Manche Geschichten entfalten sich erst, wenn man sie kurz Revue passieren lässt und sich darüber klar wird, wie mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt wird. Auch beim Film des Spaniers Gonzalo López-Gallego ist dies der Fall und sogar die Erklärung fällt durch und durch schlüssig aus.
John (Sharlto Copley) erwacht mitten im Wald in einer Grube, neben ihm befinden sich Dutzende entstellter Leichen. Er leidet unter akuter Amnesie und kann sich nicht einmal an seinen Namen erinnern, kurz darauf trifft er auf eine Gruppe von Menschen in einer Hütte, welche sich ebenfalls nicht erinnern können. Gemeinsam versucht man Bruchstücke zu einer Einheit zu formen, doch dabei verdächtigt jeder jeden...
Die Erzählung erinnert zu Beginn frappierend an die Ausgangssituation von "Cube" oder "Saw" und man wartet eigentlich nur noch auf die Anweisungen des Peinigers. Doch stattdessen folgt man eine Weile den Pfaden des Psychothrillers, um im letzten Drittel die Maske fallen zu lassen und den Zuschauer aufzuklären, womit die Handlung jedoch nichts an Spannung einbüßt.
Die vagen Figuren sind insofern interessant, als dass man nur grobe Einschätzungen aufgrund von diversen Verhaltensweisen anstellen kann, was jedoch nie zu einem eindeutigen Bild führt. Die gegenseitigen Verdächtigungen bezüglich der vielen Leichen sind demnach nachvollziehbar, denn innerhalb der Amnesie kehren oft nur Millisekunden zurück, welche kaum zuzuordnen sind. Ein Foto, eine eingesperrte Frau, ein Mann in Stacheldraht gewickelt und ein kleiner Junge mit einem Hund führen allesamt auf falsche Fährten, wodurch das Miträtseln zu keiner Zeit langweilig wird.
Zudem macht López-Gallego inszenatorisch vieles richtig, da die Kamera sehr sauber arbeitet, die Maske grundsolide ausfällt und die Mimen durchweg überzeugen, unter anderem Thomas Kretschmann, Erin Richards und Josie Ho. Zudem hält sich der Score angenehm zurück, während das toll komponierte Endthema am Klavier ein kleines I-Tüpfelchen auf stimmungsvoller Ebene abliefert.
Genrefans (und dabei kann man nicht konkret werden, ohne zu spoilern) dürften vom Ergebnis positiv überrascht sein, auch wenn der Gewaltfaktor in überschaubaren Grenzen liegt und die Action nicht übermäßig opulent ausfällt. Ein durchaus spannendes Puzzle, treffend besetzt, recht clever ausgearbeitet und trotz der 101 Minuten zu keiner Zeit langweilig, da stets das Mitdenken des Betrachters gefordert wird, jedoch nie die Übersicht verloren geht: Simpel, aber effektiv.
7 von 10