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MIAMI VICE-Regisseur Michael Mann traf mit seinem epischen Thriller-Drama HEAT 1995 bekanntlich voll ins Schwarze und räumte nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Kritik deftig ab und wurde fortan als Regisseur, der immer für Qualitätsarbeit gut ist, bekannt. Umso enttäuschender also das Einspiel- und Gesamtergebnis von THE INSIDER, der gut vier Jahre, in Deutschland um ein weiteres halbes Jahr, später in die Kinos kam.

Al Pacino war wieder mit dabei und an seiner Seite stand diesmal Russell Crowe, noch vor seinen goldenen Zeiten, die mit Scotts GLADIATOR begannen und der allgemeinen Sicht nach mit Howards A BEAUTIFUL MIND ihren Höhepunkt fanden. Trotzdem können die großen Namen die Enttäuschung bei THE INSIDER kaum lindern.

Michael Mann wirft seinen Film zwar kräftig in Schale, orientiert sich vor allem stilistisch an seinem letzten Film. Da fällt schnell die unkonventionelle Kameraführung auf, perfekt getimt auch der Schnitt, der das spannende Kameraspiel immer wieder ergänzt. Und dann eben nicht zuletzt die farbgesättigten Bilder, man denke an dessen Brillanz bei COLLATERAL; fast schon obligatorisch bei Mann, dass seine meisterhafte Visualisierung fasziniert.

Doch trotzdem vermag der Funke in THE INSIDER nicht überzuspringen. Das Problem liegt dabei in der Vorlage: THE INSIDER basiert auf einem realen Fall, die beiden Namen von den Hauptpersonen Jerry Wigand und Lowell Bergman entstammen, genau wie das lose Story, der Realität, der Rest ist bis auf das Ende reine Fiktion - noch nicht mal besonders ergiebige.

In Wirklichkeit zog der vermeidliche Skandalfall nur ein lahmes Interview nach sich, ohne Antworten und überhaupt ohne wahren Inhalt, und so auch der Film. Das ist angesichts des Potenzials schade, denn Manns Film weckt mit jedem Bild, jeder Szene Interesse, die Enttäuschung kommt dann ebenfalls nicht von schlechten Eltern, weil sich dahinter nicht viel mehr als Stereotypen und aufgeblasenes Over-Acting verbergen.

Selbst wenn man alle Schwächen ausblendet, kann der Film nicht funktionieren, weil er sich in Themenbereiche begibt, in die er eigentlich gar nicht hin will: Es geht im Grunde genommen nur über Journalismus und dessen Moral. Über das Rauchen weiß er nur: Rauchen ist ungesund - so viel Substanz bekommt man sogar am Zigarettenautomaten verklickert.

Der Fall von Jeffrey Wigand, der trotz unterschriebener Verschwiegenheitsklausel gegen die Tabakindustrie aussagen sollte, wirft zwangsläufig die Frage auf, wie es in der Tabakindustrie denn nun aussieht, hinter der Fassade. Anwälte verschiedener Tabakindustrien befanden das damals als gefundenes Fressen und versuchten mit aller Gewalt die Veröffentlichung des Films zu verhindern - doch selbst die mussten leer ausgehen, Mann hält keine Antworten parat.

Ein Film der Gesten und Stereotypen, über 150 Minuten suggeriert uns THE INSIDER komplexe Charakterstudie zu sein, weckt Interesse, doch wie gesagt, dahinter steht ausschließlich prätentiöse Pacino-Show. Wer den Pacino schon immer mal in der schlechtesten Rolle seiner Kariere sehen wollte, kommt so selbstverständlich auf seine Kosten. Narrative Rundungen fehlen, demzufolge reicht es nicht mal für halbwegs goutierbaren Zeitvertreib.  


Zuerst auf filmtipps.at erschienen

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