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Brad Anderson drehte durchaus gefeierter Thriller wie „The Machinist“ oder „Session 9“, die aber finanziell wenig erfolgreich waren, weshalb er öfters fürs Fernsehen arbeiten musste, bis ihm 2013 mit dem Low-Budget-Thriller „The Call“ ein Erfolg gelang.
Telefonistin Jordan Turner (Halle Berry) arbeitet in der Notrufzentrale und ist gut in ihrem Job, auch wenn es brenzlig wird. Doch beim Fall einer versuchten Entführung macht sie einen folgenschweren Fehler: Anfangs coacht sie das Teenagermädchen, das sich vor seinem Entführer versteckt, noch sehr souverän, doch sie ruft zurück, als die Verbindung abbricht. Der Täter hört das Klingeln, schnappt sich das Mädel und verschwindet mit ihr. Nachdem man die Entführte nur noch tot auffindet, ist Jordan am Boden zerstört. Das ist natürlich der klassische Start in einer Wiedergutmachungs- und Wiedererstarkungsgeschichte, die aber gleichzeitig als veritabler Nägelkauereinstieg was her macht.
Sechs Monate später coacht Jordan nur noch die Neuen, während eine Clique aus Teenagern in einem örtlichen Einkaufszentrum trifft. Darunter: Casey Welson (Abigail Breslin). Diese steckt das Handy einer Freundin ein, was sich als Glücksfall entpuppt, als sein Mann sie entführt und ihr eigenes Mobiltelefon dabei zerstört. Wenig Profil erhält Casey, ebenso wie man über Jordan kaum mehr als ihr Trauma der Eingangssequenz erfährt: „The Call“ arbeitet ökonomisch mit seinen Figuren, die vor allem als Funktion, weniger als komplett ausbuchstabierte Charaktere auffallen, aber soweit charakterisiert werden, dass ein Mitfiebern beim Zuschauer ausgelöst wird.

Einer von Jordans Schülern nimmt Caseys Hilferuf entgegen, die vom Kofferraum des Kidnappers aus anruft. Jordan übernimmt als erfahrene Telefonistin vor Ort und versucht Casey zu unterstützen, muss dabei aber mit dem Dämonen der Vergangenheit ringen, denn der Fall erinnert frappierend an das traumatische Ereignis von vor einem halben Jahr...
Eigentlich wäre „The Call“ auch ein guter Abschluss für Larry Cohens Telefontrilogie gewesen, die mit „Nicht auflegen“ und „Final Call“ begann, trotz struktureller Ähnlichkeiten zu letzterem. Ein moderates Budget, Darsteller aus Hollywoods zweiter Reihe oder aufstrebende Stars und ein Kinostart – doch das Finalstück von Cohens Trilogie war die kaum beachtete Videopremiere „Messages Deleted“. Dabei ist Andersons Handythriller ein temporeicher High-Concept-Film, der sich vor allem in der Inszenierung von Raum, sei es der enge Raum des Autos oder das weitere Territorium der Stadt, den das Gefährt durchquert, hervortut, seine Schauplätze stimmig inszeniert und als Spielorte benutzt.
Begrenzter Raum und ein Wettlauf gegen die Zeit, mit diesen einfachen Mitteln, klassischen Thrillerzutaten, erzeugt Andersons Spannung, vor allem in den ersten zwei Dritteln des Films: Jordan und die Behörden fahnden mit High-Tech-Mitteln nach der Entführten, diese muss ihrerseits mit den wenigen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, vorlieb nehmen. Packend porträtiert Anderson die Arbeit mit modernsten Mitteln aus der Ferne und Improvisation in der Enge, meist im Kofferraum des Autos. Beinahe-Entdecktwerden, ein skrupelloser Entführer und eine sich immer weiter zuspitzende Situation tragen dabei kontinuierlich zur Spannungssteigerung bei.

Im letzten Drittel geht Andersons Film dann allerdings wenig die Luft aus: Jordan wird, selbst in diesem generischen Kontext, zur Heldin, die ohne die Hilfe der Behörden ihr Arbeitsfeld verlässt und auf eigene Faust loszieht. Natürlich zeichnet sich ab, dass der Entführer auch noch ausgerechnet derjenige aus der Anfangssequenz ist und das Finale im Folterkeller ist nicht nur handelsüblich, sondern auch wenig aufregend. Von der leicht fragwürdigen Botschaft des Endes mal ganz abgesehen.
Dabei macht sich Halle Berry ansonsten durchaus gut in der Hauptrolle: Keine Glanzleistung ihrerseits, aber überzeugend genug für einen derart generischen Stoff, in dem es vor allem um die Prämisse und die Inszenierung, weniger um Schauspiel oder Figuren geht. Da wird auch Nachwuchshoffnung Abigail Breslin wenig gefordert und das Nebendarstellerensemble, darunter Michael Eklund und Morris Chestnut, kann nur hier und da Akzente setzen.

Doch trotz seines schwächelnden Schlussparts ist „The Call“ tatsächlich spannende, kurze wie kurzweilige Thrillerkost ohne zu viel Fett auf den Rippen. Das die Angelegenheit auf der Schlussgeraden versandet, ist unschön, zerstört den guten Eindruck, den Andersons Film hinterlässt nicht nachhaltig – er verwehrt im nur den Aufstieg in den Thrillerolymp.

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