Review

„Try another World“


Das gesamte „cinema du look“ als oberflächliches Spektakel zu etiquettieren verfehlt meines Erachtens die Realität. Doch ein genauerer Blick auf einige Filme dieser Zeit lässt durchaus diesen Schluss zu. Man kann verstehen, wenn die Vertreter der Nouvelle Vague auf das Aufkeimen dieser Filme zu Beginn der 1980er sensibel reagierten, konterkarieren sie doch in radikaler Weise die eigenen Ansprüche an das Medium Film. Doch ein gewisser Paradigmenwechsel in der französischen Filmlandschaft ließ sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr von der Hand weisen.

Eine glatte und hochstilisierte Bilderebene wird zum Credo, die jeden tiefgründigen Sinn und daraus folgende Interpretationsansätze zu vernebeln scheint. Ein Schleier der Oberflächlichkeit, der perfekten Simulation verwischt sämtliche Spuren komplexer Reflexion. Man fühlt sich in den Zustand eines Kleinkindes zurückversetzt, das die externe Welt als ein künstliches, überzeichnetes und irreales Universum wahrnimmt. Dieses Universum ist ein Universum der Machbarkeit; „anything goes“ lautet das Motto vieler Protagonisten, die Reflexion weicht der Aktion: Der Mensch als rein sensomotorisches Wesen. Das Eintauchen in neue Welten wird zum allumfassenden Handlungsschema der Menschen; auch in dem Film „La Lune dans le caniveau“ von Jean-Jaques Beineix.

Ein junger Mann (Depardieu) aus ärmlichen Verhältnissen verliert seine Schwester. Sie durchschnitt sich die Pulsadern nach den traumatischen Folgen einer Vergewaltigung. Er wird sich auf die Suche nach dem Täter machen und beginnt aus Verzweiflung jeden zu verdächtigen. Eines Tages trifft er Loretta (Nastassja Kinski), die aus der Oberschicht stammt und sich auf der Suche nach neuen Erfahrungen („another World“) in schäbigen Vierteln herumtreibt. Es entwickelt sich eine kuriose Liebesbeziehung…

Beineix kreiert einen Traum, der aus flackernden Lichtern und „hyperrealen“ Orten besteht. Die Menschen befinden sich in rein künstlichen Umgebungen und können sich sicher sein, dass unter der gelackten Oberfläche fast alles verschwindet. Vielleicht lösen sich auch menschliche Emotionen wie Rachegelüste oder Liebe in diesem Strudel der Undefinierbarkeit auf? In der Tat scheint die Liebesbeziehung zwischen Depardieu und Nastassja Kinski einer Errettung eines Gefühls gleichzukommen, das im Begriff ist zur reinen Karikatur zu verflachen. Zahlreiche Nebencharaktere haben die wirkliche Liebe bereits verdrängt und leben in klischeehaften „Replikaten“ realer Beziehungen. Gérard und Loretta versuchen nun die Idee einer Liebe zu verstärken, die „Klassenzugehörigkeit“ in den Hintergrund verdrängt. Wie die Geschichte ausgeht, möchte ich selbstverständlich nicht verraten.

"Das Verschwinden“ ist ein omnipräsentes Motiv in LA LUNE DANS LE CANIVEAU. Nicht umsonst muss der Charakter Depardieus immer wieder seinen Namen wiederholen, um zumindest seine eigene Identität zu retten. Beineix leistet unglaubliche Arbeit bei der Gestaltung jeder einzelnen Einstellung; nichts wird dem Zufall überlassen. Der Film wurde anscheinend überwiegend im Studio gedreht und zeichnet sich durch eine fast unheimliche Perfektion der Sets aus.

Selbstverständlich sollte man eine gewisse Affinität für das „cinema du look“ mitbringen, wenn man sich auf die Suche nach diesem mittlerweile sehr seltenen Film begibt. LA LUNE DANS LE CANIVEAU wird sicherlich nicht jedem Zuschauer gefallen.

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