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Man merkt dem Film die Basis der Literaturverfilmung von der ersten Sekunde her an und die ruhigen Kamerafahrten und die erzählerische Stimme aus dem off giben gleich den Rhythmus und das Tempo vor, welche wir in NACHTZUG NACH LISSABON beim Rest der Laufzeit erleben werden. Das Ensemble kann durchaus als kleine Starriege bezeichnet werden und besteht aufgrund der verschiedenen Produzenten aus verschiedenen Ländern bunt gemischt aus unter anderem Jeremy Irons, Christopher Lee, Charlotte Rampling zum einen und Bruno Ganz, Martina Gedeck und August Diehl zum anderen. Diese schaffen es insgesamt ganz gut die Stimmung der Vorlage zu treffen und es entstand ein wunderbar melancholischer Film, der sich langsam aber stetig zum Herz des Zuschauers vorsaugt, aber aufgrund der inhaltlichen Überfrachtung nicht ohne Schwächen ist.

Der bekannte Inhalt soll hier nicht wiedererzählt werden. Nur ein Satz soll reichen. Raimund Gregorius (Jeremy Irons) rettet einer Frau in Bern das Leben und findet in ihrem zurückgelassenen Mantel ein Buch, welches ihn bewegt spontan nach Lissabon fahren lässt, um sich auf die Spur und das bewegte Leben des Schriftstellers machen lässt. NACHTZUG NACH LISSABON lebt von seinen dramaturgisch gekonnt dargebotenen Zeitsprüngen und der schillernden Besetzung, die bei den Deutschen, die Portugiesen spielen, nicht immer glücklich erscheint, aber stets konsistent dargestellt werden. Die weitläufigen Verstrickungen des Lebens von Autor Amadeu de Prado sind interessant dargestellt und es entsteht durchaus eine Spannung, die den Zuschauer einfängt.

Die darstellerischen Leistungen im Einzelnen zu würdigen würde den Rahmen hier sprengen. Insgesamt gibt es keine Ausfälle zu verzeichnen, die anfängliche Schusseligkeit von Jeremy Irons als Raimund Gregorius ist als rollenbedingt zu bedingt zu bezeichnen. Bruno Ganz und Christopher Lee überzeugen selbst in ihren Nebenrollen ganz eindeutig. Jack Huston als Amadeu und Martina Gedeck als Mariana bleiben etwas blass mit ihren bedeutsamen Blicken in die Kamera. Gut gefallen mir August Diehl als junger Jorge, der intensiv und schön unberechenbar agiert, als auch Marco D'Almeida als junger Joao sowie Tom Courtenay als sein altes Pendant im Heim. Beide sorgen dafür, dass der Kamerad von Jorge und Amadeu die vielfältigste Figur aus der Revolutionshandlung wird.

Auch die ewige Diskussion, ob gute Literatur überhaupt angemessen verfilmt werden kann hier zu wiederholen ist müßig. Im Fall von NACHTZUG NACH LISSABON gelingt es durchaus die Geschichte und Motivationen der Handelnden interessant und angemessen zu skizzieren. Die politische Dimension der Revolution und die Geschichte Portugals wirken jedoch wie eine im Hintergrund stehende beliebige und austauschbare Projektionsfläche für die Charaktere die nicht tiefer beleuchtet wird. Deswegen wirken eine kleine Folterszene oder eine ketzerische Rede Amadeu's als einfache selbstzweckhafte emotionale Spitzen ohne adäquaten erzählerischen Hintergrund.

Die Macher des Films schielen etwas in Richtung eines Thrillers und fügen immer dann wenn mal wieder etwas philosophisch angehauchte Tiefe nötig ist, Text aus dem Off mit Aussagen von Amadeu ein. Auch das Liebesdreieck zwischen den jungen Portugiesen erscheint nicht genügend ausgearbeitet. Das Ganze ist optisch dann noch auf einer etwas lieblosen TV-Film Ästhetik aufgebaut. Dies hört sich zwar an wie Jammern auf hohem Niveau, aber den Film angesichts der zwangsweise deutlich komplexeren Literaturvorlage einfach zu hoch zu loben ist etwas zu einfach.

NACHTZUG NACH LISSABON basiert auf dem gleichnamigen Roman des Philosophen Peter Bieri, der auch als Pascal Mercier bekannt ist. Er lebte wie die Figur des Raimund Gregorius auch in Bern. Das in über 30 Sprachen übersetzte Buch verkaufte sich alleine in Deutschland mehr als 2 Millionen Mal. Regisseur Bille August, der auch unter anderem für FRÄULEIN SMILARS GESPÜR FÜR SCHNEE verantwortlich zeichnet, hat es in einer bunten Mischung von Schauspielern geschafft, einen interessanten und melancholischen Film zu machen der zum Nachdenken anregt. Dabei ist deutlich seine Handschrift zu erkennen und nicht nur ein Mal wurde man an DAS GEISTERHAUS erinnert.

6/10 Punkten

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