Review

THE NAVIGATOR

(THE NAVIGATOR)

Donald Crisp und Buster Keaton, USA 1924


Lange nichts von Buster Keaton gesehen zu haben, ist ein Zustand, den man nicht kampflos akzeptieren sollte – und so habe ich mir wieder einmal einen seiner Filme angeschaut: Dies ist The Navigator (hierzulande nicht ganz richtig Der Navigator) – ein Streifen, den man ungeachtet des enormen kommerziellen Erfolgs, den er seinerzeit feiern durfte, gemeinhin nicht zu Buster Keatons Großtaten zählt. Aber selbst eine schwächere seiner Arbeiten sollte eigentlich immer das Ansehen wert sein.

Rollo Treadway, seines Zeichens unser kommender Protagonist und verwöhnter Millionärssohn, erwacht eines Morgens mit dem ebenso plötzlichen wie festen Vorsatz, die in einer Villa auf der anderen Straßenseite wohnende Reedertochter Betsy O’Brian zu ehelichen. Also lässt er seinen Diener schon mal die Karten für die Hochzeitsreise nach Hawaii buchen, schnappt sich einen Blumenstrauß und sucht (per Auto!) seine Zukünftige auf – die allerdings (vorerst) gar nicht seine Zukünftige ist, denn sie lehnt den vorgebrachten Antrag verwirrt, aber bestimmt ab.

Rollo sitzt nun auf seinen bereits besorgten Tickets, will jedoch wenigstens eins davon nicht verfallen lassen und begibt sich am Abend zum Hafen, um an Bord des Schiffs zu gehen, das ihn in die sonnigen Südseegefilde bringen soll. Dummerweise verwechselt er den Pier und steigt in den titelgebenden Passagierdampfer „Navigator“ ein, der just von Betsys Vater an die Vertreter eines nicht genannten kleinen Landes verkauft wurde und nun menschenleer im Hafen liegt.

Dumm ist darüber hinaus auch, dass sich das nicht genannte kleine Land gerade mit einem anderen nicht genannten kleinen Land im Krieg befindet und ein paar Agenten jenes zweiten Landes einen Sabotageakt durchführen: Sie lösen Leinen der „Navigator“, damit diese ins Meer getrieben wird und an den nächstbesten Felsen Schiffbruch erleidet. Bevor dies geschehen kann, trägt es sich jedoch zu, dass auch Betsy zufällig an Bord gerät – sie hatte ihren Vater begleitet, der noch etwas aus dem Schiff holen wollte.

Damit sind Schauplatz und Personal der kommenden fünfzig Minuten definiert: Rollo und Betsy treiben zu zweit mit der führerlosen „Navigator“ auf dem Pazifik herum. Da das Schiff ziemlich groß ist (ich bin kein Fachmann, aber 10.000 Bruttoregistertonnen könnten es schon sein), dauert es natürlich eine ganze Weile, bis sie sich endlich begegnen und lernen, mit der ungewöhnlichen Situation umzugehen. Doch Not macht erfinderisch, und so trotzen sie tapfer den Widrigkeiten der Küchenarbeit und finden nach zahlreichen Fehlversuchen sogar geeignete Schlafplätze. „Wochen später“ (!) haben sie es sich auf der „Navigator“ schön eingerichtet und führen ein recht zufriedenes Leben – auch wenn’s noch immer kein Eheleben ist.

Derart beschaulich kann es freilich zumindest in einer Stummfilmkomödie nicht weitergehen, und so überstürzen sich eines Tages die Ereignisse: Als die „Navigator“ auf eine Insel zutreibt, währt die Freude unseres Protagonistenpärchens nur kurz, denn das Eiland wird von Kannibalen bewohnt, die sich nicht lange bitten lassen, ihre Boote schnappen und zum Angriff blasen. Zu allem Übel hat der Dampfer auch noch ein Leck, das nur von außen, sprich unter Wasser repariert werden kann ...

Ernsthafte Sorgen müssen wir uns um Rollo und Betsy natürlich nicht machen, aber es gibt durchaus einige Momente, in denen The Navigator regelrecht spannend ist. Gut so, aber viel wichtiger ist die Frage, ob der Film auch lustig ist – wobei man von einer Arbeit Buster Keatons berechtigterweise sogar erwartet, dass sie sehr lustig ist. Diese Erwartung erfüllt sich unter dem Strich jedoch nicht ganz: Es gibt durchaus eine regelmäßige und flotte Abfolge von Gags, aber viele davon sind vorhersehbar oder waren bereits zur Entstehungszeit des Films abgenutzt, manches wiederholt sich oder wird arg überdehnt und anderes ist auch ein wenig albern geraten. Auf ein paar echte Brüller und geniale Szenen muss man freilich auch hier nicht verzichten, weshalb noch einmal betont werden soll, dass The Navigator sehr wohl ein wirklich heiterer Film ist – nur gab es eben seinerzeit (und nicht zuletzt auch von Buster Keaton höchst persönlich) Arbeiten, die ihrer Berufung als Komödie deutlich besser gerecht wurden.

