iHaveCNit – My masterpieces and faves – Episode 21
03.07.2017
„The Insider“ (2000)
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Michael Mann und Eric Roth
Musik: Pieter Bourke und Lisa Gerrard
Kamera: Dante Spinotti
Schauspieler: Russell Crowe, Al Pacino, Michael Gambon, Diane Venora, Christopher Plummer, Philip Baker Hall, Nestor Serrano, Bruce McGill, Gina Gershon, Stephen Tobolowsky, u.v.m.
Laufzeit: ca. 151 Minuten (DVD-Fassung)
Worum geht es in „The Insider“ ?
Anfang der 90er Jahre. Der hochintelligente,ehrliche und loyale Chemiker und Mitarbeiter im mittleren Management der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Brown & Williamson, Jeffrey Wigand, wird vom Produzent Lowell Bergman der erfolgreichen Sendung 60 Minutes, die für investigativen Journalismus und Enthüllungen aller Art bekannt ist, als Berater zu Brennwerttabellen von Zigaretten zur Rate gezogen. Wigand zögert erst, weil er gerade gefeuert worden ist. Die zögernde Haltung von Wigand lässt Bergman erkennen, dass Wigand mehr zu erzählen hat, aber durch vertragliche Verpflichtungen daran gehindert wird und aus familiären Gründen quasi keine andere Wahl hat als zu schweigen. Seine Meinung ändert sich, als die Drohungen überhand nehmen. Nun müssen alle gesetzlichen und medientechnischen Tricks eingesetzt werden, dass diese Story ihren Weg ins Fernsehen schafft. Eine Story, die Enthüllungen zu Machenschaften von Big Tobacco freisetzt und die Tabakindustrie erschüttert hat.
Warum liebe ich „The Insider“ ?
Es war irgendwann im September 2004. Ich war erst seit ca. einem Jahr dabei, DVDs zu sammeln und habe auch ein Abo von „AudioVideoFoto-Bild“ gehabt. In der damaligen Ausgabe war „The Insider“ enthalten. Mich hat erst die Laufzeit abgeschreckt, aber dann habe ich mir den Film angesehen und bin begeistert, genau wie jetzt, ganze 13 Jahre später. Der Film war damals weder in den Staaten, noch in Deutschland wirklich erfolgreich gewesen – und dass trotz z.B. 7 Oscarnominierungen, auch wenn er bei der Veranstaltung leer ausging. Unter anderem für „Bester Film“ ; „Beste Regie“ ; „Beste Kamera“ ; „Bester Hauptdarsteller (Russell Crowe), usw.. Es war aber das große Jahr von Sam Mendes und seinem Meisterwerk „American Beauty“, dass die Veranstaltung und auch „The Insider“ überstrahlt hat. Mir egal, mir gefällt „The Insider“ weitaus mehr.
Ich setze bei einigen großen Regisseuren gerne gegen den Trend, wenn es um meinen Lieblingsfilm von großen Regisseuren geht. Wenn Leute von Michael Mann reden, kommen ihnen als Erstes 4 Buchstaben „HEAT“ in den Sinn. Bei mir stehen zum Einen „Collateral“ und zum Anderen „The Insider“ über dem klassischen Mann-Meisterwerk.
Al Pacino ist wie immer großartig und spielt hier den abgebrühten, erfahrenen, engagierten aber auch sehr ehrlichen und loyalen TV-Produzenten Lowell Bergman unglaublich gut. Die Chemie zu Russell Crowe und auch Christopher Plummer ist fantastisch. Russell Crowe – hat damit für mich genau die Performance abgeliefert, an der ich alle seine anderen Performances messen muss. Sein hochintelligenter, ehrlicher, ruppiger und auch introvierter Jeffrey Wigand gehört zu seinem Meisterstück, unabhängig davon, wie stark er als Maximus Decimus Meridius, John Nash, Jack Knife, Jackson Healey, Noah, Jor-El, Jim Braddock, Max Skinner, Captain Jack Aubrey oder auch Robin Longstride gewesen ist. Von der Oscarverleihung 2000 bis 2002 war Russell Crowe ganze dreimal als Bester Hauptdarsteller nominiert und ich verstehe die Prämierung für „Gladiator“ auch als nachträgliche Würdigung für „The Insider“. Mit welcher Präzision er hier in jedem Augenblick den Jeffrey Wigand spielt ist absolut glaubwürdig und zieht mir immer wieder die Schuhe, Socken und Füße aus. Rein charakterlich bekommen wir hier ein Meisterstück geliefert in Sachen wie Moral, Loyalität und Vertrauen – und welchen Leidensweg man gehen muss, wenn man an die Wahrheit nicht sagen darf. Mit welchem Drama man privat zu kämpfen hat, wenn einem Morddrohungen folgen (die etwas überdramatisiert sind) und der Verlust für die Tochter wichtiger Krankenversicherungszuwendungen droht. Mit welchen gesetzlichen Hürden man in den Staaten zu kämpfen hat, eine TV-Sendung auszustrahlen.
Jeffrey Wigand wurde damals gekündigt, weil er Bedenken zu einer Neuerung in der Zigarettenproduktion geäußert hat, einer „Geschmacksverstärkung“, die die Wirkung der Zigaretten in Blut- und Nervenkreislauf nicht nur beschleunigt, sondern auch karzinogen, also krebserregend gewirkt hätte. Genau diese Fakten und auch die Tatsache, dass die Köpfe hinter Big Tobacco damals der Meinung waren, dass Zigaretten „nicht suchtgefährdend“ sind, wurden damals auf den Tisch gelegt und haben eine Welle von Gerichtsverfahren in Gang gesetzt.
Gerade Filme wie im letzten Jahr „Spotlight“ wie auch „The Insider“ sind ein Plädoyer für freie Pressearbeit, unabhängig ob im TV oder Printsektor.
Richtig stark wird dieser Medien-, Justiz- und Politthriller noch durch seine messerscharfen Dialoge, die interessanten Kameraeinstellungen und Schnitte sowie die sehr starke Musik von Lisa Gerrard und Pieter Bourke. Im bewussten kühlen, in Blautönen gehaltenen Michael-Mann-Stil schafft es Mann, über 2,5 Stunden ohne jegliche Form von Schießereien, Verfolgungsjagden und Explosionen bei diesem Thriller Spannung, Dramatik und emotionale Tiefe zu erzeugen. Der Film fesselt auch mich immer wieder und gehört für mich zu einem der unterschätztesten Meisterwerke der letzten 20 Jahre.
„The Insider“ bekommt von mir 10/10 Punkte.