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Wer bisher noch nichts von Bryan Ortiz, Bryan Ramirez und Kerry Valderrama gehört hatte, dürfte damit auch in cineastischen Kreisen der überwiegenden Mehrheit angehören. Mit dem 2013 veröffentlichten US-Episodenhorrorfilm „Sanitarium - Anstalt des Grauens“ treten die drei Nachwuchsregisseure gemeinsam mit je einer inszenierten Episode in Erscheinung, denen inhaltlich der Bezug auf pathologischen Realitätsverlust ihrer Protagonisten gemein ist. Zusammengehalten werden die Kurzfilme von einer Rahmenhandlung:

Oberarzt Dr. Stenson (Malcolm McDowell, „Clockwork Orange“) stellt sowohl den Zuschauern als auch einem interessierten Journalisten drei besondere Fälle von Geisteskrankheit vor, die in seiner Heilanstalt behandelt werden: Da wäre zum einen Künstler Gustav, dessen gruselige Puppen-Modellierungen sich so großer Beliebtheit erfreuten, dass sein Kurator sie gern nach New York verkauft hätte – hätten sie Gustav nicht eingeredet, ihn zu töten… Zum anderen wäre da der junge, schüchterne Steve, der von seinem Vater misshandelt und missbraucht wurde und in einem Monster einen Beschützer gefunden zu haben glaubt… Und zu guter Letzt gäbe es da noch Professor Silo, der so fest an den Weltuntergang glaubte, dass seine eigene Welt in Stücken liegt...

Zum Einstieg referiert ein reißerischer Sprecher aus dem Off über Geisteskrankheiten, bevor Robert Englund („A Nightmare on Elm Street“) an der Seite John Glovers („Die Mächte des Wahnsinns“) mit seinem Namen den zweiten wirklich großen in die Darstellerriege werfen darf. In einer Sex-Szene gibt es eine entblößte weibliche Oberweite zu sehen und auch ansonsten sieht diese Episode in ihren gedeckten Farben und mit den morbide anzuschauenden Puppen prima aus, bietet inhaltlich aber lediglich Altbekanntes – originell geht anders.

Nur etwas weniger vorhersehbar ist dann die zweite Episode, in der sich der lockenköpfige Junge mit der hässlichen Brille (David Mazouz, „Amish Grace“) mit seinem Erzeuger (Chris Mulkey, „Mysterious Skin“) herumplagen muss und aus seiner Not heraus geistig ein Monster gebiert, in das er seine aggressive Reaktion auf die Übergriffe auslagert und das schließlich vermeintlich anstelle seiner sich zur Wehr setzt. Klassische Motive vom „schwarzen Mann“ und dem Monster unterm Bett treffen hier auf gute Maskenarbeit und unschuldige kindliche Traurigkeit. Der Film hat sich gesteigert.

Noch etwas stärker zeigt sich die dritte und letzte Episode, in der sich Professor Silo (Lou Diamond Phillips, „La Bamba“) in wirren Weltuntergangstheorien verliert. Wie die vorherigen Episoden auch, wird sie aus Sicht des Protagonisten gezeigt, so dass sie verstärkt surreal ausfällt. Als Zuschauer beobachtet man Silo, wie er sich verzweifelt auf den Weltuntergang vorbereitet und letztlich alles in diese, seine Wahrheit einfügt. Auf durchaus intelligente Weise wird so gezeigt, wie Weltuntergangs- und sonstige Fanatiker, Verschwörungstheoretiker etc. ihre eigene Weltsicht entwickeln, in der alle Informationen einer fälschlicherweise als unumstößlich betrachteten Wahrheit untergeordnet werden, bis sie endgültig der Realität entrückt sind – und welche unfassbare Energie sie dabei aufbringen. Geflüster, Unterhaltungen mit seiner Familie, von der der mit auf den Trip genommene Zuschauer nicht weiß, ob sie überhaupt noch lebt, dazu eine traurig-schöne getragene musikalische Untermalung – diese von Phillips intensiv geschauspielerte Episode fesselt und macht neugierig sowie betroffen zugleich.

Als größtes Manko des Episoden-Trios muss ich jedoch das oft künstlich verknappt wirkende Tempo herausstellen. Zu häufig wird auf die Bremse getreten, als sei man bei dem hehren Unterfangen, einen Gegenentwurf zum häufig hektischen zeitgenössischen Genrekino zu schaffen, über das Ziel hinausgeschossen. Hier entfalteten sich bisweilen eben nicht nur die morbide Grundstimmung und die bedrückende Atmosphäre, sondern auch Redundanz und Langatmigkeit. Wer sich „Sanitarium - Anstalt des Grauens“ zudem in der deutschen Synchronfassung gönnt, bekommt es leider auch noch mit zum Teil wirklich billigen, miesen Sprechern zu tun, die durchaus in der Lage sind, das Filmvergnügen weiter abzuwerten. Hier wurde leider wieder einmal am falschen Ende gespart.

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