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Ettore Scolas 1974 entstandener "C'eravamo tanto amati" (Wie waren so verliebt) ist ein Film, der seinen Handlungsbogen über 30 Jahre verlaufen lässt, ausgehend von den letzten Kriegsjahren bis in die Gegenwart. An den Lebensläufen seiner drei Protagonisten, die gemeinsam im Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht kämpften, demonstriert er beispielhaft die Entwicklung Italiens nach dem Krieg. Entsprechend vertreten sie unterschiedliche Positionen - Antonio (Nino Manfredi), der in Rom als Sanitäter arbeitet, fungiert als durchschnittlicher Bürger, Nicola (Stefano Satta Flores), der Filmkritiken für eine Zeitung schreibt, ist ein Intellektueller und der Rechtsanwalt Gianni (Vittorio Gassman) macht Karriere.

Diese Herangehensweise an eine Beschreibung der inneren Befindlichkeiten eines Landes, ist nicht ungewöhnlich. Beginnend mit einer Umbruchphase – wie in diesem Fall das Ende des Krieges – verdeutlichen sich so die unterschiedlichen Verhaltensmuster im Privat- und Berufsleben der Menschen, in Bezug zu den historischen Veränderungen ihres Landes. Doch diese äußerlichen Parameter interessieren Scola nur am Rande, der im Gegenteil wenige kontinuierliche Passagen aus dem Leben seiner drei Protagonisten verfolgt. Viel mehr beschreibt er punktuell, teilweise unter großen Zeitsprüngen, deren charakterliche Entwicklung, die mit einer Vielzahl an Details verwoben wird. Die großen historischen Ereignisse in Italien spielen dabei eine sehr untergeordnete Rolle, denn das Leben des Einzelnen wird deutlich mehr durch seine unmittelbare Umgebung, sich daraus ergebende Entscheidungen im Privatleben und nicht zuletzt durch die mediale Beeinflussung geprägt.

Die Presse, das entstehende Fernsehzeitalter, aber besonders das Medium Film ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung, werden eng miteinander verwoben, und machen deutlich, dass Ettore Scola hier auch seine eigene Geschichte erzählt. 1931 geboren, war er selbst noch zu jung für die konkreten Lebenswege seiner Protagonisten, aber die Zitate aus dem Filmschaffen Italiens, beginnend mit dem Neorealismus, der hier an Hand von Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“ ausführlich behandelt wird, über die Nachstellung der Dreharbeiten zu der Brunnenszene in „La dolce vita“ mit Fellini und Mastroianni als sie selbst, Zitaten aus Antonionis „L’eclisse“ bis zu einer dokumentarischen Aufnahme De Sicas kurz vor dessen Tod 1974 (der zeitgleich entstandene Film ist ihm gewidmet), zeigen einen Verlauf parallel zu seiner eigenen Karriere, die 1953 als Drehbuchautor begann.

Vor allem seine Selbstzitate lassen das erkennen, beginnend beim Filmtitel. Für das grundsätzliche Verständnis des Films sind diese nicht von Bedeutung, aber sie sagen viel über die innere Haltung des Regisseurs aus. Deshalb ist eine Kritik an der unpräzisen Übersetzung des Titels ins Deutsche keine Spitzfindigkeit. Statt „Wir waren so verliebt“ heißt es wörtlich „Wir hatten uns sehr geliebt“. Das Deutsche „verliebt“ bezeichnet eine Beziehung zwischen zwei Partnern und spielt eindeutig auf die Figur der Luciana (Stefania Sandrelli) an, die kurz nach dem Krieg das Gefühlsleben von Antonio und Gianni durcheinander bringt. Gemeint ist hier aber die Beziehung zwischen den Männern untereinander, denn deren gemeinsamer Kampf als Widerständler ist als Ausgangssituation für die hier geschilderten Ereignisse nicht zu unterschätzen. Anders als etwa ein gemeinsamer Schulbesuch oder die Herkunft aus demselben Ort, drückt sich darin eine klare politische Haltung aus, die ein besonderes Mass an Solidarität und Zusammenhalt erwarten liess.

Mit der für einen Filmtitel ungewöhnlichen Formulierung weist Scola direkt auf Antonio Pietrangelis 1965 entstandenen Film „Ich habe sie gut gekannt“ hin, zu dem er das Drehbuch schrieb. Nicht nur der Fakt, dass Stefania Sandrelli hier wieder ihre Rolle als junge Frau spielt, die unbedingt Karriere beim Film machen will, sondern auch der Charakter des als ironischen Kommentar zu verstehenden Titels ist identisch. So wie es sich in Pietrangelis Film als oberflächlicher Selbstbetrug erweist, stellt es sich auch hier als Illusion heraus. Unmittelbar nach dem Krieg trennen sich ihre Wege, da sie in verschiedenen Städten wohnen. Aber auch als sie wenige Jahre danach aus unterschiedlichen Gründen wieder in Rom aufeinander treffen, entsteht nie mehr die Freundschaft der Kriegsjahre.

