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Immerhin dreißig Jahre ist es her, dass ein ambitionierter junger Regienovize mit seinen Freunden von der Schule, unter anderem dem ulkigen Bruce Campbell, einen Streifen drehte, der wie eine Bombe in die Welt des erwachsenen Alternativkinos einschlagen sollte. Nach der Vorlage der (noch) billigeren hauseigenen Vorgängerversion „Within the Woods" drehte der damals noch völlig unbekannte Filmenthusiast Sam Raimi 1981 sein eigentliches Debut: „Evil Dead" - in Deutschland „Tanz der Teufel". Der Grundstein seiner späteren steilen Hollywoodkarriere und erste Kostprobe vorhandenen Potentials. Zwar lief die Low-Budget Produktion in Deutschland in nur wenigen Kinos, doch bekam der heute von Horrorfans frenetisch bejubelte Kultfilm bald ärgste Probleme mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft und der deutschen Justiz. Die im Film dargestellten, schwer malträtierten Dämonen seien als „kranke Menschen" einzustufen und nicht als so etwas wie Monster, weshalb der in den 1980ern gern als Trumpf hervorgekramte §131 des Strafgesetzbuches bemüht wurde, um den gewaltästhetisch ungewohnt ungezwungenen Genremeilenstein als menschenverachtend und eben gewaltverherrlichend hinzustellen. Auch nach jahrelangem juristischem Tauziehen blieb und bleibt Raimis „Evil Dead" bis heute in Deutschland in seiner ungeschnittenen Fassung verboten. In Zeiten mühelosen Internetbestellens aus dem Ausland mag das zwar kein allzu grober Missstand mehr sein, doch spricht es dennoch Bände über die in Deutschland angeblich nicht vorhandene Zensur. Dem Quasi-Remake „Tanz der Teufel 2" (1987) und der flotten Horrorkomödie „Armee der Finsternis" (1992), den beiden Sequels zum ersten Teil, blieb aufgrund weniger anstößiger Gewaltdarstellung zwar gleiches Schicksal erspart, doch zehrten sie im Guten wie im Schlechten weltweit vom Ruf des verrufenen Originals. Auch in den USA blieben die ersten beiden Teile von Raimis Dämonentango für Jugendliche selbst in Begleitung Erwachsener nicht zugänglich. Und hier lässt sich bequem eine Brücke zur aktuellen Neuinterpretation schlagen.

Es geht nämlich erneut recht blutig zu im nächtlichen Hain. In Zeiten, in denen Zombies, ihre vortrefflichen literarischen Vorlagen trefflich negierend, kinderfreundlich Will Smith oder Brad Pitt jagen, ist es doch für so manchen Horrorfreund erbaulich, wenn noch fern der Großproduktionen vereinzelt Genrebeiträge im Kino abgeliefert werden, die vom Feuilleton nicht einmal mit der Kohlenzange angefasst werden. Wie vor drei Jahrzehnten war die der amerikanischen MPAA vorgelegte Schnittfassung des Remakes zu brutal für ein R-rating, das nun aber einmal für grünes Licht im amerikanischen Lichtspielhaus unabdingbar ist. Also setzte man mit dem Hinweis die Schere an, die von Regisseur Fede Alvarez anvisierte Version werde für den Verkauf nachgereicht. Macht aber nichts, denn die Neuauflage steht auch in ihrer leicht gekürzten Version dem derben Original an blutigem Spaß in nichts nach und langt sogar ganz ordentlich hin. Also alles wie gehabt? Nicht ganz.

Fünf Freunde treffen sich in tiefer Abgeschiedenheit, um gemeinsam im halbdunklen Zwielicht des Waldes den kalten Entzug eines Mitglieds ihrer Gruppe durchzustehen. Nur sind sehr bald der Schmerz und die alle Beteuerungen beiseite schiebenden Versuche der jungen Frau, wieder an Drogen zu gelangen, nicht mehr das eigentliche Problem der Leutchen. Vielmehr hat der Hohlkopf der Clique neben unzähligen Katzenleichen einen Schinken mit dem Titel „Buch der Toten" im Keller gefunden und liest nun munter daraus vor. Weder die nicht ganz sonntagszeitungstauglichen Zeichnungen im Buch, noch die deutlichen Warnhinweise eingangs bringen ihn davon ab, die Beschwörungsformeln zur Erweckung der Toten lauthals zum Besten zu geben. Also erheben sich die Dämonen des Waldes und fallen nun wie die Berserker über die jungen Leute her, die, bald selbst besessen, daran gehen, einander mit Hämmern, Tranchierklingen, Kettensägen, Nagelschussmaschinen, Schrotflinten und Teppichmessern zu zerfleischen.

