Evil Dead [Kino]
Ich wusste es. Ja, irgendwann musste es doch mal so kommen! Nachdem die Sneak Preview bei uns in der Stadt von deutschen Komödien zu leben scheint, lies der Besitzer letzte Woche die Bombe platzen: heute würde eine 18er Sneak stattfinden! Ich als "cleverer" Filmnerd habe mir natürlich gedacht, was denn heute Abend über die Mattscheibe suppen könnte - und tatsächlich: Evil fucking Dead!
Ich bin wahrlich kein Fan des Originals. Ich respektiere seinen Status und mag die Fortsetzungen, aber "Tanz Der Teufel" war für mich an vielen Stellen zu undefiniert und unsauber. Ich weiß, ich bin in der Hinsicht echt mal eine Kritik schuldig und diese wird auch demnächst kommen. Spätestens wenn es das 2012er Remake "Evil Dead" auf den Heimkinomarkt schafft.
Ich weiß wirklich nicht wo ich anfangen soll, denn irgendwie sitze ich gerade schwitzend und debil grinsend vor dem PC, da das genau der Horrorfilm ist, auf den ich und viele Fans harter Genrekost gewartet haben - und zwar seit einer sehr langen Zeit:
"Evil Dead" lässt sich nicht lumpen und legt schon sofort bei Minute 1 los. Es wird ein kurzer Epilog erzählt an dessen Existenz ich mich in "Tanz Der Teufel" nicht erinnern kann (ich glaube den gab's in Sam Raimi's Film auch gar nicht). Und kaum dass er vorbei ist und mit Insidious'scher Dezenz die Titeleinblendung auf die Leinwand gedrückt wird, weiß der Genreafficionado wohin die Reise geht. Es gibt kein großes Vorgeplänkel oder sonstiger Mist der den Filmverlauf aufhalten würde, denn in Minute 4 fahren unsere Protagonisten schon in die Hütte und in Minute 6 sind sie schon dort angekommen. Die Charaktere werden schnell eingeführt und die Beweggründe, weswegen sie zu dieser Rumpelbude fahren, werden in Dialogen sehr geschickt erklärt. Es sind nämlich nicht einfach bloß Ferien inmitten von Hausstaub und Holzspreißeln, sondern der Versuch, eine aus der Gruppe von den Drogen wegzubekommen. Dieser "kalte Entzug" macht erzähltechnisch durchaus Sinn und auch als man erste Erscheinungen erwähnt, die natürlich von der Abhängigen erlebt werden, tut man deren Gerede erstmal noch als Folgen des Entzugs ab.
Somit liefert man eindeutig bessere Gründe nicht auf das Gerede rund um Bäume die Leute vergewaltigen einzugehen, als es beispielsweise das Original getan hat. Und auch sonst wirkt dieses Plotdevice rund um einer nicht wirklich zum Spaß gedachten Auszeit wesentlich besser als das klischeehafte "wir fahren halt in den Urlaub".
Die Ereignisse spitzen sich rasch zu und man hat schon diverse Momente, in denen eine tolle Atmosphäre aufkommt. Regisseur Fede Alvarez arbeitet recht geschickt mit einem vergleichsweise oldschooligen Aufbau von Stimmung, ehe er die Intensität durch clever gesetzte und niemals forciert wirkende Jumpscares verstärkt. Und ja, man kann sich hier wirklich höllisch erschrecken.
Interessant ist auch, wie ernst der Film anfangs noch in Szene gesetzt wurde. Hier gibt es keinen billigen Lacher, Sexjokes oder anderen Blödsinn, sondern einen ernstzunehmenden Film, dessen weiteren Verlauf man in den ersten 30 Minuten gehörig unterschätzt ... und wie.
Nach schätzungsweise 40 Minuten erfolgt nämlich langsam aber sicher der Bruch zu dem Film, den Genrefans lieben werden. Ohne seinen Stil zu verleugnen wandelt sich "Evil Dead" langsam in einen verdammt harten Splatterfilm, der vorallem gegen Ende das ein oder andere Augenzwinkern parat hat. Und auch hier muss ich wieder einlenken, dass es zu keiner Sekunden ein Klamauk Film wird, denn dazu sind gewisse Szenen einfach viel zu böse.
