"3096 Tage" widmet sich einem Thema, dass erst vor wenigen Jahren von den Medien in einer Form vermarktet wurde, dass beinahe Jeder davon gehört haben wird. Das plötzliche Auftauchen der tot geglaubten Natascha Kampusch im Jahr 2006 war eine Sensation, nicht nur in kriminalistischer Hinsicht, sondern allein in der Person der jungen Frau, die als kleines Mädchen verschwunden war und als intelligente, scheinbar unversehrte Erwachsene wieder auftauchte. Diese Verwandlung erzeugte die gegensätzlichsten Emotionen - Mitgefühl und Skepsis, Begeisterung und Kritik, Verständnis und Misstrauen - denn ihre mehr als acht Jahre andauernde Gefangenschaft befeuerte die Fantasie genauso, wie sie Fragen aufwarf. Wie genau war es ihr ergangen? - Hätte sie ihrem Peiniger nicht früher entkommen können, da sie ihn zunehmend auch in der Öffentlichkeit begleitet hatte? - Hatten sich ihre Gefühle für Wolfgang Priklopil verändert, der sich unmittelbar nach ihrer Flucht das Leben nahm?
Jede Reaktion von Natascha Kampusch wurde genau beobachtet, dann seziert und beurteilt, ohne ihrer Person und ihrem Martyrium näher zu kommen, bis sie selbst ein Buch über die Jahre schrieb, in denen sie in dem kleinen Kerker unter Priklopils Haus eingesperrt war. Eine Maßnahme, die einerseits den Versuch darstellte, Verständnis für ihr Verhalten zu erzeugen und ihren dazu notwendigen Lebenswillen zu vermitteln, andererseits ihr den erneuten Vorwurf einbrachte, aus ihrem Schicksal Kapital schlagen zu wollen. Der verstorbene Produzent Bernd Eichinger hatte das Potential dieser Geschichte frühzeitig erkannt, aber gleichzeitig bedeutete die filmische Umsetzung das Wandeln auf einem sehr schmalen Grat. Weder durfte der Täter zu sehr dämonisiert, noch seine Taten verharmlost werden, weder das Opfer zu heroisiert, noch zu mitleiderregend dargestellt werden, denn über allem lauerte die Gefahr des Voyeurismus und des Bedienens einfacher Interpretationen.
In jedem Moment des Films wird deutlich, wie bewusst sich das Team um Regisseurin Sherry Horman dieser Gefahren war, denn "3096 Tage" wurde vor allem ein Film, der versuchte keine Fehler zu machen. Und man kann nur konstatieren, dass ihm diese Intention gelungen ist, wenn auch zum Preis einer großen, allerdings verständlichen Distanz. Nicht nur dass die Darstellerriege international besetzt ist, auch der Verzicht auf das typische Wiener Idiom verhindert jeden zu naturalistischen Ansatz. Trotzdem ist die Rollen-Besetzung überzeugend in der zweifachen Besetzung der Natascha Kampusch als 10jähriges Mädchen (Amelia Pidgeon) und als erschreckend abgemagerter Teenager, von Antonia Campbell-Hughes mit hohem persönlichen Einsatz verkörpert. Auch Thure Linhardt als Entführer aus dem kleinbürgerlichen Wiener Milieu gelingt es gleichzeitig gefährlich und verklemmt zu wirken, eigenbrötlerisch und nicht unattraktiv.
Die gewählte Distanz ist auch deshalb zwingend notwendig, um das Geschehen ertragen zu können. Besonders die ersten Szenen, in denen das kleine Mädchen in der leeren Zelle nach dem Niederschlag wieder aufwacht, sind sehr eindringlich gelungen und können schon früh den Versuch Nataschas vermitteln, überleben zu wollen, ohne sich völlig aufzugeben. Vor allem die totale Isoliertheit des Mädchens und ihr Ausgeliefertsein können die Bilder sehr gut transportieren, ohne irgendwelche Extreme bedienen zu müssen. Dagegen sind die Szenen mit der älteren Natascha, zu denen der Film nach einem Zeitsprung von etwa vier Jahren wechselt, konkreter in der Darstellung körperlicher und sexueller Gewalt, bewahren aber ihren dokumentierenden Charakter, ohne bewusst Emotionen forcieren zu müssen. Zudem wird die gegenseitige Abhängigkeit spürbar, denn obwohl Priklopil regelmäßig Gewalt anwendet, um Natascha klein zu halten, ist es unverkennbar, wie sehr er sie gleichzeitig braucht.
Trotzdem lässt "3096 Tage" keinen Zweifel daran, dass sein Versuch, quasi eine "normale" Beziehung daraus entstehen zu lassen, von ihr nie erwidert wurde. Als ihr bewusst wird, dass er sie nicht mehr gehen lassen will, wird ihr klar, dass Einer von ihnen sterben muss. Zudem wird es verständlich, warum sie nicht die erste Gelegenheit nutzte, zu fliehen oder zumindest auf ihre Situation aufmerksam zu machen, denn der Film beschreibt eine Situation der totalen Entfremdung von der Realität. Es war weniger die tatsächliche oder angebliche Gefahr, die von ihrem Entführer ausging, als der Schritt in eine Welt, die ihr fremd geworden war. Und der sie bis heute fremd geblieben ist, woran auch dieser Film nichts ändern kann.
Als Außenstehender bekommt man dank der überzeugenden Inszenierung zwar einen Einblick in die Jahre grausamer Gefangenschaft, ohne diese Situation wirklich nachempfinden zu können, auch wenn "3096 Tage" differenzierte Momente gelingen in der Auseinandersetzung zwischen einem Mann, der nur beim Gefühl völliger Überlegenheit eine Beziehung einzugehen in der Lage ist, und einem Mädchen, dass, um zu überleben, ihn darin bestätigen muss, ohne ihren eigenen Willen zu verlieren und sich zu erniedrigen. Als Dokumentation aus der Sicht des Opfers funktioniert der Film, aber es fehlt ihm die darüber hinaus gehende Tiefe, die aus einem Beobachter einen Beteiligten werden lässt. Der Täter bleibt ein psychopathischer Einzelgänger, ohne das sich generelle Schlüsse auf unsere Sozialisation ergeben - wahrscheinlich konnte und wollte der Film das nicht leisten (8/10).