Kann eine Geschichte die allzu gut bekannt ist und deren Ende feststeht, noch im Rahmen eines Films packend dargestellt werden? Die Antwort ist ein klares JA. Auch wenn der Medienhype in Deutschland um den Film im Moment fast unerträglich ist und 3096 bei weitem kein perfekter Film ist, schafft er es, in Form eines sehr intensiven Kammerspiels mit den beiden Hauptpersonen der älteren Natascha (Antonia Campbell-Hughes) und Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) ein intensives und nachhaltig emotional aufwühlendes Erlebnis zu schaffen.
Und gerade auch der Schauspielerin der jungen Natascha (Amelia Pidgeon) gelingt es, durch ihre relativ große physische Ähnlichkeit die Leiden des jungen Mädchens glaubhaft zu vermitteln. Erwartungsgemäß ist 3096 TAGE ein sehr viel ruhigerer Film als es der ungeschickte und reißerische Trailer vorgibt. Die stärksten Szenen sind für mich nicht die vordergründig dramatischen am Anfang oder Ende des Films. Es sind die leisen, stillen Momente, gerade wenn die jüngere Natascha alleine in ihrem Verlies ist und durch Selbstgespräche im Dunkel der kleinen Zelle versucht, die unglaubliche Angst, Ungewissheit und Einsamkeit zu verarbeiten bzw. erst einmal zu überleben.
Ihr Schreien und Klopfen wird nicht gehört und die Verzweiflung wird größer und größer als sie Stück für Stück begreift, dass es kein Entkommen gibt und kein Zurück nach Hause. Die Einsamkeit in der Stille und im Dunkel der Zelle, das Sehnen nach einem Lichtstrahl kann kaum nachvollzogen werden, aber der Film schafft es auch hier ohne unnötige Effekthascherei in Bezug auf Schauspiel oder Action auszukommen. Hier gelingt es der jungen Darstellerin Amelia Pidgeon durch eine unglaublich eindringliche Mimik und Gestik ihren Überlebenswillen auszudrücken und ich frage mich, wie es ein Kind in diesem Alter schafft so gut zu agieren.
Die ältere Natascha, gespielt von der sehr mageren Antonia Campbell-Hughes, vermag es auch eine intensive Darstellung der diversen Beziehungsebenen zu ihrem Täter zu transportieren. In der einen oder anderen Szene wirkt sie mir allerdings zu selbstbewusst in Ihrer Rolle und rein äußerlich sehe ich ihn ihr auch nicht so die Natascha Kampusch wie wir sie heute bzw. nach Ihrer Befreiung kennen. Aber das sind Kleinigkeiten in einer ebenso eindrücklichen wie intensiven Darstellung des Martyriums eingefangen durch die gute Kameraarbeit von Michael Ballhaus.
Dennoch will 3096 TAGE nichts falsch machen und arbeitet deswegen mit einer gewissen Distanz, die nicht primär an einer quasi dokumentarischen Aufarbeitung interessiert ist. Dazu gehört auch der Verzicht auf die spezifischen Eigenheiten des Wiener Dialekts. Es gibt durchaus eine Reihe von ärgerlichen Momenten sowie technische (z.B. Nachsynchronisierung aufgrund der internationalen Schauspieler) und dramaturgische Verbesserungsmöglichkeiten, die eine noch größere Empathie verhindern, aber diese sollen für mich in diesem Fall hinter die authentische Geschichte treten. 3096 TAGE wird polarisieren und man kann Stimmen zum Teil zupflichten, die in dem Film eine reine Profitmaximierung für die Beteiligten sehen.
Thure Lindhardt als Entführer Priklopil ist sicher in der schwierigen Rolle nicht zu beneiden, aber er versucht geschickt, nicht vordergründig den eindimensionalen Psychopathen zu spielen. Er ist vielmehr aufgrund der inneren Zerrissenheit von einem psychotischen Ordnungs- und Kontrollwahn befallen, um sein inneres Chaos scheinbar zu bändigen und kann seine Gefühle nicht wie andere Menschen kommunizieren. Er ist unfrei und wird es in der „Beziehung“ mit der älteren Natascha immer mehr als deutlich wird, wie abhängig auch er von ihr ist. Auch wird etwas deutlicher klar, warum Natascha nicht einfach auf einem der diversen Ausflüge in der Öffentlichkeit von Priklopil fliehen konnte.
Natascha Kampusch unterstützt den Film 3096 TAGE laut Ihren eigenen Angaben und hält ihn für weitgehend gelungen. Ihr gleichnamiges Buch war ja auch ein entsprechender Bestseller. Obwohl ich den diversen Vermarktungsstrategien von solchen schlimmen Erlebnissen oft sehr skeptisch gegenüberstehe, finde ich, dass es nach diesen unfassbaren Qualen nur mehr als ein gutes Recht ist, diese zu vermarkten. Die Öffentlichkeit schreit ja auch geradezu danach und warum sollte man dieses Bedürfnis nicht angemessen bedienen und von dem Geld versuchen eine neue, zumindest finanzielle Existenz aufzubauen.
Die psychischen Probleme, die sich dadurch eingehandelt hat sind auch niemals mit Geld aufzuwiegen. Unfassbar und an dieser Stelle nicht diskutierbar, ist die Welle von subtilem Unglauben und Hass die ihrer Person und Geschichte auch in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren auch entgegengebracht wurde. Als Film sei somit 3096 TAGE trotz des Medienhypes und für mich subjektiv gesehen romantisch-übersteigerten Note am Ende eine Empfehlung ausgesprochen.
6,5/10 Punkten