Review

"Sie haben ein Loch im Hut, Lieutenant."
"Von einer Kugel, Sir."
"Aha."

The Red Badge of Courage ist schwer zu beurteilen; die Bewertung muss sich neben dem Endprodukt auch auf die Intention und die Umstände der Produktion beziehen, deren Einflüsse im Guten und im Schlechten deutlich erkennbar sind.
Produziert mit 1.6 Millionen Dollar und basierend auf dem 1894 erschienenen Roman "Das Blutmal" von Stephen Crane zerstritten sich der Finanzier Louis B. Mayer, Gründer von Metro-Goldwyn-Mayer, und sein Regisseur John Huston schon früh über die Herangehensweise an das Projekt. Die Vorlage ist Allgemeingut; eine von Kritikern und Publikum "akzeptierte klassische Geschichte über den Krieg und die Männer, die den Krieg führen". Die Erlebnisse eines jungen, ganz normalen Mannes, der in den amerikanischen Bürgerkrieg zieht und sich bei der Schlacht von Chancellorsville der Realität von Blut und Zerstörung stellen muss.
Als es zum ersten Gefechtseinsatz kommt, flieht er in panischer Angst.

Huston gefällt das Buch, er will die Realität des Tötens und Sterbens erfassen und in einer kompromisslosen Aussage die späte Tapferkeit als Akt der Verzweiflung und Wut über sich selber kennzeichnen. Mayer hat investiert und möchte keinen "Kunstfilm" und schon gar nichts Anklagendes, sondern einen Hit. Kino als Unterhaltung, kein anspruchsvolles kritisches Porträt über ein die Massen abschreckendes Thema. Man befindet sich schliesslich im Koreakrieg. Er gibt erst nach, schickt Huston mit einem halbfertigen Skript und unter Aussicht von Produktionschef Dore Schary und Produzent Gottfried Reinhardt zu den Dreharbeiten und nimmt sich den Endschnitt nach schlechten Previews selber vor.
Was heute vorhanden ist, ist nicht nur um mehrere Minuten auf knapp über eine Stunde Lauflänge gekürzt und umgeschnitten, sondern auch unter grössten Strapazen entstanden; so dass sich nur noch erahnen lässt, was daraus hätte werden können. Trotz allem ist der Film zum Teil sehenswert. Interessant nicht nur wegen der Entstehungsgeschichte und dem Zusammenhang einer zerstrittenen Gemeinschaftsarbeit - ausführlich erzählt in "Eine Geschichte aus Hollywood" von Lilian Ross -, sondern auch in Inhalt und Form selber.

Dass verschiedene und vor allem gegensätzliche Kräfte daran gezerrt haben, merkt man auch schnell. Er wirkt nicht nur unfertig, sondern strittig in sich. Huston drehte in Kalifornien, aber was er einfängt sieht nicht nur wie aus einer vergangenen Zeit aus, sondern auch aus einer ganz anderen Welt. Es wirkt weder wie 1951 noch wie 1863, sondern irgendwie dazwischen gelagert. Am Nähesten kommt noch David Wark Griffiths Geburt einer Nation [ 1915 ] als Vergleich.
Vieles erscheint sehr surreal. Die Ausstattung stimmt nicht. Die Kamera ist öfters ungewöhnlich positioniert; fängt die Gesichter sehr nah ein, obwohl in der Tiefe des Raumes entscheidenes passiert. Die Spiel- und Dialogszenen stammen aus einer anderen, vorverlagerten Epoche. Das Abgehakte, Gekünstelte, Übernaive im Verhalten und die Abtrenunng von Gezeigtem und Gesagten sorgt nicht nur für eine anfängliche Verwirrung, sondern stösst erst sogar ab. Hinzu kommt auch, dass anachronistische Passagen aus dem Buch als einrahmender Kommentar bereitgehalten werden und diese Sätze mittlerweile ebenso mehr miserabel erfunden als im wahren Leben aufgeschnappt und weitergegeben klingen.
[Die Wiedergabe des Originaltextes wurde später unterlegt, ebenso die heroisch - patriotische Musik für die Publikumsresonanz, was überhaupt nicht passt.]
Das Zusammenspiel mehrerer voneinander abweichender Gestaltungen versetzt die Handlung vom Studio und Drehort weg in eine gerade durch die Irrealität glaubhafte Welt und bezieht den Zuschauer ganz anders als in aufeinander abgestimmten, funktionierenden Produktionen viel weiter mit ein. Es absorbiert mit aller Gewalt, entzieht ihm die Sicherheit eines kontrollierten Systems und nimmt ihm Vorkenntnis und Vorahnung bezüglich des Fortgangs. Auch dass die Besetzung zumeist aus nie gesehenen Schauspielern besteht und man sich an keine eindeutig identifizierbare, da bekannte Figur halten kann, gibt eine eigentümliche, aber faszinierende Wirkung bei.

