Eines regnerischen, grauen Morgens wird der alleinstehende Berner Literaturprofessor Raimund Gregorius (Jeremy Irons) Zeuge eines versuchten Suizids, den er gerade noch verhindern kann. Dabei gelangt er in den Besitz eines Buches des portugiesischen Autors Amadeu de Prado, das ihn vom Fleck weg derart fasziniert, daß er alles liegen und stehen läßt und mit dem titelgebenden Nachtzug nach Lissabon reist.
In der sonnigen portugiesischen Hauptstadt mietet er sich in einer Pension ein und stellt Nachforschungen zu jenem Autor an, welcher, wie sich bald herausstellt, allerdings schon vor einiger Zeit verstorben ist. Davon unbeeindruckt besucht Gregorius noch lebende Zeitzeugen wie dessen Schwester, einen Pfarrer und diverse Mitstreiter von damals. Amadeu de Prado lebte und wirkte in der Zeit der Salazar-Diktatur, in der ein klerikalfaschistisches Regime jahrzehntelang das kleine Land beherrschte und mit großer Härte gegen seine Gegner vorging. Der junge Arzt, im Gegensatz zu seinen konservativen Eltern im Widerstand gegen die damaligen Machthaber, mußte stets vor den Nachstellungen des Geheimdienstes auf der Hut sein. Als er eines Abends seinem hippokratischen Eid gehorchend einem berüchtigten Folterknecht das Leben rettete, geriet er allerdings zwischen die verfeindeten Fronten. Seine Zuneigung zu einer jungen Widerständlerin, die mit einem engen Freund verbandelt war, brachten ihn dann endgültig in Konflikt zu seinem Umfeld.
Dies und vieles mehr erfährt der Mittfünfziger aus der Schweiz bei seinen Recherchen, die sein eigenes Leben dadurch auch in ungeahnt neue Bahnen lenken, freundet er sich doch mit der Optikerin Mariana (Martina Gedeck) an...
Bille Augusts Verfimung des Bestseller-Romans wartet gleich mit einer ganzen Riege an bekannten Filmstars auf, von denen die meisten jedoch kaum 2 Minuten Screentime haben und wohl nur der Publicity wegen verpflichtet wurden (Bruno Ganz, Lena Olin, Charlotte Rampling, Christopher Lee) - die eigentliche Thematik der Vorlage, in der ein sich seit Jahren in festgefahrenen Bahnen bewegender Mann im Herbst seines Lebens noch einmal das Feuer der Leidenschaft erfährt (auch wenn es sich "nur" um philosophische Texte handelt) geht hier ein wenig unter. Stattdessen wird ein bunter Streifzug durch die Touristenmetrople geboten, die jeder Urlauber ohnehin schon kennt.
So bleibt es den zahlreichen Rückblenden in die Zeit der Diktatur vorbehalten, das Interesse des Publikums zu wecken: wenn der junge Amadeu (Jack Huston), der dank seiner Begabung zwei Schulklassen übersprungen hatte, in der Kirche ein flammendes Manifest gegen das Regime hält und damit (nicht nur) seinen erzkonservativen Vater (Burghart Klaußner) brüskiert. Oder wie das Objekt seiner Begierde, die junge Estefânia (Mélanie Laurent), die über ein hervorragendes Namensgedächtnis verfügt, ein konspiratives Treffen in einer als Analphabeten-Treffen getarnten Schulklasse abhält oder wie brutal die Schergen des Regimes gegen Verdächtige vorgehen und dabei einem Pianisten die Finger zertrümmern - Tatsachen wie diese kennt der die heutige Postkarten-Idylle gewohnte Lissabon-Tourist freilich kaum, womit die Romanverfilmung zumindest einer gewissen Allgemeinbildung Vorschub leistet.
Während der stets dem Humanismus verpflichtete Amadeu Estefânia noch nach Spanien evakuieren kann, verstirbt er selbst kurz darauf, just an jenem Tag im April 1974, als mit der Nelkenrevolution die Diktatur des sogenannten Estado Novo in Portugal beendet wird. Somit schließt sich auch der Bogen für den mit fast schon kindlicher Neugier alle Fakten über Amadeu de Prado aufsaugenden Literaturprofessor, der - und hier weicht die Verfilmung deutlich vom Roman ab - möglicherweise in Lissabon zu bleiben beschließt.
Fazit: Nachtzug nach Lissabon ist eine typische Romanverfilmung, in der auf komplexe inhaltliche Zusammenhänge (hier: philosophische Elemente) weitgehend zugunsten touristischer Wohlfühl-Motive verzichtet wird, der mit seinen fein ausgestatteten, zeitgenössischen Rückblenden aber zumindest für ein wenig Spannung sorgt. Gleichwohl keiner der Darsteller besonders herausragt (am ehesten noch Jack Huston als intelligenter, aufbegehrender Amadeu de Prado) vermag der weitgehend auf TV-Niveau abgedrehte Streifen um den stets etwas linkisch auftretenden Schweizer Literaturprofessor zumindest ganz leidlich zu unterhalten: 6 Punkte.