Das "Stendhal Syndrom" ist eine Krankheit, die bei bei einer Überdosis Kunst auftreten kann und schwere Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Persönlichkeitsverlust und Schizophrenie auslösen kann. Benannt wurde sie nach dem französischen Philosophen Stendhal, der zumindest der erste war, der darüber schrieb. Leiden müssen unter diesem Syndrom nämlich viel mehr Leute als man glaubt, denn in den Uffizien in Florenz wurden extra Ruheräume für gestreßte Museumsbesucher eingerichtet, was Prof. Graziella Margherini in ihrem Buch LA SINDROME DI STENDHAL ausführlich beschreibt. Diese psychologische Arbeit muss dann auch irgendwie den Weg in die Hände von Dario Argento gefunden haben, dessen Werke beim Betrachter ebenfalls zum Teil extreme Reaktionen auslösen können.
Das Ergebnis kann man dann auch am besten als "dämonische Kunst" bezeichnen, als ein gleichzeitig perverses und verführerisch elegantes Meisterwerk.
Bereits die ersten Minuten, in denen die junge Anna (herrvoragend verkörpert von des Meisters Töchterlein Asia) in den Uffizien die Symptome des Syndroms verspürt, sind derartig atemberaubend inszeniert, daß es einem den Atem verschlägt. "Die Geburt der Venus" beginnt zu flüstern und Ennio Morricones brilliante Musik steigert sich zu einem wahren Crescendo beim Anblick der Medusa (wohl der Prototyp der bösen Mutter schlechthin); am Ende der Sequenz steht dann im wahrsten Sinne des Wortes das Eintauchen in das Gemälde und somit die Freisetzung verdrängter erotischer Wünsche.
Doch es folgen noch weitere Grenzüberschreitungen, so folgen wir mehreren Schlaftabletten eine Speiseröhre hinab, Gemälde verwandeln sich in Türen zwischen verschiedenen Realitätsebenen, Graffitis steigen bedrohlich von der Wand herab.
Gewissermaßen stellen sogar die Gewalttaten Alfredos (ein unglaublich fieser Thomas Kretschmann) nur bewußte Grenzverletzungen dar: So folgen wir einer Patrone durch den Kopf des Opfers, Alfredo blickt anschließend sogar noch durch das Einschußloch; selbst seine Vergewaltigungen sind unter diesem formalen Gesichtspunkt lediglich das gewaltsame Eindringen in den weiblichen Körper. Eine längere Szene ist sogar rein subjektiv aus der Sicht des Mörders gefilmt, wodurch versucht wird, selbst die Distanz zum Zuschauer zu Überwinden.
Diesem außerordentlichen visuellen Konzept, der strengen Bildkomposition, einfach der überwältigenden Schönheit des Films stellt Argento dann einige der (in seinem künstlerischen Werk gewiß nicht spärlichen) brutalsten Sadismen gegenüber. Die Szene etwa, in der Alfredo Anna mit der Rasierklinge liebkost ist in ihrer Perversion kaum zu überbieten; aus dem liebevollen Akt des Streichelns wird hier grausame Folter. Annas Rache ist dafür eine einzige symbolische Kastration, eine stellvertretende Rache an allen Männern.
Hierbei wären wir auch schon bei der gelungenen psychologischen Ausleuchtung eines Vergewaltigungsopfers, die Argento hier präsentiert. Steht am Anfang noch Selbstverstümmelung und Flucht in die Androgynität, verwndelt sich Anna schließlich mit Hilfe von Perücke und Make-Up vollkommen in eine andere, wird selbst zu einer Art Kunstwerk wie zuvor bereits in der Szene, in der sie ein Action-Painting malt, und findet gar das trügerische Glück einer Beziehung zu dem soften Franzosen Marie(!).
Natürlich können überkritische Naturen die (wie immer bei Argento) unlogische Thrillerstory bemängeln, die mit dem titelgebenden Syndrom verknüpft wurde, die verstörende Gewalt ist sicher auch nicht jedermanns Sache und die ersten in einem italienischen Film vorkommenden Compueranimationen sehen neben heutigen Wundern der Tricktechnick ebenfalls reichlich ärmlich aus. Wer LA SINDROME DI STENDHAL aber nur darauf reduziert, verpasst nicht nur einen außergewöhnlichen Thriller, sondern ein schmerzhaftes und doch graziöses Meisterwerk, einen Rausch der Bilder, der seinem Namen alle Ehre macht. (Natürlich ohne schizophrene Anwandlungen auszulösen...hoffentlich...)