Im Gegenteil lernt Gianni bei seinem ersten Wiedersehen mit Antonio dessen Freundin Luciana kennen. Sie sind noch kein Paar, aber an Antonios Intentionen gibt es keinen Zweifel, seit dem er die hübsche, junge Frau an seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus kennen lernte. Gianni und Luciana verlieben sich sofort ineinander, was sie nach einer kurzen Zeit der Heimlichkeit auch Antonio beichten, der verständlicherweise wenig erfreut reagiert. Schon zu diesem Zeitpunkt, Ende der 40er Jahre, gibt es kaum noch Gemeinsamkeiten zwischen Antonio und Gianni, die sich danach nur noch selten begegnen. Erst in der Gegenwart des Films, als einleitende Klammer, sieht man, wie der deutlich gealterte Antonio in Begleitung von Luciana und dem Dritten im Bunde, Nicola, vor Giannis Haus steht, um ihn zu besuchen, bevor der Film beginnt, die letzten 30 Jahre nachzuerzählen.

Das Gianni kurz nach dem Eingestehen seiner Beziehung zu Luciana, diese wieder verlässt, weil er mit Elide (Giovanna Ralli), der Tochter seines reichen Auftraggebers (Aldo Fabrizi), anzubandeln gedenkt, um seine wirtschaftliche Situation deutlich zu verbessern, lässt ihn als den skrupellosesten Charakter erscheinen. Leicht wäre diese Konstellation pauschal als Kapitalismus – Kritik umzusetzen, aber Ettore Scola interessiert sich mehr für die Menschen als für Ideologien. Vor allem die Entwicklung Elides, die Gianni liebt und unter seiner emotionalen Ablehnung leidet, ist ein Paradebeispiel dafür, dass auch die größten Anstrengungen, Äußerlichkeiten zu korrigieren, nichts an Gefühlen zu ändern vermögen.

Auch wenn Scola die Thematik ernst nimmt und sich vor tragischen Aspekten nicht scheut, strahlt der Film Tempo und Leben aus und betont dabei dessen komische Aspekte. Vor allem Nicola als Filmliebhaber und Kritiker ist in seinem intellektuellen Dauereifer selbstironisch angelegt. Als bei einer Filmvorführung von „Fahrraddiebe“ De Sica beschimpft wird, dass dieser damit sein eigenes Land beschmutzen würde, ist Nicola außer sich und kann selbst von seiner Frau kaum beruhigt werden. Dieses Motiv verwendet Scola mehrfach, etwa in einer der witzigsten Sequenzen, als Nicola bei einem Fernsehquiz mitmacht und als Filmkenner, kurz vor dem Hauptgewinn, bei der letzten Frage scheinbar die falsche Antwort gibt. Er ist davon überzeugt, dass seine Antwort richtig war, aber die Fernsehanstalt interpretiert die Szene anders, was Nicola nicht einmal mit fünf Klagen ändern kann. Erst zum Schluss, lässt Scola in einer dokumentarischen Szene De Sica diesen Punkt aufklären, aber inzwischen spielt es für Nicola keine Rolle mehr, dass er Recht hatte.

Das Ettore Scola Vittorio De Sica und seinen Film ins Zentrum dieser Diskussionen stellt, ist kein Zufall, so wie De Sica (im Gegensatz zu Fellini) auch nicht freiwillig an Scolas Film mitwirkte. Waren De Sicas Filme in den 40er und 50er Jahren in ihrer kritischen Wucht noch konsequent, änderte er seinen Stil zunehmend. Die Schwierigkeiten der kleinen Leute, derer er sich lange Zeit annahm, wurden immer mehr zum folkloristischen Bestandteil von im Kern substanzlosen Komödien („Ieri, oggi e domani“). Proportional umgekehrt verlief seine Anerkennung im breiten Publikum.

Der Verlust von Idealen und Ideen kennzeichnet den gesamten Film, aber Scola stellt damit den Menschen nicht allgemein ein schlechtes Zeugnis aus - gut zu erkennen in der sympathischen Figur des Antonio – sondern nimmt Abschied von früheren Hoffnungen. Der finstere, zynische Blick, den er zwei Jahre später in „Brutti, sporchi e cattivi“ (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen) beweisen sollte, fehlt hier noch, aber sowohl die Widmung zu Beginn an Vittorio De Sica als auch der Filmtitel zeigen ihn auf dem Weg dorthin – die Liebe ist vorbei (9/10).

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