Es ist zwar nicht so weitbekannt, aber das Experiment Walt Disneys, klassische Musik und Animation zu verbinden, wurde tatsächlich noch einmal an anderer Stelle umgesetzt als nur bei „Fantasia“.
Der Italiener Bruno Bozzetto, hauptsächlich bei uns bekannt für die Schöpfung des Herrn Rossi (der das Glück sucht und hier im Film einen kurzen Gastauftritt hat), schuf mit „Allegro non troppo“ ein ähnliches Werk, das sich allerdings einer realen Rahmenhandlung bedient.
Ansonsten werden auch hier wie bei Disney sechs relativ bekannte klassische Musikstücke per Zeichentrick illustriert, allerdings weniger mit dem Faktor Niedlichkeit, sondern mehr mit Erotik, Gefühl oder kritischem Abstand versehen.
Für den Versuch gebührt Bozzetto die höchste Ehre, allein es krankt an der Ausführung.
Die Animationssequenzen sind in dem nicht ganz 80minütigen Film höchstens für knapp die Hälfte der Lauflänge verantwortlich, den Rest bildet eine absurde Rahmenhandlung.
In einem leerstehenden Theater hat nämlich der Moderator (der ein Matadorenjäckchen trägt) mit einem grimmigen und gewalttätigen Dirigenten ein Orchester aus alten Vetteln versammelt, während ein entführter Zeichner die Stücke unter Zwang illustrieren muß.
Das wäre jetzt brauchbarer Platz für ein paar schön geschriebene Intermezzi, jedoch versinken diese Sequenzen irgendwo zwischen Infantilismus und Albernheiten. Der Zeichner trägt etwa ein Duell mit einem Gorilla aus, muß sich quälen lassen, während der Dirigent zwischendurch auch mal eine Frau aus dem Orchester verprügelt (im Off). Schlußendlich gibt es noch etwas laurel-und-hardyschen Slapstick, aber was der zudem bis zum Exzess mit Nichtigkeiten zugetextete Mumpitz soll, kann man sich mit Fug und Recht fragen.
Auch die Animationssequenzen sind leider nicht ganz frei von Makel, wobei die Musik natürlich unangreifbar bleibt.
Es beginnt mit „L’Apres-midi d’une faune“ von Debussy, der seinen Titel sehr wörtlich nimmt, hier stellt ein alterschwacher Faun hübschen Mädchen nach, doch all seine Tricks verfangen nicht mehr, bis er schließlich in der leeren, scheinbar farblosen Landschaft aufgeht, die sich als riesige, nackte Frau entpuppt. Die Zeichnungen unterstreichen hier passend die Musik, trotzdem sind die groben Zeichnungen und das erotische Thema irgendwie nicht groß genug erfaßt.
In Dvoraks „Slavischem Tanz No.7“ wird die Massenkonformität angegangen, wenn das Volk dem Einen unter ihnen mit neuen Ideen scheinbar lammfromm alles nachmacht – bis zur Pointe, einer kleinen Spitze gegen Militarismus und Nationalsozialismus.
Das dritte Stück ist dann auch deutlich der Höhepunkt: Ravels sich langsam auftürmender „Bolero“ erscheint als komplette Evolutionsgeschichte. Die zurückgelassene Cola-Flasche von Raumfahrern läßt auf dem öden Planeten Leben entstehen, daß sich durch alle Evolutionsstufen des Fressen- und Gefressenwerdens bewegt, musikgetreu auf einem endlosen Marsch über den Planeten. Phantasievoll und dramatisch, filmisch eindrucksvoll und ideenreich – definitiv ein Höhepunkt, der das ähnliche Thema in „Fantasia“ toppt.
In Sibelius‘ „Traurigem Walzer“ schauen wir dann in eine Betonwelt. In einem noch nicht fertig abgerissenen Haus erweckt eine schwarze Katze ihre Erinnerungen an die glücklichen, menschlichen Zeiten in diesem Haus für uns zum Leben. Das Stück ist nicht unbedingt technisch hervorragend umgesetzt (die erinnerten Menschen sind reale Aufnahmen, rotoskopiert), wirkt aber gefühlvoll und eben sehr traurig, ein wirklich schönes Stück.
Vivaldis Konzert in C-Dur präsentiert als kleinen Scherz die Erlebnisse einer Biene im Frühling, die von einem Liebespaar ständig beim Essen gestört wird, eine hübsche Belanglosigkeit und sicher nicht Vivaldis bestes Stück.
Das Finale, Strawinskys „Feuervogel“ schließlich präsentiert die biblische Variante, daß Adam und Eva standhaft blieben und die Schlange den Apfel selbst versuchte – auf das sie von quietschbunten Teufels mit sündigen Versuchungen, Schmerzen, Drogen, Sex, Geld und den technischen Errungenschaften der Zukunft gegeißelt werde. Definitv nichts für Kinder, aber spritzig umgesetzt.
Leider mangelt es dem Ganzen dann auch noch an einem runden Ende und so konstruiert man aus Dutzenden Finales klassischer Stücke eben noch eine Collage zusammen, leider so überflüssig wie armselig umgesetzt.
Insgesamt eine eher wirre Melange, die durchaus ihre Höhepunkte hat, aber letztendlich nur zwei wirklich herausragende Episoden und eine grenzdebile, miskonzeptionierte Rahmenhandlung. Fällt so leider ins Mittelmaß zurück, ich möchte aber den Versuch honorieren. (5,5/10)