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Alzheimer oder der Zustand der Demenz sind Krankheiten/Zustände, die in Filmen noch viel zu wenig ernsthaft oder mit Tiefgang behandelt werden. Vor allem selten in so einer Konsequenz wie in DIE AUSLOESCHUNG. Damit sind nicht eine melodramatische Darstellung und der mit vielerlei filmischen Mitteln emotional überhöhte Zerfall eines Menschen wie in anderen Mainstreamwerken oft so vordergründig zelebriert gemeint. Ich meine die narrative, erzählerische Komponente und suggestive Kraft die von DIE AUSLOESCHUNG ausgeht. Mit Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck hätte man kaum fähigere Schauspieler auswählen können und beide brillieren in ihren so unterschiedlichen Rollen.

Die zeitliche Staffelung der "Verabschiedung vom eigenen Ich" wird dramaturgisch sehr gut unterstrichen durch die Texttafeln die die Entwicklung "nach 3 Monaten", "nach 9 Monaten", "nach 18 Monaten" usw. dokumentieren. Wo anfangs der Weg zum Haus der Kinder von Brandauer in der Rolle des Kunsthistorikers Ernst Lemden kurz vergessen wird und der Name des Enkels immer wieder verloren scheint, baut DIE AUSLÖSCHUNG den Zerfall ganz behutsam auf. Nach 9 Monaten fehlen Worte und Notizzettel mit den einfachsten Dingen und Bilder der Verwandten mit Namen müssen die immer größer werdenden Gedächtnislücken stopfen. Das eigene Entsetzen über diesen Verlust ist zerstörerisch.

Unnötig zu erwähnen dass Brandauer mit allen darstellerischen Mitteln und wandlungsfähigen Mimik das Verlieren der eigenen Kraft zu unterstreichen weiß. Und aus eigener Erfahrung im engsten Familienumfeld kann ich es nur bestätigen, dass gerade bei geistig tätigen Menschen, für die das gesprochene Wort und der verbale Austausch ein stets wichtiger Begleiter in Beruf und Privatleben war, der intellektuelle Abbau und der Verlust dieses sozialen Werkzeuges als das wirklich diabolische an der Krankheit empfunden wird. Dazu kommt, dass selbst engste soziale Bindungen entschwinden was in dem erschütternden Satz "Irgendwann werde ich vergessen wer du bist" gipfelt.

Die geschilderte Kraft von DIE AUSLOESCHUNG ist wie erwartet zentriert um die zurückhaltend bis wuchtige Präsenz von Klaus Maria Brandauer der all seine Erfahrung als Mime von Charakterrollen einbringt. Seine Kompetenz für diese Rolle hier weiter zu würdigen oder zu begründen hieße Eulen nach Athen tragen. Aber auch Martina Gedeck die anfangs in der relativ jungen Geliebten noch nicht in ihrer vollen Bandbreite gefordert ist, steigert sich unaufhörlich im Verlauf des Films. Im letzten Drittel versteht sie es dann gänsehauterzeugend und auf den Punkt genau durch messerscharfe Blicke das in ihr aufkommende Entsetzen über den Verfall ihres Partners über die Leinwand zu transportieren. Sie knüpft hiermit an die zuletzt für mich noch stärkere EinFrau-Performance in DIE WAND an.

Formal unterstreicht DIE AUSLÖSCHUNG noch die zurückhaltende Herangehensweise durch eine sehr subtile und niemals vordergründige Filmmusik und erinnert auch dadurch an Werke von Michael Haneke und es gibt auch inhaltliche Verbindungen zu seinem letzten Werk LIEBE. Das filmische Ende kommt relativ plötzlich und ich hätte den Entscheidungsprozeß dort hin gerne noch etwas ausführlicher beleuchtet gehabt. Ad infinitum geht es dort im wahrsten Sinne um das herzzerreißende Ringen mit der vermeintlich richtigen Handlung, der Zerrissenheit zwischen dem Erfüllen des expliziten oder impliziten letzten Willens des kranken Partners, der diesen nicht mehr äußern kann und sich leider längst jenseits der gnädigen Schwelle befindet….

7,5/10 Punkten

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