Die Hauptperson ist der junge Soldat Henry Fleming, der sich als Freiwilliger seit einigen Monaten vor der Front befindet, aber mit seiner Einheit noch nie einen Kampf erlebt hat. Man drillt nur. Führt Appelle ab. Hat das Gewehr nicht zum Schiessen, sondern zum Exerzieren. Vertreibt sich die Zeit mit Fischen. Als der Marschbefehl kommt, fragt er sich, wie er wohl reagieren wird. Alle anderen freuen sich auf den Kampf. Er schreibt seinem Vater, dass er es seiner Mutter schonend beibringen soll, wenn er stirbt.

Fleming ist keine sympathische Person. Nicht, weil er Angst hat. Nicht, weil er nur dem ersten Angriff statthält und danach das Gefühl hat, dass er doch "ein feiner Kerl sei und die höchste Prüfung überstanden hat". Nicht, weil er beim zweiten Angriff abhaut; vor sich selber, vor den Eigenen und vor den Anderen fliehend durch den Wald prescht und erst aufhört zu rennen, als er keine Kraft mehr hat. Auch nicht, weil er sich zurückschleicht und mit gesunkenem Kopf wieder einreiht. Ist alles verständlich, zumal Huston seine Erfahrung bei den Dokumentationen Die Schlacht um San Pietro [ 1945 ] und Es werde Licht [ 1946 ] nutzt, um allein die Vorbereitung und die Anspannung auf den Krieg als spürbar bedrohlich und furchterregend statt begeisternd zu zeichnen.
Aber Fleming geht zurück und lügt. Prahlt mit seinen Taten, macht anderen Vorwürfe, dass sie weniger geleistet haben und zerreisst sich das Maul, dass die Generäle keine Ahnung von Führung hätten.
Kein Wunder, dass Mayer das Buch nicht mag, Huston lieber bei Quo Vadis? gesehen hätte und sich erst Recht gegen die Besetzung von Audie Murphy in dieser Rolle strebte.
Murphy ist der am Höchsten dekorierte US-Soldat des Zweiten Weltkrieges. Wurde danach Schauspieler in B - Western und kann sich auch nicht wirklich verkaufen; wirkt sehr unsicher, auch unbeteiligt. Und er sieht nicht aus wie ein Kriegsheld, sondern jung und unbedarft. Hat ein Kindergesicht. Murphy ist perfekt für Fleming, weil sich dort auch Leben und Kunst kreuzt und Huston wusste das. Murphy ist seine Geheimwaffe.

Das Zweite ist seine Fähigkeit, die richtige Einstellung zu finden und bereits alles durch das Bild ausdrücken zu können. Das erreicht er vor allem bei der Begegnung mit dem Grauen des Krieges:
Je näher sie ans Gefecht kommen, desto aufwühlender wird alles. Donnerhall erdröhnt immer dichter. Man möchte sich gern Deckung verschaffen, zuimindest so tun als ob. Die Soldaten fangen an, sich mit dem Bajonett in den Waldboden zu graben und müssen aufhören, als sie wieder abgezogen und vorverlegt werden. Kein Schutz. Keine Garantie. Man trifft sich auf einem grossen Feld, sieht zuerst noch gar nichts, weil Pulverrauch, aufgewirbelter Staub und zersprengte Einschläge die Sicht versperren. Die ausgedehnte Landschaft ist im Nichts gelegen, die Kompanie weiss von der Gegend nur, dass sie flussaufwärts gegangen sind, um sie zu erreichen. Später wissen sie nicht, ob sie gewonnen oder verloren haben.
Huston behält seinen Fleming im Vordergrund, wenn etwas Einschneidendes passiert; er stellt sich mit der Kamera seitlich neben ihm, als links den Hügel hinab die Kavallerie eindringt und die erste Vorhut ins Gemetzel führt. Er bleibt bei Fleming, als sich alle in den Graben begeben und aus dem Dunst des Krieges Geschrei und Explosionslärm ertönt. Er hält ihn fest, als die Gesprengsel der geschlagenen Einheit aus dem Qualm und Rauch zurück taumeln. Dann erst lässt er ihn los und laufen.

Alles nach der Flucht - also den dritten Akt - kann man eigentlich vergessen, so schlecht wie dieser ist. Die Dialoge allein klingen schwach bis dämlich; dass die deutsche Synchronisation erst 1981 durch das ZDF vollzogen wurde und man diese periodische Diskrepanz auch deutlichst merkt, macht es nicht besser. So muss man sich beim Marsch zum Schlachtfeld anhören "Ich wünschte, ich hätte meinen Hund bei mir. Ich gehe das erste Mal ohne meinen alten Hund auf die Jagd", "Ich würde gerne wissen, wie diese Schlacht später mal genannt wird" und einer der Soldaten fragt sich, wie man mit dem Gewehr geradeaus schiesst.
Was auch immer Huston vorhatte, lässt sich also nur erahnen bzw. streng in gewisse Szenen abgrenzen. Durch die einmischende Nachbearbeitung von Mayer, der kitschig - blumigen Prosa, dem triefigen und auch im Kontext völlig verqueren Patriotismus, dem Unglauben daran und der dadurch noch steigernden Diskrepanz wird es dann leider desöfteren unerträglich.
Der Film wurde ein Flop. Die Urfassung ist verschollen. Huston drehte direkt im Anschluss African Queen.

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