1962, pünktlich zum Oberhausener Manifest, in dem 26 Filmschaffende (darunter die späteren Größen Alexander Kluge und Edgar Reitz) "Papas Kino" für tot erklärten und in gewisser Weise den neuen deutschen Film ins Leben riefen, feierte "Die Parallelstraße" (1962) von Ferdinand Khittl, der auch das Manifest verlesen hat, seine Premiere: ein Film über fünf Intellektuelle, die auf Gedeih und Verderben zwanghaft versuchen, 308 Filmdokumente aus aller Welt zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen - ein aussichtsloses Unterfangen, denn die teils rätselhaft kommentierten Ausschnitte aus aller Welt könnten unzusammenhängender nicht sein.
Fast 10 Jahre später dreht Werner Herzog, einer der Ausnahmeregisseure des neuen deutschen Films, "Fata Morgana" (einmal mehr mit einer von ihm aus dem Deutschen Institut für Film und Fernsehen geklauten Kamera) - was Ende der 60er Jahre noch als Science Fiction Film über Außerirdische, die einen fremden Planeten erkunden, geplant war, geriet nun zum Essayfilm aus rätselhaften Eindrücken, die Herzog aus Afrika mitbrachte.
Und dem Zuschauer ergeht es wie den Protagonisten aus der Parallelstraße angesichts der 308 Dokumente: zwanghaft versucht man, die visuellen Eindrücke miteinander und mit den Kommentaren der Tonspur zu verknüpfen - doch dies gelingt nur ansatzweise.
Stand bei Khittl noch der ebenso angestrengte wie ergebnislose Versuch einer Sinnsuche im Vordergrund, da thematisiert Herzog sie nirgends, sondern überlässt sie als Erfahrung dem Zuschauer. Was Herzog zeigt, das sind faszinierende, unwirkliche Bilder und rätselhafte Sätze: "Fata Morgana", der Titel ist Programm.
Mit der Einteilung in drei Akte ("Die Schöpfung", "Das Paradies", "Das goldene Zeitalter") sorgt Herzog zumindest noch für einen recht groben roten Faden in Form einer Chronologie, die gepaart mit einer oberflächlichen aber eindringlich in Szene gesetzten Zivilisationskritik sogar eine leicht erkennbare Aussage enthält: das goldene Zeitalter entpuppt sich hier als katastrophal sinnentleertes Spektakel; die Entwicklung, der sich in den Bildern zeigt, welche von der öden Wüste (einzig von Wrackteilen und Tierkadavern durchzogen) zu Vergnügungsstätten der Gegenwart übergehen, entpuppt sich letztlich zumindest als belanglos, wenn nicht gar als Entwicklung in die falsche Richtung. In einzelnen Momenten (etwa wenn junge Afrikaner "Der Blitzkrieg ist Wahnsinn!" vortragen) gerät Herzogs Zweifel am Fortschrittlichen des Voranschreitens etwas konkreter, aber gänzlich fassbar wird der Film dadurch nicht.
Da trägt mal ein Afrikaner etwas ohne Untertitel vor (und auch Herzog weiß nicht, was da vorgetragen wird), mal schleppen sich ältere Herrschaften ungeschickt auf allen vieren durch Sanddünen, mal lacht ein dicklicher Herr von ganzem Herzen in Gegenwart zweier Freunde, mal erzählt ein Forscher mit Sonnenstich von seinen Anstrengungen, Echsen zu fangen, mal hält ein Junge minutenlang seinen Wüstenfuchs in die Kamera, mal musiziert ein älteres Paar (eine Puffmutter und ein garstiger Zuhälter, wie Herzog im Audiokommentar zu berichten weiß) - und die Tonspur lässt dazu nacheinander die große Lotte Eisner mit ihrer krächzenden Stimme aus dem Popol Vuh vortragen, einen Erzähler berichten, dass im Paradies "Menschen trotz sengender Sonne Schatten werfen" und "Reiher von links" umherfliegen, einen Taucher über den groben Verdauungsvorgang einer Schildkröte sinnieren und mischt über alles Mozart, Leonhard Cohen, Blind Faith u. a.