Hilfreich sind da natürlich auch die tollen Darsteller, die zwar in gewisser Weise zweckdienliche Charaktere darstellen, aber zu keiner Zeit unsympathisch wirken. Man fragt sich zwar ab und an, wo denn plötzlich die Freundin von David abgeblieben ist, da sie für eine halbe Stunde verschwindet, aber das sind Kleinigkeiten die man gerne übersehen kann und auch sollte, denn "Evil Dead" schockiert, unterhält und entsetzt auf eine Weise, wie man sie seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat.
Hm ... gab's sonst noch was?
Ach, fast vergessen: die Splattereffekte! Wie der Trailer herauskam war das Staunen über die Zungenszene oder die angedeutete Armamputation via Brotmesser doch recht groß und selbst die Ankündigung einer geschnittenen Kinofassungen zugunsten eines besseren Ratings (die Uncut erhielt tatsächlich das für Gewaltfilme relativ seltene NC-17 Rating in den Staaten) dämpfte die Vorfreude nicht. Gerede wie die Tagline "der schockierendste Film den du jemals sehen wirst" auf den Kinoplakaten interessiert die Horrorgemeinde spätestens seit den 80ern nicht mehr, weswegen man - und natürlich auch ich - auf einen schön splattrigen Film gehofft hat.
Doch wie kann man sich so verschätzen? Es fällt mir schwer gerade Vergleiche zu anderen Kinofilmen zu ziehen, denn ich komme nicht umhin zu sagen, dass "Evil Dead" der wohl blutigste Film seit langer Zeit ist. Bevor es Aufstände gibt: Ja, ich kenne Undergroundfilme und trotzdem bin ich über die dargestellte Gewalt doch überrascht gewesen. Nicht weil ich wie die circa 80 Leute, die das Kino heute vorzeitig verließen, großartig geschockt gewesen war, sondern einfach weil "Evil Dead" so herrlich unverkrampft aber gleichermaßen brutal zu Werke geht und die FSK dem Ganzen auch noch eine Freigabe spendierte. Ich wüsste nicht, wo man hier noch mehr Gewalt einbringen könnte und der Film hält wirklich bis zum wortwörtlichen Erbrechen drauf. Die Special FX sind aller erste Sahne und ich möchte den Gorebauern sehen, der nach diesem Film enttäuscht ist.
Einen minimalen Dämpfer gibt es lediglich am Ende, als der Film sich immer wieder neue Gründe zum splattern einfallen lässt. In den letzten 20 Minuten hat "Evil Dead" 5 Momente, in denen man einen Schlusspunkt hätte setzen können, doch er beginnt immer wieder neue Szenen um vorallem da an Blutgehalt noch einen draufzusetzen. Egal ob plötzlich jemand Totes reanimiert wird oder der Protagonist zum zehnten Mal die Bessessene befreit - der Streifen findet immer wieder ein Hintertürchen für eine weitere Szene.
Das ist zwar unelegant, aber bei weitem kein Grund, dem Film in irgendeiner Weise Punkte abzuziehen. "Evil Dead" ist genau die Mischung aus Gewalt und Spannung, die ich mir (und viele andere auch) seit "Inside" von einem professionell gedrehtem Film erwartet habe. Ja, der Undergorundbereich hat natürlich deultich härtere Filme, aber man kann nicht jeden Abend Amateurfilmchen schauen. Manchmal will man einfach einen Streifen sehen, bei welchem keine Abstriche in Sachen Kamera, Synchronisation, Beleuchtung, Drehbuch und Schnitt gemacht werden müssen. Und "Evil Dead" ist genau für die Zielgruppe konzipiert: kein Fan des Originals wird sich beleidigt fühlen und wer spätestens seit "Saw 3D" mal wieder einen hundsbrutalen Hochglanzsplatter im Lichtspielhaus sehen möchte, ist mit Alvarez Film bestens bedient. Wer die Möglichkeit hat, sollte hier dringend das Kino seines Vertrauens aufsuchen, denn das Heimkinorelease wird ein wahnsinniger Spießrutenlauf werden... meine Prognose: nichtmal die Spio lässt den Film gewähren.
10/10