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Luis Buñuel inszenierte Ende der 20er bzw. Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts mit „Der andalusische Hund“ und „Das Goldene Zeitalter“ die beiden wohl wichtigsten filmischen Beiträge zum Surrealismus überhaupt. Anschließend betätigte sich das Multitalent sehr unfangreich und arbeitete unter anderem in vielen Ländern Europas sowie in Hollywood. 1946 sollte Buñuel schließlich nach Mexiko gehen, einige Jahre später wurde er sogar mexikanischer Staatsbürger. Hier entstanden die meisten seiner Filme und mit Meisterwerken wie „Die Vergessenen“ oder „El“ erreichte der revolutionäre Filmemacher endlich wieder die innovative Kraft und inszenatorische Form seiner Frühwerke.

Der 2005 verstorbene Ire Dan O’Herlihy verkörpert den Robinson Crusoe mit großer Ernsthaftigkeit und arbeitet die unterschiedlichen Facetten seines Charakters ebenso glaubwürdig heraus wie seine innere Verzweiflung und moralische Wandlung. Die hinlänglich bekannte Geschichte wird schnörkellos und authentisch wiedergegeben, das Drehbuch hält sich dabei sehr eng an den Roman von Daniel Dafoe. Nur in wenigen Sequenzen lässt Buñuel seinen surrealistischen Stil durchblitzen und ersetzt diesen die meiste Zeit über durch einen zutiefst naturalistischen. Die exotische Umgebung wird wunderbar eingefangen und die fast 300 Jahre alte Story wirkt noch heute fesselnd. Das liegt an der starken Umsetzung der Atmosphäre, welche genau den Ton des Buches trifft und vom Christentum-Kritiker mit dezenten Anspielungen versehen.

Auch die Zivilisierung des Eingeborenen „Freitag“ ist gelungen, umgeht geschickt den unterschwelligen Rassismus des Buches, ohne aber die Eingeborenen als simple Gutmenschen zu portraitieren. Kritik an unserer westlichen Kultur dringt fein aber unübersehbar in der allegorischen Geschichte durch, der Grundton bleibt zutiefst religiös.

Über die Jahre hinweg entstanden unzählige Neuverfilmungen und Variationen heraus, besonders hervor zu heben sind die Satire „Freitag und Robinson“, Corbuccis Parodie „Robinson Jr.“ oder auch Zemeckis’ Hollywood-Neuinszenierung „Cast Away“ mit Tom Hanks. Auch „Robinson Crusoe“ mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle bemüht sich um eine authentische Verfilmung, scheitert jedoch an seinem Hauptdarsteller. Eine Robinsonade stellt für Schauspieler generell eine besondere Herausforderung dar, weil hier der Fokus noch verstärkter auf den darstellerischen Leistungen ruht. Wie auch alle anderen mir bekannten Verfilmungen thematisiert Buñuels Werk lediglich Robinsons Zeit auf der einsamen Insel, seine zahlreichen Reisen davor und danach werden nicht gezeigt; der Umfang des Originals würde eine kinogerechte Länge aber nicht möglich machen.

Der Unterhaltungswert ist hoch, trotz der bekannten Geschichte, die in dieser Version auch keine neuen Handlungselemente findet. Aufgrund der unkomplizierten Story und der relativ konventionellen Inszenierung dürfte „Robinson Crusoe“ einer der massenkompatibelsten Filme aus Buñuels üppigem Gesamtwerk sein.

Fazit: Mit Sicherheit eine der besten, wenn nicht sogar die beste Adaption des Literaturklassikers.
Zu keiner Zeit langweilig, perfekt inszeniert und mit einem großartigen Hauptdarsteller besetzt, wirkt der kraftvolle und dunkle Film beinahe makellos und sehr eindringlich.

8,5 / 10

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