuß bzw. mit dem Schneemobil, knackige Zweikämpfe, blutige Shoot-Outs und gewaltige Explosionen, es gibt kaum Wünsche, die dem Actiongourmet nicht erfüllt werden. Dabei ist bei der Inszenierung neben dem gebotenen Spektakel und der schonungslosen Härte auch das Streben nach der perfekten optischen Bildeinstellung auffällig, denn wenn sich der Schnee nach einem Gewaltexzess beispielsweise rot färbt oder eine Explosion eine monströse Lawine auslöst, kann der Zuschauer gar nicht anders, als überwältigt zu staunen und Beifall zu klatschen. Die MPAA war dem teilweise recht brutalen Treiben nicht so wohlgesonnen und erteilte das gewünschte R-Rating erst nach massiven Kürzungen vor der Veröffentlichung in den Staaten. Die Szenen, welche der Willkür der Zensoren weichen mussten, sind phasenweise durch Anschlussfehler bemerkbar, denn der zweite Fallschirmspringer wird normalerweise ebenfalls mit Kugeln durchsiebt und bei Trevors Ableben kommt in der Unrated-Version eine Pumpgun zum Einsatz, was sein Todeskampf deutlich drastischer erscheinen lässt. Leider ist das inoffizielle Workprintvideo mit den erweiterten Sequenzen auf katastrophalem Bildniveau, eine offizielle Veröffentlichung der XXL Fassung ist bis heute nicht erschienen.
Eine ernstgemeinte Warnung sei allerdings ausgesprochen: Wenn für Sie Realismus und Glaubwürdigkeit das Kriterium Nr. 1 für gelungene Abendunterhaltung ist, könnten Sie mit Cliffhanger womöglich Probleme bekommen, denn hier wird auf Material- und Naturgesetze im wahrsten Sinne des Wortes gepfiffen. Das fängt schon mit dem anfänglichen Absturz an, bei welchem eine Schnalle von einem Sicherheitsgurt bricht, was in der Realität niemals passieren würde und die Darstellung der Bolt-Gun, welche Bolzen direkt in den Felsen schießt, ist zumindest, so wie in der Filminterpretation gehandhabt, der Fantasie der Autoren entsprungen. Auch die übernatürlichen Kräfte von unserem Superhelden, der im T-Shirt bei Minusgraden anscheinend ungesichert eine fast ebene Gesteinswand hochklettert, sieht zwar imponierend aus, hat aber mit richtigem Bergsteigen so viel zu tun wie ein Mc Donalds Burger mit gesundem Essen. Ich für meinen Begriff habe mich von der kleinen Märchenstunde nicht sonderlich gestört gefühlt, denn die Plausibilitätsdefizite werden von dem grandiosen Actiongewitter mehr als ausgeglichen und wer eine Kraxeldoku ansehen möchte, sollte lieber zu Reinhold Messner - Der Film wechseln, wobei das Finale mit dem festgeschnallten, hängend baumelnden Hubschrauber dann vielleicht doch des Irrsinns ein bisschen zu viel war.
Hervorzuheben ist auch die phänomenale Darbietung von John Lithgow (Mein Bruder Kain; Die Akte) als nihilistisch egozentrischer Psychopath Eric Qualen, der mit zynischem Sarkasmus, einer besessenen Mimik und einer beängstigenden Kaltschnäuzigkeit die Anforderungen an einen verabscheuungswürdigen Widersacher stets zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Und was ist mit Sylvester Stallone? Seine Performance ist ebenfalls in höchsten Tönen zu loben, da er das Dilemma um sein durchlebtes Trauma mit der abgestürzten Freundin seines Kollegen evident zur Geltung bringt und die Selbstzweifel seiner Filmfigur glaubwürdig verkörpert, während er als Actionstar selbst die unmöglichsten Hindernisse überwindet und den skrupellosen Gangstern fulminant die Stirn bietet. Die weiteren Rollen auf der Seite der Bergwacht wurden mit professionell auftretenden Akteuren wie Michael Rooker (Henry - Portrait of a serial killer), Janine Turner (Der Affe im Menschen, The Ambulance) und Ralph Waite (Die Waltons) sympathisch bestückt und auch die bunte Zusammenstellung der gemeingefährlichen Terroristengruppe ist mit markanten Darstellern aká Craig Fairbass (Für Königin und Vaterland; Heißer Verdacht, Footsoldiers), Caroline Goodall (Hook; Schindlers Liste) oder Leon Robinson (Cool Runnings, Colors - Farben der Gewalt) angemessen besetzt, so dass von einer insgesamt überzeugenden Darstellerriege gesprochen werden muss.
Auf Grund des enormen Erfolges und den größtenteils positiven Kritiken plante TriStar gemeinsam mit Carolco Pictures 1994 eine direkte Fortsetzung mit dem Titel "The Dam" und Stallones Charakter Gabe Walker sollte am Hoover Dam erneut gegen Terroristen kämpfen, das Projekt kam aber nie über den Status "in Entwicklung" hinaus. Ob ein zweiter Teil ähnlich erfolgreich gewesen wäre, weiß man nicht und manchmal ist es vielleicht besser, nicht aus allem und jenem einen Mehrteiler zu kreieren. Cliffhanger zählt jedenfalls völlig zu Recht zu den unumstrittenen Action Klassikern der 90er Jahre und weiß mich auch heute noch wie am ersten Tage zu begeistern. Ein wieder erstarkter Sylvester Stallone, ein brillant aufspielender John Lithgow, ein fesselnder Terroristenplot, knallharte Zweikämpfe, spektakuläre Action und wunderschöne Naturaufnahmen sorgen für ein hochspannendes und äußerst unterhaltsames Filmerlebnis, die Diskrepanzen im Logikbereich wird der geneigte Actionfan Cliffhanger nur bedingt übel nehmen. "Die Heizkosten waren dieses Jahr gigantisch" MovieStar Wertung: 9 von 10 Punkte.