Review

„Insider“ ist sicher nicht Michael Manns bester Film, wohl aber sein politisch ambitioniertes Werk.
Wieder geht es um ein Hauptdarstellerduo, dessen ersten Part der „60 Minutes“-Produzent und Journalist Lowell Bergman (Al Pacino) ausmacht. Auch im fortgeschrittenen Alter immer noch auf der Jagd nach brisanten Storys, egal welche Risiken er dafür einnimmt und wem er dafür auf die Füße tritt. Selbst wenn es um Interviews mit als Terroristen gebrandmarkten Leuten gehen. Ein Bluthund, nicht ganz unähnlich Vincent Hanna aus „Heat“, der bei seiner neuesten Reportage über die Zigarettenindustrie den ehemaligen Angestellten Jeffrey Wigand (Russell Crowe) interviewen will.
Doch Wigand weiß noch mehr, nämlich, dass die Industrie suchtfördernde Stoffe in die Zigaretten mischt, doch eine Schweigeklausel bindet. Er deutet an, was er weiß, und Bergman sucht nach Mitteln, um die Wahrheit über den Äther senden zu können...

Es ist wirklich überraschend wie spannend „Insider“ trotz des ruhigen, sehr realistischen Stils geworden ist. Es gehen keine Bomben hoch, es werden keine Mordanschläge verübt, stattdessen sind die Einschüchterungsversuche bei Wigand subtiler und realistischer: Geräusche des Nachts, Fußspuren im Garten usw. „Insider“ setzt trotz der Lauflänge von ca. 150 Minuten nicht auf Schauwerte, sondern allein auf Story und Charaktere. Besonders brisant wirkt der Film dadurch, dass er auf wahren Begebenheiten basiert und man angesichts des realistischen Stils geneigt ist, „Insider“ als relativ wahrheitsgetreue Wiedergabe anzusehen.
Inszenatorisch zieht Mann mal wieder alle Register seines Könnens, wenngleich „Insider“ nie so packend wie seine großen Meisterwerke ist. So ist die Musik weniger einprägsam und auch die Bilder wirken weniger durchkomponiert. Das schmälert „Insider“ nur ein wenig, wobei der Film an sich zwei Geschichten erzählt, von denen die eine etwas packender als die andere ist.
Geschichte Nummer eins dreht sich um Wigand, der kein Held im eigentlichen Sinne ist. Seine Anklage gegen die Tabakindustrie resultiert nur teilweise aus moralischen Skrupeln, sondern auch aus Wut über seinen Rausschmiss und aus Wut über Einschüchterungsversuche. Doch nach und nach riskiert Wigand immer mehr für die gute Sache, muss als einfacher Lehrer arbeiten und entfremdet sich immer mehr von seiner Familie, die das Ziel von immer neuen Einschüchterungsversuchen wird. So beschäftigt sich „Insider“ vor allem in der ersten Hälfte damit, wie Wigand gegen juristische und sonstige Hürden vorgeht, um die Wahrheit zu sagen, unterstützt von Bergman.

Hälfte zwei hingegen misst ihm deutlich weniger Screentime zu und beschäftigt sich stattdessen mit der Schwierigkeit die Wahrheit zu senden. Senderpolitik und weitere Einschüchterungsversuche machen Bergman das Leben schwer, doch er geht dagegen vor, zur Not auch mit unfeinen Mitteln und gegen den eigenen Sender. Auch hier ist „Insider“ noch spannend, brisant und realistisch, wirkt aber teilweise konventioneller und stereotyper als in dem Wigand-Plot. Vor allem der Auftritt der hochnäsigen Anwaltsbitch Helen Caprelli (Gina Gershon) wirkt in dem realistischen Kontext etwas überzogen.
Darstellerisch „Insider“ hingegen durchweg erste Sahne, wobei Russell Crowe alle anderen an die Wand spielt: Überraschend unheroisch, angegraut und teilweise verbittert verkörpert er Jeffrey Wigand. Al Pacino ist auch gut, aber nicht so überragend wie Crowe und in Nebenrollen glänzen u.a. Philip Baker Hall, Diane Venora, Christopher Plummer, Rip Torn, Debi Mazar und Bruce McGill. Gina Gershon wird leider auf eine Standardrolle reduziert und in der Gerichtsszene hat sogar Wings Hauser eine kleine Rolle als Anwalt der Tabakindustrie.

„Insider“ ist ein ambitioniertes und bemerkenswert realistisches Werk über die Machenschaften der Tabakindustrie, recht spannend, toll gespielt und gleichzeitig ein Aufzeigen von Missständen. Leider fällt Hälfte zwei vom Spannungsbogen her etwas ab und vernachlässigt die interessantere der beiden Hauptfiguren, doch trotz dieser Tatsache und anderer kleiner Mängel gute 7,5 Punkte von mir.

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