Inszenatorisch befindet sich derweil alles gefahrlos im grünen Bereich – manche Sequenzen sind in dieser Hinsicht sogar schlichtweg brillant. Zudem ist The Navigator beileibe kein billiger und schnell heruntergekurbelter Film, was nicht nur von seinen umständlichen und langwierigen, in einem Bassin entstandenen Unterwasseraufnahmen belegt, sondern vor allem beim Showdown sichtbar wird, der mit einem ganzen Eingeborenenstamm sehr aufwendig ins Bild gesetzt wurde. Aber Buster Keaton hat den Spaß bekanntlich immer sehr ernst genommen.

Optisch macht der Streifen in Anbetracht seines Alters (die Rede ist von gerade erreichten einhundert Jahren!) einen ausgesprochen guten Eindruck. Die vorliegende Fassung wurde unter Federführung des Museum of Modern Art restauriert und 2020/21 durch Blackhawk Films, Burbank, California, und die Lobster Film Laboratories, Paris, in 4K abgetastet – Ursprung war eine Nitro-Kopie der ersten Generation, die sich in der Sammlung des MoMA befindet. Der Streifen ist zu meiner Freude viragiert (mildes Sepia für die Tageslichtszenen, helles und dunkles Blau für Nachtszenen und helles Grün für die Unterwasserszenen) und kommt mit zwar sichtbar vom Alter geprägten, aber immer noch sauberen und erstaunlich beschädigungsarmen Bildern daher, die in manchen Einstellungen (wie Draufsichten auf an Bord kletternde Eingeborene) sogar überscharf wirken. Alles in allem kann man über die Bildqualität nicht klagen – und erst recht nicht über die Darsteller. Getragen wird dieses Zwei-Personen-Kammerspiel von Buster Keaton als Rollo Treadway und Kathryn McGuire als Betsy O'Brien, und beide sind einfach wundervoll. Ich mag Buster Keaton und das „versteinerte“, aber auch immer irgendwie traurige Gesicht, mit dem er selbst die tollsten Kapriolen seiner Figuren begleitet, schon grundsätzlich, und hinzu kommen natürlich noch die herausragenden physischen Aspekte seiner Vorstellungen, sprich seine Fähigkeiten und sein todesmutiger Einsatz als Stuntman. Von denen ist in The Navigator nicht so viel zu sehen wie üblich, aber dem Spaß an Buster Keatons Auftritt tut das kaum Abbruch. 

Außerordentlich gut hat mir auch Kathryn McGuire gefallen – keineswegs auf den ersten Blick, aber von Minute zu Minute mehr. Sie zeigt viel komödiantisches Talent, verfällt nie in Overacting und befindet sich letztlich auf Augenhöhe mit ihrem großen Kollegen. Neben diesen beiden hat Noble Johnson als Kannibalenhäuptling gefühlt die meiste Screentime, aber das ist so wenig, dass selbst die Bezeichnung Nebenrolle für sein Tun übertrieben erscheint. Übertrieben ist schließlich auch der Einsatz, mit dem der konventionell angelegte Orchester-Komödien-Score der vorliegenden Fassung zu Werke geht. Er stammt von Antonio Coppola, wurde im Jahr 2020 von der Formation „Octour de France“ eingespielt und scheint es mit seinen wiederholten wilden Klavierläufen ganz gezielt auf die Nerven des Publikums abgesehen zu haben. Es gibt ein paar angenehm besonnene Passagen, aber zu großen Teilen habe zumindest ich diese Musik als, ähm ... anstrengend empfunden.

Den Film selbst natürlich nicht: The Navigator ist eine tadellos und hoch professionell in Szene gesetzte, lockere, kurzweilige und sympathische Stummfilm-Liebeskomödie, die sich dauerhaft und herzlich um Frohsinn bemüht, dabei aber überwiegend eher ins Dunkelgraue als ins Schwarze trifft. Sei’s drum – das ist noch immer sehr viel besser als ins Hellgraue oder ganz daneben. Und wenn man wie ich erklärter Fan des Regisseurs und Hauptdarstellers ist (Keaton übernahm sicherheitshalber während der Dreharbeiten das Kommando von ursprünglich als Regisseur tätigen Donald Crisp), kann ohnehin nichts schiefgehen – auch wenn der vorliegende Streifen nicht zu den Sternstunden seines Genres und seiner Epoche gehört, war es mir ein großes Vergnügen, Buster Keaton und auch Kathryn McGuire bei der Ausübung ihres Berufs zuzusehen.

(04/24)

8 von 10 Punkten.





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