In seiner Verfilmung von 1962 umreißt Hollywood-Legende John Huston (Die Spur des Falken (1941)) die vermutlich spannendste Schaffensperiode des Begründers der modernen Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856 - 1939), und gibt dabei einen imposanten Einblick in dessen Privatleben und vor allem in seine akribische Arbeit und schildert dabei seinen unerbitterlichen und konsequenten Kampf gegen die scheinbar unverrückbaren Dogmen der Psychologie.
Die von ihm verfochtene Ansicht, Hysterie sei eine psychische Krankheit, ist zwar weitgehend umstritten, hat aber in bedeutenden Kreisen der Wissenschaft eine Lobby. Der bekannteste Vertreter dieser Theorie ist der Nervenarzt Jean-Martin Charcot, den Freud 1886 in Paris kennen lernt. Charcot schafft es, Hysterie mittels Hypnose und Suggestion zu behandeln. Auch wenn Freud schon in dieser Frage seinem Professor Theodor Meynert widerspricht, zieht die Veröffentlichung der Theorie, die in der Retrospektive seinen Durchbruch begründete, ungleich weitere Kreise.
Freud behauptet, jede neurotische Störung habe einen sexuellen Hintergrund. Zum Beweis dieser These beschäftigt er sich mit zwei Fällen: Er versucht zu ergründen, worin die physischen Lähmungen seiner Patientin Cecily begründet sind und er macht sich auf den Weg in die eigene Vergangenheit, um die Ursache für seine unterschwellige Aversion gegen seinen Vater zu eruieren.
Durch Traumdeutung und Nachhaken bei den nach ihm benannten „Freud'schen Versprechern“ dringt er zu den Wurzeln von Cecilys Leiden vor, auch sein eigenes Rätsel kann er lösen. Auf den gewonnenen Erkenntnissen fußt schließlich seine kontroverse These von der Existenz frühkindlicher Sexualität. Selbst Säuglinge und Kleinkinder haben demnach eine Sexualität, die sich in einer starken Zuneigung zum jeweils gegengeschlechtlichen Elternteil manifestiert. Diesem von der Natur bestimmten Verhalten steht die gesellschaftliche Moral gegenüber, die im Heranwachsen verinnerlicht wird und die Verdrängung dieser starken Zuneigung verursacht. Wird diese Verdrängung nicht vollzogen, spricht man vom Ödipuskomplex. Traumatische Erinnerungen nicht erwiderter Liebe tauchen im Traum als "verkleidete" Erinnerungen wieder auf.
Als Freud seine Theorie den elitären Wiener Psychoanalytikern vorstellt, schürt er vehemente Ressentiments gegen sich und auch sein Förderer Josef Breuer, der nochmals seine ausdrückliche Wertschätzung bekundet, kann und will Freud diesmal nicht folgen.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der Film vielleicht nicht biographisch exakt ist, sondern an filmische Ansprüche angepasst wurde, ist er durch die Juxtaposition von Unterhaltung und Bildung dennoch gelungen. Freud veranschaulicht die schrittweise Erkenntnisgewinnung Sigmund Freuds, er zeigt die zu überwindenden Hürden, d.h. den Widerstand der Wissenschaft und die Vorwürfe, mit denen er konfrontiert wird.
Handwerklich wurde überzeugende Arbeit geleistet, vor allem was die Darstellung der Träume angeht. Hier sind vor allem die Sequenzen hervorzuheben, in denen sich Cecily an den Tod ihres Vaters erinnert: Aus Ärzten werden Polizisten, das Krankenhaus wird zu einem protestantischen und schließlich zu einem Bordell, die Schwestern werden zu Prostituierten. Um den ehrlosen Tod ihres Vaters zu verdrängen, haben sich im Unterbewusstsein die Erinnerungen maskiert.
Freud war seinerzeit ein Erfolg an den Kinokassen. Das lag wohl nicht zuletzt am Hauptdarsteller Montgomery Clift, der zwar in seiner relativ kurzen Karriere nicht übermäßig viele Filme drehte, in diesen aber stets imponieren konnte. Dem sicherlich schwierigen und komplexen Charakter Sigmund Freuds verleiht Clift greifbare Plastizität, ohne dabei zu überspannen oder unglaubwürdig zu wirken.
Wie am Anfang des Filmes beschrieben, war Freud der Dritte in einer Reihe nach Nikolaus Kopernikus und Charles Darwin, der das Selbstverständnis des Menschen erschütterte und dessen Ansichten deshalb auch heute noch zum Teil umstritten sind. Seine Theorien sind ganz bestimmt nichts für bornierte und hart gesottene Kreationisten, weniger zart besaitete können aber ihren Horizont erweitern und sich eigene Gedanken machen.
Hustons Werk ist ebenso düster, wie das Unterbewusstsein, in das Freud abtaucht und erlaubt einen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Freud kann insgesamt überzeugen, fokussiert sich aber auf einen Zeitraum von nur fünf Jahren und kann damit keinesfalls als die Biographie gelten, die man erwartet hätte. Außerdem muss man in der Endabrechnung den kreativen Abstrichen Rechnung tragen, die bei einer Geschichte, die auf Nichtfiktionalem beruht, obligatorisch sein müssen.