Italo-Kult-Regisseur Dario Argentos („Opera“, „Profondo Rosso“, „Tenebrae“) 1996er Regiearbeit „The Stendhal Syndrome“ ist eine einerseits vom Regisseur gewohnte Psychothriller/Horror-Mixtur, die gleichzeitig ungewohnt, weil kaum den Giallo-Konventionen entsprechend, ausfiel. Die junge Polizistin Anna Manni (Asia Argento, „Dämonen“), die einem brutalen Serienvergewaltiger und -killer (Thomas Kretschmann, „Rohtenburg“) auf der Spur ist, wird selbst zu dessen Opfer, nachdem sie das sog. Stendhal-Syndrom, einen Erschöpfungszustand nach dem Sich-Verlieren in Kunstobjekten, erlitt. Nachdem sie ihn getötet hat, die Leiche aber nie gefunden wurde, wähnt sie sich weiterhin von ihm verfolgt.
War es in früheren Werken Argentos beispielsweise die Kunst der Architektur, die er in eindrucksvoll in Szene setzte und dadurch huldigte, ist diesmal die Malerei das Objekt seiner Fetischisierung – allerdings ohne sie gegenüber der Handlung dominant in den Vordergrund zu rücken. Anna wird von den Gemälden in den Florenzer Uffizien sogartig angezogen und in eine fremde Welt ver- und entführt, was mittels Tricktechnik dahingehend umgesetzt wurde, dass sie die Gemälde begeht und in sie im wahrsten Sinne des Wortes eintaucht. Davon überwältigt, fällt sie in Ohnmacht und muss fortan mit weiteren syndrombedingten Visionen leben.
Viel schlimmer jedoch wirken die Entführungen und Vergewaltigungen durch Alfredo, den wahnsinnigen Psychopathen. Diese Szenen hat Argento verhältnismäßig explizit, vor allem aber verstörend in Szene gesetzt, arbeitete hier wie auch in anderen Momenten aber zusätzlich mit Computeranimationen. Diese wirken wie eigenartige Fremdkörper und sind eigentlich überflüssig, wenn ich sie auch nicht unbedingt als störend empfand. Wenn Anna sich zur Wehr setzt und über Alfredo zu triumphieren scheint, begibt sich Argento mit „The Stendhal Syndrome“ in klassische „Rape & Revenge“-Gefilde; diese Szenen zählen meines Erachtens zu den Höhepunkten des Films.
Manch einer hätte jene Handlungselemente vermutlich am Ende des Films, als packend inszeniertes Finale, gewähnt, doch mitnichten: Fortan wird man Zeuge weiterer Morde und bekommt den Eindruck vermittelt, Alfredo wäre noch aktiv und außerdem hinter Anna her. Doch nur allzu schnell ahnt der Zuschauer – vollkommen konträr zu Argentos früheren Filmen – wo der Hase die Flinte im Korn versteckt hat. Eigentlich ist es so offensichtlich, dass ich es hier spoilern könnte. Tue ich aber nicht, sondern stelle fest, dass das Finale des Films eigentlich gar keines so recht ist, sondern alle Vorhersehungen schlicht und unspektakulär bestätigt. Oder anders: Nach den von mir als Höhepunkte des Films gelobten Szenen plätschert die Handlung eher vor sich hin, als wirklich zu fesseln. An den Bildschirm zu fesseln vermögen da eher die Ausleuchtung der Bilder, die Kameraführung, eben Argentos typische Stärken, die auch unspektakulärere Handlungselemente zu visuellen Genüssen machen. Zwar gibt es hier keine ausufernden Kamerafahrten oder anderes selbstzweckhaftes Spektakuläre, aber das Niveau ist durchgehend hoch. Auch Morricone verstand es, erneut für eine eingängige, stilvolle musikalische Untermalung Sorge zu tragen.
Was den Stil betrifft, kann „The Stendhal Syndrome“ also erwartungsgemäß punkten, ebenso mit seiner spannenden ca. ersten Stunde. Neben der dann durchhängenden Dramaturgie gibt es aber ein ganz großes Problem. Asia Argento spielt grundsätzlich nicht schlecht, muss vieles über sich ergehen lassen und wird dabei auch noch von ihrem eigenen Vater gefilmt. Jedoch: Ich nehme ihr die Polizistin nicht ab. Zu keinem Zeitpunkt. Niemals. Das dürre, blutjunge, unerfahren und naiv wirkende Mädchen ist einfach keine Bullette. Ich halte Asia Argento keinesfalls für eine schlechte Schauspielerin, es wurde schlicht diese Rolle mit ihr nicht optimal besetzt. Im Laufe des Films erfährt sie mehrere charakterliche Metamorphosen, die sich zunächst darin äußern, dass sie durch den Einfluss Alfredos auf ihre durch das Stendhal-Syndrom ohnehin schon derangierte Psyche vermeintlich „männlicher“ wird. Das soll dann dadurch dargestellt werden, dass sie ihre Haarpracht kürzt und ihre Aggressionen beim Boxen abzubauen versucht. Dass sie beides tut, ist in Ordnung, das aber als etwas „männliches“ darzustellen – hätten die zahlreichen Italo-Fettfrisuren im Film nicht darauf hingewiesen, wäre ich gar nicht darauf gekommen – offenbart peinliche, überholte Geschlechterklischees. Mit ihrer späteren blonden Langhaarperücke sieht sie zudem reichlich albern aus, wobei das aber vermutlich ein Hinweis auf ihren desolaten psychischen Zustand sein soll.
Genug der Kritik, denn bei allem sollte man nicht vergessen, dass die psychologischen Vorgänge, die der Film beschreibt, alles andere als uninteressant sind und in ähnlicher Form tatsächlich in der Realität vorkommen sollen. Inhaltlich ist „The Stendhal Syndrome“ also voll auf der Höhe, sieht toll aus, hat mit Kretschmann einen herrlich widerlichen Fiesling zu bieten, verfügt über einen Morricone-Score, verstört mit Brutalität und Wahnsinn und wird trotz irgendwann deutlich nachlassender Spannung nie wirklich langweilig. Das müssen viele andere Argento erst einmal nachmachen.