Der schwarz-weiße Stummfilm war eine Welt mit eigenen Regeln. Dialog wie Musik spielten selbstredend wenig bis keine Rolle; allein das Mienenspiel der Darsteller, ihre Körpersprache, sowie Bauten und Kulissen sorgten für visuelles Entertainment. Es war die Ära Charlie Chaplins, Stan Laurels, Oliver Hardys, Harold Lloyds, Alfred Abels und Buster Keatons. Doch nicht alle diese Stars des frühen zwanzigsten Jahrhunderts brachten es zuwege, ihren Ruhm in die Epoche des Tonfilms hinüberzuretten. Zu rasant verlief die Entwicklung für so manchen ehemaligen Filmpionier, als dass jeder die Zeichen der Zeit erkannt hätte. Auch Buster Keaton setzte seine einst steile Karriere in den Sand. Der Mann, der dafür bekannt gewesen war, am Set zu improvisieren und auf Drehbücher zu pfeifen, unterwarf sich entgegen den Ratschlägen seines Kollegen Charlie Chaplin den rigiden Forderungen des Studios Metro-Goldwyn-Mayer und erlitt Schiffbruch. Im wahren Leben. Filmisch hatte er ihn sogar schon einmal zuvor erlebt. Und zwar mit seinem Durchbruch. Mit „The Navigator".
Rollo Treadway (Buster Keaton), ein zappeliger Millionärssohn, beschließt, die hübsche Nachbarin Betsy, Tochter eines wohlhabenden Reeders, zu heiraten. Doch der Antrag wird irritiert abgelehnt. Die von ihm bereits geplante Ozeanreise will der enttäuschte Mann aber dennoch antreten. Dumm, dass er sich beim Betreten des Schiffs im Pier geirrt hat und sich auf der titelgebenden „Navigator" wiederfindet, die von der US-Regierung an einen kleinen Staat verkauft worden ist. Spione wollen allerdings den großen Kahn versenken bevor die Mannschaft an Bord geht und lösen die Leinen des Schiffes. Treadway schläft derweil, nichts Böses ahnend, allein an Bord in einer Kajüte. Nur eine weitere Person wird ihn auf der Odyssee durch den Pazifik - unfreiwillig - begleiten: Betsy. Die hat sich nämlich am Pier auf das Schiff verirrt, nachdem ihr Vater überfallen wurde. Die nächste Zeit ist Zeit genug, das Boot mit allerlei Klamauk und Situationskomik auseinanderzunehmen.
Nochmal kurz zurück. Des Morgens hört Rollo eine Stimme auf dem Geisterschiff. Und Betsy findet einen noch rauchenden Zigarettenstummel. Man ist nicht allein. Gott sei Dank. Nur finden muss man sich noch. Gar nicht so leicht, wenn Rollo und Betsy minutenlang im selben Tempo die Reling entlang ums Schiff rennen.
Man muss wissen, worauf man sich hier einlässt. Moderne Sehgewohnheiten gewähren keinen Schutz vor Langeweile angesichts der einen oder anderen strapazierenden Szene, die so albern ist und vorsintflutlich altbacken wirkt, dass man sich die filmhistorische Bedeutung des im Player liegenden Streifens lieber vor Augen halten sollte, um die gelieferten Schauwerte künstlich ein wenig hinaufzuschrauben. Da wird die Milchdose falsch herum angestochen und eine weiße Spur durch die Küche gelegt, es wird sich wieder und wieder auf den Stuhl gesetzt, der doch schon zuvor wieder und wieder in sich zusammengebrochen ist und da muss es bisweilen eben einfach genügen, allein an Buster Keatons bewusst mediokrem Gesichtsausdruck und seinen drolligen Gebärden Gefallen zu finden, die eben wunderbar antiquiert wirken. Und vielleicht findet sich sogar die eine oder andere Blödelei, die auch heute noch zündet und zum Schmunzeln, wenn nicht sogar zum Lachen einlädt.
Ungleich bedeutsamer an filmischer Substanz sind hingegen die Unterwasseraufnahmen des Films. Keaton schlüpfte dafür in einen schweren Taucheranzug und verbrachte einen ganzen Monat in einem dafür eigens hergerichteten Becken. Wie ein altes Nintendo-Spiel wirkt das Setting. Wie ein Happen Filmgeschichte die Szene. Man verliert sich beinahe ein wenig in Nostalgie. Doch dann liefert sich Rollo Treadway unvermittelt ein Fechtduell mit einem Schwertfisch. Und wir werden wieder in die Gegenwart zurückgerufen. Eine Gegenwart, in der für solche Zweikämpfe gewöhnlich SpongeBob Schwammkopf zuständig ist.
Als Reise in eine andere Welt und in eine andere Zeit mag „The Navigator" von Donald Crisp beziehungsweise Buster Keaton, der später die Regie übernahm, zu gebrauchen sein. Als Komödie im modernen Sinne kann der mit 60 Minuten recht kurze Film selbstredend nicht (mehr) dienen. Sogar verstaubter Ulk der Sorte „Dick und Doof" trifft weitaus öfter ins Schwarze als Buster Keatons irrlichternde Kreuzfahrt. Nicht völlig zu Unrecht sind die beiden Ikonen heute wesentlich bekannter.