Irgendwo zwischen Giallo, amerikanischem Serienkillerfilm und phantastischem Bilderrausch angesiedelter Film von Argento, der danach ganz neue Qualitätsniederungen entdecken sollte.
Anna Manni (Asia Argento) besichtigt die Uffizien in Florenz, taucht in die Bilder ein – und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Es folgen Zusammenbruch, temporale Amnesie und Hilfe von Alfredo Grossi (Thomas Kretschmann). Zur Drehzeit kam die CGI-Technik stärker in Mode und Argento setzt sie, beim Eintauchen Annas in die Bilder oder um das Fallen von Pillen in ihrem Schlund zu zeigen. Dabei hatte Argento weniger Budget als vergleichbare Hollywoodfilme zur Vergnügung, sodass man den Animationen trotz ihres leicht angestaubten Aussehens gute Qualität bescheinigen kann.
Anschließend erfährt man, dass Anna an sich Polizeiinspektorin ist und nach einem Serienvergewaltiger fahndet, der seine letzten Opfer zudem noch tötete. Sie erhält kurz darauf Besuch von Alfredo – welcher der Gesuchte ist, den sie aber aufgrund ihrer Amnesie erst nicht identifiziert. Er fällt über sie her und nur mit Glück kann sie später entkommen. Verantwortlich für Annas Amnesie, aber auch Alfredos Faszination für sie ist das titelgebende Syndrom, das Leute eben dermaßen von Kunst fesseln lässt, dass sie Probleme haben in die Lebenswirklichkeit zurückzukehren.
Anna nimmt eine Auszeit, versucht sich bei ihrer Familie zu erholen und mit den Folgen der Tat umzugehen. Doch Alfredo ist immer noch fasziniert von seinem Lieblingsopfer – das Schlimmste steht noch bevor…
„The Stendhal Syndrome“ ist ein ruhig erzählter Film Argentos, der mal wieder von der beeindruckenden Optik lebt, die der Ästhetik-Virtuose ihm verleiht. Im Vergleich zu einem „Suspiria“ oder „Inferno“ nimmt sich Argento leicht zurück, doch seine Inszenierung ist mal wieder kunstvoll und ansprechend – zumindest in den ersten zwei Dritteln des Films, in denen „The Stendhal Syndrome“ die Trips seiner Hauptfigur visualisiert. Sehr stark vor allem die Szene, in der das Wandgraffiti eines phallusbewehrten Dämonen zum Leben erwacht und zu Anna schreitet, aber auch der Blick durch eine durchschossene Wange.
Als Thriller ist „The Stendhal Syndrome“ dabei recht ruhig, da man den Schuldigen kennt und es nur wenige Mordszenen gibt, in denen Argento aber mal wieder mit Spannungsaufbau und geschickt eingesetzter, aber nicht vordergründiger Gewalt Akzente setzt. Doch es geht vor allem die Psyche der vergewaltigten Anna, die nach Bewältigung sucht. Grandios wird ihre Aggression bei den Boxtrainingsszenen eingefangen, auch ihre Recherche in dem Fall scheint eher eine Suche nach Antworten zu sein. Nachvollziehbar geht Argento mit dem Szenario um, bleibt seiner Hauptfigur nah, ehe sie am Ende des zweiten Drittels ein kathartisches Erlebnis hat.
Danach entgleitet „The Stendhal Syndrome“ Argento leider. Sicher gibt es im letzten Drittel noch ein paar deftige Bluttaten zu sehen, doch dieser Part gestaltet sich als enttäuschend vorhersehbar, da man die finale Pointe absieht. Das Spiel mit Genderrollen verdeutlicht bald, worauf „The Stendhal Syndrome“ wohl hinauslaufen wird, was dann noch mit ein paar Referenzen gen Hitchcock und de Palma verstärkt wird. *SPOILER* Die optischen Veränderungen Annas sind sehr eindeutig, die blonde Perücke ist eine Referenz gen „Psycho“ und „Dressed to Kill“, zu denen die Pointe von „The Stendhal Syndrome“ auch wie eine Spiegelung steht. *SPOILER ENDE*
Den Hauptdarstellern kann man dabei keinen Vorwurf machen. Asia Argento beweist, dass sie die Rolle wirklich einfühlsam spielen kann, und verkörpert die zwischen Toughness und Verletztlichkeit schwankende Anna sehr überzeugend. Noch besser ist der fantastische Thomas Kretschmann, der einen absolut dämonischen Widerling abgibt. Grandios die Szenen, in denen er einem gefesselten Opfer erzählt er habe sie vermisst, ehe er über Unglück beim Kerzenanzünden philosophiert. Der Rest vom Cast leistet dagegen bloß Solides, hat aber auch weniger Screentime.
„The Stendhal Syndrome“ fängt ruhig, aber fesselnd an, ehe das enttäuschende letzte Drittel viel vom Gesamteindruck zerstört und den Film etwas runterzieht. Ordentlich, in seinem Einfühlungsvermögen für die Hauptfigur gelungen, aber gegen Ende leider vorhersehbar und unspannend – schade drum.