Eigentlich ein Szenario zum Sonne putzen. Doch lässt sich das von Sam Raimi, Robert Tapert und Bruce Campbell produzierte Remake nicht uneingeschränkt dem Genreroutinier empfehlen. Und das liegt hauptsächlich daran, dass der Charme des Originals oder überhaupt irgendein individueller Wesenszug nicht erkennbar ist. Sicherlich ist es schwer, einen Meilenstein zu verfilmen und das Resultat am filmischen Vorbild zu messen, doch entbindet das nicht von der Pflicht einer Neuinterpretation, seine Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Hierzu mag man neue Zutaten verwenden oder die Zubereitung variieren. Vor allem müssen aber neue Ideen her. Zack Snyders „Dawn oft he Dead" (2004) oder Alexandre Ajas „The Hills have Eyes" (2005) haben spielend vor Augen geführt, wie man das macht. Doch zwischen solchen Glanzleistungen und eher gescheiterten, lieblosen Aufgüssen, wie „Nightmare on Elm Street" (2010) oder „Freitag, der 13." (2009) tummelt sich ein ganzer Wust an Remakes, die zwar leidlich unterhalten, doch die Verbundenheit mit ihrer Herkunft mehr oder weniger missen lassen. Die kopierten Originale hatten Charakter. Auf deren Plagiate trifft das zu selten zu.

Ein liebenswerter Pluspunkt des frühen „Evil Dead" war dessen handgemachtes Flair. So vermittelten Raimis durch den Wald rasende Shaky Cam, seine innovativen Masken, das durchdachte Drehbuch und das mit wenig finanziellen Mitteln beeindruckend ins Werk gesetzte Bühnenbild echtes Herzblut. Raimi ließ seine Bilder wirken. Er ließ der von ihm eingefangenen klaustrophobischen Atmosphäre Zeit, sich zu entfalten. Auch wenn manches heute angestaubt wirken mag, der in den beginnenden 80ern transportierte Grusel ist auch dreißig Jahre später noch deutlich spürbar. Nach unzähligen gleichgearteten Genrebeiträgen mag es im Jahr 2013 zwar selbstredend ungleich schwerer sein, qualitativ herauszustechen, doch sollte zumindest darauf geachtet werden, nicht allzu offensichtlich auf die Baugruppen kontemporärer Produktionen zu schielen. Und da sehen wir regelmäßig und viel zu häufig schrill kreischende, an Decken klebende Geister oder aus Spiegeln hüpfende mies gelaunte Weltuntergangsvisagen. Die Teufel-Reihe hatte es früher nicht nötig, bei der Konkurrenz zu kopieren. Im Gegenteil, man setzte selbst neue Maßstäbe. Schade, dass es heute fast so wirkt, als müsse man inszenatorisch mit dem Strom schwimmen. Zu vorhersehbar greifen Hände ins Bild, fallen Türen zu oder meint man den Zuschauer einfach mit einem lauten Schrei oder unvermittelten Knall erschrecken zu müssen. Doch sind das alles Elemente, die eigentlich mit der überlieferten Marschrichtung nicht mehr in Einklang stehen. Und dass die durchaus existiert, zeigt etwa der überzeugende Score, der unheimlich in die 80er zurückversetzt, das stimmig arrangierte Setting, die Kompromisslosigkeit der Inszenierung sowie das weiterhin spürbar präsente, nachdrücklich seinem Lebenswerk treue Produktionsteam.

Richtig war auch die Entscheidung von Tapert, Raimi und Campbell, kein Panini-Abziehbild ihrer Frühwerke zu schaffen. Welcher Fan braucht sinn- und einfallslose 1:1 Aufgüsse? Nur die einzig am Geld interessierten Studios schrieben hier schwarze Zahlen. Schön also, dass sich die Mühe gemacht wurde, die Sache für Alteingesessene nicht ganz so vorhersehbar zu gestalten. Weniger ansprechend sind hingegen die eigentlich austauschbaren Darsteller. Im Gegensatz zur liebevoll ausgefeilten zentralen Figur des „Ash(ley)" der Originale, trägt hier niemand die Sympathien (oder Antipathien) des Publikums. Professionelle Darsteller sind und waren noch nie Garanten für gern gesehenes Charakterspiel. Keiner der sich hier zu Tode Blutenden wird irgendwann seine eigene Actionfigur auf Amazon kaufen können. Ein nicht ganz so leeres Hemd als (vermeintlicher) Held hätte dem Szenario jedenfalls gut zu Gesicht gestanden, obwohl Hauptdarsteller Shiloh Fernandez überzeugend spielt. Auch wäre ein wenig weniger Begriffsstutzigkeit sympathisch gewesen, denn spätestens nachdem einige der Beteiligten schon damit beginnen, sich die eigenen Unterkiefer abzuschlagen oder kichernd Rasierklingen zu lutschen, hätte man als Mann der Tat auf die Idee kommen müssen, dass das jetzt nicht mehr mit einem schlechten Bierchen oder kaltem Entzug zu erklären ist. Aber macht ja nichts. Ist ja gerade nochmal schief gegangen.

Als eigenständiger Horrorfilm ist „Evil Dead" zu gebrauchen. Kompromisslos verweist er alle ähnlich gestrickten Genrebeiträge vom Platz. Wenn überhaupt scheitert die ins neue Jahrtausend transportierte Story um die von Dämonen heimgesuchten jungen Leute im Wald am Vergleich mit dem Original. Eine weniger gehetzte Inszenierung in Kombination mit einem markanten Gesicht als Hauptakteuer hat bereits vor Jahrzehnten wunderbar funktioniert und hätte das auch wieder getan. Aber James Wan und seine Retortengeister lassen grüßen und vor allem die Klasse klingeln. Ein entwaffnendes Argument.

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