Die Einstellungen fügen sich zu keinem logischen Ganzen, einige Einstellungen sind gar für sich allein ein Rätsel - und nicht nur die filmische Sprache wird zum Rätsel, auch die Kommentare lassen sich nicht mehr entschlüsseln, erweisen sich bisweilen ganz offen als Nonsense im Stile eines Lewis Carroll.
Versuche der Sinnstiftung mögen ansatzweise hier und da überzeugen, aber größtenteils scheitert der Zuschauer bei dem Versuch, die "Fata Morgana" zu deuten - sie entzieht sich ihm. Herzog lädt aber dazu ein, sich auf die audiovisuellen Eindrücke des Ganzen auf einer rein sinnlichen Weise einzulassen, sich zu distanzieren von der Logik (die ein Teil des Fortschrittsdenkens ist, welches im Film ad absurdum geführt wird) und zeitliche und räumliche Spannen als disparate, unzusammenhängende Teile eines Ganzen zu erfahren. Der Zusammenhang von all dem, was Herzog hier präsentiert, liegt in dem bloßen Vorhandensein dessen, was Herzog da zeigt - und Herzog zeigt es fernab aller Konventionen, auf eine ganz neue Art und Weise: Sätze, die man nicht versteht, Landschaften ohne Ortsangaben, unvollendete Gebäude in den Weiten der Wüste, lauter sonderbare Eindrücke, die im Bild eines unscharfen bewegten Objekts im Flirren einer Fata Morgana ihre Entsprechung finden.
Die Welt auf neue Art und Weise sehen, oder auch ganz neue Bilder der Welt sehen, sie in Kombination mit anderen Bildern sehen, die man dem Denken nach kaum jemals miteinander verbinden würde, die aber in der Zeit oder im Raum nebeneinander bestehen, dazu stiftet Herzog an; und als Zuschauer kann man sein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Hang, die Eindrücke zu ordnen und auszuwerten, und dem Versuch, sie rein sinnlich zu genießen, als spannendes Ringen der eigenen Fähigkeiten, sich die Umwelt anzueignen, genießen.
Eine Aufforderung zum Versinken in Sinnlichkeit und Gefühl, fernab von Logik und Erkenntnisgewinn: kein Wunder, das Amos Vogel hier Tiefen ausgelotet wähnte, "die über Surrealismus und Metaphysik hinausgehen."[1] "Fata Morgana" widersetzt sich allen Versuchen der Ordnung oder der Beschreibung und wird zum Erlebnis.
Da wo Khittl noch auf die Logik setzte, um auf die Grenzen der Logik zu verweisen (wie es auch Greenaway ab den 70er Jahren mehr und mehr immer stärker betrieb), da distanziert sich Herzog vollends von ihr: er bietet die Flucht in sinnliche Erfahrbarkeit an, die Grenzen der Logik und die Logik sind ihm vollkommen egal - sie kann nach Herzog zerfallen und allmählich von der Bildfläche verschwinden, genauso wie es ihre hervorgebrachten Entäußerungen, etwa die Schrotthaufen und Flugzeugwracks in der Wüste in "Fata Morgana" tun.
Könnte man Khittl noch mit gutem Willen als angehenden Wissenschaftstheoretiker fassen, präsentiert sich Herzog selbstbewusst als angehender Esoteriker. (Nach Vogel wohl eine Reaktion der 68er Bewegung auf die deutsche Geschichte - einmal mehr scheint sich die Distanzierung von Fortschrittsgläubigkeit Auschwitz zu "verdanken": "In der BRD werden heute Filme geschaffen, die vielleicht zum ersten Mal den wahren Geisteszustand eines Landes enthüllen, das Faschismus, totalen Krieg und Zerstörung gekannt und seine Juden umgebracht hat. Ein solches Werk ist Fata Morgana."[2])
Ein eigenwilliger, poetischer, bildgewaltiger Essayfilm, wenn auch nicht unbedingt leicht zugänglich.
7,5/10
1) Amos Vogel: Film als subversive Kunst. Kino wider die Tabus - von Eisenstein bis Kubrick. Rowohlt 2000. S. 350.
2.) A. a. O. S. 349.