"The Evil Dead" (1981) war seinerzeit ein billiger, schäbiger und im Grunde auch etwas dämlicher Film; aber auch ein sehr effektiver (witziger & grausiger) Film - inszeniert von sehr ambitionierten Filmemachern am Anfang ihrer Karriere. 32 Jahre & zwei Sequels später kommt dann das Remake in die Kinos - teurer, mit professionelleren Darsteller(inne)n & einer erfahreneren Crew umgesetzt. (Roque Baños hat schon ein paar Dutzend Male Soundtracks abgeliefert - mehrfach auch für Carlos Saura -, Aaron Morton sammelte als Kameramann schon über ein Jahrzehnt Erfahrungen beim Fernsehen, ebenso Bryan Shaw als Cutter... und Claire Rutledge hat sich als Make Up-Künstlerin in einigen Blockbustern - mehrfach unter Peter Jackson - etablieren können, in denen sich auch die meisten FX-Künstler bereits unter Beweis gestellt hatten. Und Regisseur Alvarez, der hiermit immerhin seinen Debutspielfilm vorlegt, hatte einige Jahre zuvor mit seinem Kurzfilm "Ataque de Pánico!" (2009) - ein höchst mäßiger, aber als Werbespot seiner FX-Fähigkeiten höchst zweckdienlicher Film - auf Youtube genug Eindruck gemacht, um bei Ghost House Pictures unter Vertrag zu kommen... (eine dieser sonderbaren Internet-Erfolgsgeschichten, deren 'Erfolg' dann doch bloß unter kommerziellen Gesichtspunkten gemessen wird.)) Wen wundert es da, dass "Evil Dead" bei aller Härte und seinem durchaus vorhandenen grimmigen Humor letztlich doch ein ziemlich glatter Mainstreamfilm geworden ist: sicher ein formidabler Terrorfilm mit bösen Gags, aber sicher nicht - wie das Original - ein Kultfilm späterer Generationen.
Während der Originalfilm, der Horror- & Splattermotive ironisierte, übersteigerte und mit verspielten Zitaten der Genrefilmgeschichte anreicherte, mit seiner psychologischen Unglaubwürdigkeit, den übel chargierenden Figuren und einem - bei allem Raffinement auch - ungeschlachten Handwerk erst so richtig dafür sorgte, dass man die kaum ernst zu nehmende Handlung gar nicht ernst nehmen, sondern als witzigen & grausigen Parforceritt durch die gesammelten Oberflächenreize des Genres wahrnehmen mochte, da bemüht sich "Evil Dead" darum, die kultträchtigen (und ohnehin kaum reproduzierbaren) Ecken und Kanten abzuschleifen.
Handwerklich herrscht völlige Routine (und die beibehaltenen wilden Kamerafahrten geraten eine ganze Spur fließender), dramaturgisch wurde die - nach wie vor etwas dämliche - Handlung abgerundet, wo es nur ging: eine Prätitelsequenz macht das Publikum mit der Vorgeschichte der unheilvollen Umgebung vertraut, das verfluchte Buch, dessen Formeln das Unheil erst heraufbeschwören, bestimmt wie die Anleitung eines doofen Gesellschaftsspiels die Stationen der Handlung, die männliche und die weibliche Hauptfigur erhalten beide einen tieferen psychologischen Hintergrund und das unsichtbare Böse ist hier nicht ganz so unsichtbar wie im Original. Aus dem einstigen vergnügten Spiel mit der Oberfläche wird ein Horrorfilm, der über seine tragischen Aspekte eine Tiefe und eine engere Bindung an die Charaktere bewirken will, der eine konventionelle Dramaturgie etwas stärker gewichtet als das Spiel mit den oberflächlichen Versatzstücken.
"Evil Dead" kann nach der vorangestellten Prätitelsequenz auf die unheilvollen Vorzeichen des Originals verzichten und sich einer einfühlsamen, mit emotionaler Musik unterstützten Einführung der Charaktere widmen: ein Drogenentzug der weiblichen Hauptfigur ist nun der Aufhänger des Teenager-im-Wald-Vehikels, ein kleines familiäres Schuld-und-Sühne-Drama um Verantwortung steckt einen zusätzlichen Rahmen ab. Die durch das Necronomicon Ex-Mortis (hier wieder: Naturom Demonto) vorgegebenen, blutigen Stationen verleihen dem Film dann eine Art Countdown, über den dann alles auf ein noch blutigeres Finale zusteuert.
