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Halle Berry, die mit ihren siebenundvierzig Jahren immer noch makellos aussehende Afroamerikanerin, gibt mal wieder die eigentlich taffe Frau mit leichten psychischen Schwierigkeiten. Als Dame beim Notruf entgleitet Jordan (Berry) eines Abends eine für ein junges Mädchen lebensbedrohliche Situation, mit der Folge, dass die Hilfe suchende Teenagerin den Einbruch eines fremden Triebtäters nicht überlebt. Depressionen und Schwermut sind natürlich nicht ganz bar jeden Wirklichkeitsbezugs in den folgenden Wochen Hauptzeitvertreib, was auf- und eindringlich vor Augen geführt wird. Doch dann berappelt sich die Gute wieder und findet nach einem halben Jahr mühsam den Weg zurück in ihren Job vor dem Rechner. Doch wie jeder erfahrene Cineast weiß, wartet ein zweiter Elchtest schon in den Startlöchern und so kommt es, dass Jordan den Anruf eines panischen Mädchens aus dem Kofferraum eines fahrenden Wagens erhält, der binnen Kurzem unmissverständlich klar macht, dass es um Leben und Tod geht. Wird die emotional lädierte Frau ihren Mann stehen und das Kind trotz ihrer eigenen posttraumatischen Überlastung retten können? Natürlich wird sie.

Und so nimmt „The Call - Leg nicht auf!" angenehm spannend und relativ zeitökonomisch Fahrt auf, um den Zuschauer gute fünfundvierzig Minuten an den Sitz zu fesseln. Die Suche nach dem Mädchen im Kofferraum, das ständig über ein von der Polizei nicht zu ortendes Prepaid Handy mit Jordan in Kontakt steht, gestaltet sich den Umständen entsprechend abwechslungsreich und schafft eine überzeugend beklemmende Atmosphäre, deren Ausgang man als normal gepolter Mensch nicht verpassen möchte. Doch fällt nach einer Dreiviertelstunde Autobahn auf- und abfahren auf, dass es das irgendwie nicht gewesen sein kann. Etwas Tapetenwechsel muss jetzt her. Das weiß auch Serien-Regisseur Brad Anderson. Also nimmt er die nächstbeste Ausfahrt, verlässt den Highway und startet, relativ überraschend, einen Logikfehlerparcours, wie man ihn selten gesehen hat.

*Spoiler* Nicht nur, dass sich mehrere zu Hilfe eilende Retter lemminggleich bereitwillig vom Kidnapper auf überaus brutale Weise umbringen lassen, auch Jordan beschließt nun, ihre Ratio nicht weiter zu bemühen und beginnt gegenstandslos damit, selbst zu ermitteln. Als hätte sowas im wahren Leben Aussicht auf Erfolg. Nachdem sie sich mit absurden Selbstvorwürfen herumschlägt, da sie dem inzwischen namentlich bekannten Täter am Telefon zu verstehen gegeben hat, dass die Polizei weiß, wer er ist, gelingt es ihr nach Feierabend, das Versteck des Entführers ausfindig zu machen. Doch statt, wie das jeder denkende Mensch täte, Hilfe in Form der Polizei zu holen, steigt sie selbst hinab in den unterirdischen Verhau, in dem das Opfer gefangen gehalten wird und dessen Eingang die bereits zuvor vor Ort gewesenen Staatsdiener offenbar geflissentlich übersehen haben. Doch es kommt noch wilder. Der gewissenlose Schurke ist nicht nur ein einfacher Triebtäter, sondern trauert seiner an Krebs gestorbenen Schwester hinterher, indem er seinem toten Geschwisterchen ähnelnde Mädchen entführt, skalpiert und die Perücken aufbewahrt. Dass das übrigens zufälligerweise derselbe Kerl ist, der bereits ein halbes Jahr zuvor Jordan so viel Kopfzerbrechen bereitet hat, missversteht sich fast von selbst.

Doch die zunehmend an Geschwindigkeit gewinnende Logiktalfahrt springt endgültig aus dem Gleis, als sich Jordan, nachdem sie das Mädchen gerettet hat, dazu entschließt, an dem in seinem eigenen Verließ gefangen gesetzten Mann Selbstjustiz zu üben. Nach getaner Arbeit trotten die Beiden wohlbehalten in der wärmenden Morgensonne aus dem Bild und freuen sich, dass die Sache doch noch so rund über die Bühne gebracht werden konnte. Dass die Polizei zeitgleich noch fieberhaft ermittelt spielt für die zwei Mädels offenkundig ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass der gefesselt dem Hungertod überantwortete Spinner im Keller womöglich doch irgendwie fliehen und damit erneut zu einer Gefahr werden könnte. *Spoiler Ende*

Würde man „The Call - Leg nicht auf!" nach vierzig Minuten ausschalten, könnte man meinen, einen spannenden Thriller verpasst zu haben. Allerdings nur dann.

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