Jan Josef Liefers spielt einen jüdischen Arzt, der 1932 als Abgeordneter der SPD im Reichstag sitzt. Sein Bruder, ein radikaler Kommunist, schickt ihn mit einigen Dokumenten, die ihn in Schwierigkeiten bringen könnten, von Dänemark nach Berlin. Unterwegs lernt er eine junge Sängerin, eine Tochter aus reichem Haus, kennen, in die er sich verliebt. Sein Leben ist aber auch so schon kompliziert und hektisch genug, da er sich als Jude zunehmenden Anfeindungen durch die Schlägertrupps der Nazis ausgesetzt sieht und Hitlers Machtergreifung in vollem Gange ist.
Nach “Rommel“ wird es also in der deutschen TV-Landschaft erneut historisch und historisch bedeutet in eben dieser meist, dass es zurück in die Zeit zwischen 1933 und 1945 geht. Diesmal soll es also um die Machtergreifung der Nazis gehen, besonders um den Reichstagsbrand, dessen Hintergründe bis heute den Nährboden für verschiedene Verschwörungstheorien bieten. Die ARD macht aus dem Film am Ende aber das, was sie aus so ziemlich jedem Film macht: Eine Schnulze.
Dazu gehören einmal mehr Figuren, die praktisch vom Reißbrett stammen. Die Geschichte der Machtergreifung erzählt man natürlich am besten aus der Perspektive eines Juden, eines Kommunisten oder eines Sozialdemokraten, da diese die Auswirkungen sehr früh und heftig zu spüren bekamen. Hier entscheidet man sich für den jüdischen Sozialdemokraten mit einem Bruder in der kommunistischen Szene. Er beginnt eine Beziehung mit einer Tochter aus reichem Haus, der ein Nachtclub gehört, eine Liebesbeziehung, die inhaltlich von Anfang an auf der Stelle tritt, weil sich die Figuren nicht so recht weiterentwickeln. So nimmt das Geschehen bis kurz vor Schluss kaum an Fahrt auf.
Überhaupt scheint sich die Geschichte im Kreis zu drehen. Der Bruder des Protagonisten taucht gelegentlich in dessen Praxis auf, weil ein angeschossener Kommunist verarztet werden soll, was der Sozialdemokrat und Pazifist nicht gutheißt, aber am Ende hilft er seinem Bruder dann doch immer weiter. Außerdem wird in jeder dritten Einstellung ein Schlägertrupp der SA gezeigt, der in den Straßen randaliert oder Menschen zusammenschlägt. Hier und da funktioniert “Nacht über Berlin“ dabei als Historienfilm ganz gut, wenn etwa am Rande politische Diskussionen zwischen verschiedenen Charakteren geführt werden, zumindest bis sich das Geschehen wieder der trivialen Liebesgeschichte widmet. Dann wird auch noch gelegentlich auf die Tränendrüse gedrückt, besonders dann, wenn der Protagonist, der früh seine Eltern verlor, wieder Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. Pluspunkte gibt es hier lediglich für das sehr konsequente, überraschende Ende, das als einziges Element einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Zudem seien noch die ordentlichen Darstellerleistungen und die versierte Regie erwähnt.
Zum Reichstagsbrand, den die Nazis schließlich als Anlass nutzten, um mit einer Notverordnung gegen die Kommunisten vorzugehen und ihre Macht weiter auszubauen, kommt es erst im letzten Drittel des Films. Zuvor taucht der Brandstifter Marinus van der Lubbe noch in der Praxis des Arztes auf und deutet an, den Reichstag anzünden zu wollen, damit sich die deutsche Arbeiterschaft erhebt. Was dann folgt ist eine etwas verquere Mischung. Es werden historische Tatsachen präsentiert, der Reichstag geht in Flammen auf, van der Lubbe wird am Tatort ergriffen und sagt aus, er habe den Brand selbst verursacht. Der Protagonist wird aber ebenfalls etwas unglücklich in das Geschehen integriert, er rennt ins brennende Gebäude, um den niederländischen Kommunisten aufzuhalten.
Dazu werden noch einige Verschwörungstheorien angedeutet, der praktisch sagenumwobene Tunnel in den Reichstag wird gezeigt, mehrfach darauf hingewiesen, dass wohl mehrere Menschen im Reichstag waren und vorher werden noch einige Nazis mit Fackeln gezeigt. Da nichts davon weiter oder zu Ende gedacht wird, ergibt sich hier eine konfuse Mischung aus historischen Fakten, Verschwörungstheorien und der vordergründigen Geschichte um den jüdischen Arzt. Im Endeffekt wird aber die nicht schlüssig belegte Theorie, nach der die Nazis den Reichstagsbrand selbst gelegt haben, als Fakt verkauft.
Fazit:
Wenngleich “Nacht über Berlin“ durchaus versiert inszeniert daherkommt und in Ansätzen ein gutes Zeitportrait abgibt, so ist der Film doch ein gutes Beispiel dafür, wie man ein sehr interessantes Thema mit einer langweiligen Liebesgeschichte und einigen ungeschickten Andeutungen rund um die nicht belegte Theorie, die Nazis hätten den Reichstagsbrand selbst inszeniert, verschenken kann.
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