Welch provokanter Gedanke, der allerlei ungemütliche Fragen nach nationaler wie gesellschaftlicher (Mit-)Schuld und Sühne aufwirft: Man stelle sich vor, die schlimmsten Schlächter und Folterknechte lebten nicht nur ganz normal unter uns, sondern würden noch als Patrioten und Helden gefeiert. Dies geschah und geschieht ganz real so in Indonesien, wo in den Jahren 1965/66 unter der Führung des Generals Suharto ca. 500 000 so genannte „Kommunisten" (soll heißen: Linke, Intellektuelle, Andersdenkende, landlose Bauern sowie Chinesen) ermordet wurden. Die Täter, angeheizt von einem perfiden Propagandaapparat, waren Soldaten der Militärputschisten und prowestlich eingestellte Kriminelle. Einige von ihnen wie Anwar Conga rühmen sich bis heute, mit ihren eigenen Händen über eintausend Menschen ermordet zu haben, ein anderer erzählt, „himmlischen Zeiten" hinterhertrauernd, dass er jede hübsche Frau vergewaltigt habe und besonders große Freude an 14 jährigen Mädchen hatte.
In diesem Klima aus unverarbeiteter, in Glorifizierung pervertierter Schuld sucht Regisseur Joshua Oppenheimer nach Antworten. Um The Act Of Killing besser zu verstehen, sollte man wissen, dass Oppenheimer ursprünglich die Hinterbliebenen und Überlebenden der Massaker interviewen wollte (diese Perspektive nimmt der ergänzenden Dokumentarfilm The Look of Silence ein). Doch nach sich wiederholenden Interventionen gegen sein Vorhaben von Seiten der Regierenden, drehte er die Perspektive kurzerhand um und fragte die Täter, die unerwartet ihre Schändungen detailversessen und redselig präsentierten. Angesichts dieser Auskunftswilligkeit ging Oppenheimer einen Schritt weiter und bat die Mörder, ihre Taten noch einmal nachzustellen um daraus einen Spielfilm zu machen. Das Ergebnis ist ein Schmierentheater aus grellen Musicalnummern, Geistergeschichten, Travestieeinlagen, reißerischen Gewaltszenen, naivem Kitsch und hollywood´schem Pathos. Man muss die Ausschnitte gesehen haben, um sie zu glauben. Unzusammenhängend werden diese Dreharbeiten gezeigt, immer wieder unterbrochen von Impressionen, die die Täter bei ihrem unbehelligten, banalen Alltag zeigen, und von Interviews, wo primitive Witze gerissen, Rechtfertigungen für ihre Taten gesucht oder geradezu nostalgisch die Morde geschildert werden.
Joshua Oppenheimer ist weit entfernt von einer „einfachen" Skizzierung jener von Hannah Arendt geschilderten und umstrittenen „Banalität des Bösen". Banal ist an jenen Menschen nichts und an ihren Taten schon gar nicht. Viel geschieht in ihnen. Sie sträuben sich, bekämpfen, intellektualisieren, rationalisieren und verherrlichen trotzig ihre Entscheidung, oder beginnen mit zaghaften Reflexionsprozessen und lassen Empathie mit ihren Opfern zu. Doch eine Katharsis bleibt stets aus.
The Act of Killing ist ein provokativer Grenzgang, der schwere und berechtigte Fragen aufwirft. Darf man Massenmördern eine solche Plattform geben? Soll man ihnen die Möglichkeit geben, sich dermaßen zu inszenieren? Diese Einwände sind kaum gänzlich von der Hand zu weisen und zu diskutieren, aber eine Verharrung auf Opferperspektiven, die den Umgang mit manch geschichtlicher Tragödie oft unterkomplex abhandeln wird hier auf unbequemste Weise vermieden. Wenn in einer der vielen unerträglichen Momente, die einstigen Mörder stolz behaupten, ihre Morde durch amerikanische Gangsterfilme kreativ befeuert zu haben, oder in der perfiden Nachstellung eines einstigen Überfalls auf ein Dorf, fällt vor allem auf, dass jene Täter nicht nur in ihrer Rückschau eine Inszenierung betreiben, sondern bereits während ihrer Taten Rollen einnahmen. Man bleibt nicht bei der profanen Erkenntnis stehen, wonach die meisten zu ähnlichen Taten bereit und fähig wären, sondern fragt auch, ob Schuld in einer sich schuldlos gebenden Gesellschaft, die solche Morde als legitim und glorreich ansieht, überhaupt entstehen kann. Die verblüffende Antwort liefert der Film am Ende: Anwar Conga steht am verblassenden Ort seiner Massenermordungen und beginnt gepackt von Selbstekel unablässig zu würgen.