Dieser Film ist definitiv der sperrigste und verstörendste Film, den Argento bislang abgeliefert hat - in einem durchaus positiven Sinne gemeint. Zwar finden sich viele Elemente darin, die einfach zu Argento-typisch sind, als daß man sich noch davon überraschen lassen könnte (insbesondere die typische Who's-the-lunatic-Kehrtwende in der Mitte des Filmes - ähnliches gab es bei TENEBRE, bei PHENOMENA, SLEEPLESS, etc.), aber die "Argentoismen" sind es auch nicht, die den Film so überzeugend machen; was ihn so brillant macht, ist die unglaubliche Stimmung eines Schwanken am Rande des Wahnsinns, welche durch eine Vielzahl visueller und akustischer (hervorragende Arbeit von Morricone!) Raffinessen erzeugt wird. Was mich beispielsweise völlig umgehauen hat, ist die Szene, in der Anna (Asia Argento) vor dem Spiegel steht und sich die blonde Perücke überzieht - abgesehen davon, daß hier sehr deutlich Hitchcock (VERTIGO) zitiert wird (und Lynch dieselbe Symbolik mit vergleichbarer Intention in MULLHOLLAND DRIVE verwendet), besitzt diese Szene innerhalb der Dramaturgie eine psychologisch höchst interessante und beklemmende Konnotation: Das Vergewaltigungsopfer, das zunächst optisch und vom Verhalten her immer mehr zum Mann wird, um sich dann (wenn ihre psychische Störung "greift") mit dem Attribut der Unschuld zu versehen. Und der erste Mann, den sie in ihrer neuen Rolle kennenlernt, trägt einen Frauennamen: Marie (oder doch die biblische Maria - die "wahre" Unschuld?) Ein Spiel mit Verdrängung, mit Geschlechterrollen und wechselnden psychologischen Perspektiven, wie man es von Argento noch nie in ähnlicher Intensität zu sehen bekommen hat. Hervorragend auch die völlig debile Familie der Anna, in der letztendlich sie eine Art Vaterrolle übernimmt - ihr eigener Vater ist kaum noch Herr im Haus, man hat eh den Eindruck, er kapiert überhaupt nicht, was um ihn herum vorgeht, und ihre Brüder sind wie ein paar zu groß geratene Teenager; logisch, daß Anna beim Boxtraining einen von ihnen fast zu Boden schlägt. (Wo ist übrigens die Mutter? Sie wird nur einmal kurz erwähnt, bei der Rückblende zu einem früheren Museumsbesuch) Ihr düsteres Pendant findet diese "Vatergewalt" in der aggressiven, finsteren Männlichkeit, wie sie Thomas Kretschmann darstellt, von der Anna schließlich überwältigt wird.
Auch sehr zentral ist das stetig wiederkehrende Motiv des Ansehens und Angesehen-werdens: Als Anna zum ersten Mal von ihrem Peiniger vergewaltigt wird, schlägt er sie bewusstlos, jedoch eher versehentlich, scheint es, denn ehe sie das Bewusstsein verliert, ruft er fast flehend: "Nein, bleib wach!" Als erhielte er seine zerstörerische Macht lediglich aus dem Gesehen-werden - wie ein Kunstwerk, das betrachtet werden will. (Oder die Medusa, die ihre Bosheit erst entfalten kann, wenn sie angesehen wird - nur konsequent, daß eines der ersten Kunstwerke, das Anna im Museum betrachtet, eine Medusa ist...)
Interessant im gesamten Werk von Argento wird der Film schließlich dadurch, daß auch hier die Hauptperson (und zwar so drastisch wie noch nie) eine völlig passive Figur ist, der all diese schrecklichen Dinge passieren, ja, die von ihnen im ganz physischen Sinne überwältigt wird, ohne daß sie je handelnde Person würde. Und in dem Moment, da sie selbst aktiv wird, wird aus dem verinnerlichten Leid veräusserte Aggression. Handelnder, so scheint es, kann man in der Welt Argento's letztlich nur durch Gewalt werden. (Ähnlich prägnant wird dieses Motiv des hilflosen Betrachters in der Eingangsszene von BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE dargestellt, wo der Protagonist zwischen zwei Glasscheiben gefangen einen Mordversuch beobachten muss - unfähig, zu helfen, aber auch unfähig, zu fliehen).
Ein Film, so voller Hintergründigkeiten und versteckter Symbolik, wie man es sonst nur von David Lynch oder Jodorovsky gewohnt ist, wenn auch vielleicht nicht immer mit vergleichbarer Eleganz umgesetzt; und was das schönste ist: Auch ohne das ganze psychologische Zeug ist der Film einfach unglaublich spannend! 9/10