Diese Splatterszenen haben allerdings bisweilen - wie im Original - eine komische Seite, sie sind over the top: Ein Protagonist rutscht auf einem Hautfetzen aus, wie ein Slapstickkomödiant auf einer Bananenschale, zudem ist er die 'arme Sau', die wirklich wieder und wieder leiden und leiden muss. Die Infizierten kotzen wahre Blutfontänen, im Finale regnet es schließlich sogar Blut (dafür fließt kein Blut über Filmprojektoren, um das Bild blutrot zu färben!) und die erste Splatterszene nach der Titeleinblendung ist gar keine: das Sägemesser trennt bloß eine Scheibe eines krossen Bratens ab. Doch weil die Trickeffekte weitestgehend perfekt sind und sich in ihrer doch etwas unangenehmen Wirkung vom realitätsfernen Exzess des Vorbildes unterscheiden, transportiert man den Humor kurzerhand auch etwas direkter über richtige Gags in den Film hinein: die dämonisierten, zombifizierten Besessenen beweisen hier einen sarkastischen Humor - dagegen fehlt nun fast vollständig das infantile (und so verstörende wie absurde) Kichern und das Cabaret-Make Up einer Betsy Baker. Wo Raimis Splatterszenen ziemlich durchgängig an & in sich eine komische Seite hatten, da sind jene von Alvarez eher beklemmend - um zusätzlich von komischen Aspekten begleitet zu werden: Die Verknüpfung von Horror und Humor wirkt in solchen Momenten bemühter als im Original.
Dass man geneigt ist, Remake und Original zu vergleichen (falls man denn das Original gesehen hat), geht nicht allein auf die eigene nerdige Haltung zurück, sondern auch auf eine ebenso nerdige Haltung der Filmemacher: immer wieder erinnern Ausstattung, Kamerapositionen & Fahrten bis ins kleinste Detail an das Original (wenngleich auch manchmal anders kontextualisiert), immer wieder gibt es dann aber auch [Achtung: Spoiler!] die überraschenden Wendungen, die ihren Gipfel schließlich im Austausch der Hauptrolle erreichen. Und dann ist da noch ein Bruce Campbell Cameo-Schlussgag...[1] Dagegen bleiben manch andere Änderungen für die Kenner des Originals etwas witzlos: das kippende Opfer-Täter-Verhältnis der Prätitelsequenz wird vermutlich nur jene überraschen, die nicht wirklich wissen, was genau auf sie zukommen wird. (Alte Produzentenregel: wenn man sich nicht zwischen zwei Zielgruppen entscheiden kann, nimmt man besser beide ins Visier.)
Was lässt sich nun über "Evil Dead" sagen? Dass die Dramaturgie eine Spur 'runder', aber auch bemühter ausfällt... dass er im Vergleich mit dem Vorbild emotionaler ist und in seinen tragischen Momenten größeren und sentimentaleren Raum bietet... dass vor solch einem Hintergrund die im Grunde dämliche Geschichte eher aufstößt als im (gar nicht erst auf Tiefe und psychologische Glaubwürdigkeit pochenden) Vorbild... dass Schrecken und Gelächter ein bisschen weniger homogen verschmolzen sind... dass er in seiner mal peniblen Vorlagentreue und seinen mal vehementen Abweichungen Vergleiche mit dem Original nur so heraufbeschwört... dass er weniger auf die Genreparodie, als auf das nerdige Spiel mit dem Original ausgerichtet ist... Im Grunde lässt sich kaum etwas schlechtes über "Evil Dead" sagen: es ist ein konventioneller Horrorstreifen, hart und blutig, etwas schwarzhumorig, mit dem obligatorischen kleinen Drama mittendrin und handwerklich durchweg sauber - eben alles, was "The Evil Dead" auch geworden wäre, hätten seine deutlichen Bezüge zur Horrorsparte, sein Hang zum schlichten Klischee, seine grobschlächtigen Effekte und vor allem sein innovativer (das ist die Crux des Ganzen!) Mix aus nonstop-over-the-top-Splatter und schlichter Handlung und ironischem Anstrich nicht jene zum Kult avancierte Achterbahnfahrt daraus werden lassen. Was bei Raimi eine fesselnde Überreizung der Genreelemente in ihre Parodie darstellte, ist nun bloß ein durchaus fesselnder, schwarzhumoriger Horrorfetzer - und trotzdem eines der besseren Horrorfilm-Remakes der letzten Jahre.
7/10
1.) So ist dann auch aus dem Spiel mit den Klischees und Zitaten des Genres ein Spiel mit dem Originalfilm geworden. Anspielungen treten hier reduzierter auf und beziehen sich in der Regel nur auf das Original (und Raimis "The Evil Dead"-Kosmos im Ganzen)... eine Ausnahme bildet die parasitäre Übertragungsform, die seit "Shivers" (1975) als Mund-zu-Mund-Ansteckung im Parasiten- & Körperfresserfilm Fuß gefasst hat. "Evil Dead" ist keine Genreparodie mehr, sondern der Versuch, die ursprüngliche Genreparodie als Horrorkomödie ins Genre zurückzuführen.