Review

Ich bin auf diesen Film aufmerksam geworden, sofort nachdem er in die Videotheken kam (er lief zwar auch vereinzelt im Kino, aber nicht lange und längst nicht überall) und bereits nach dem ersten Anschauen hat er sich zu einem meiner unangefochtenen Lieblingsstreifen entwickelt.
Ich habe mir den Film seither ca. 70 Mal angesehen. Ich habe erst später das englische Buch gelesen und verblüfft festgestellt, wie nah sich die Inszenierung an die Vorlagen des Buchs hält, die Illustrationen von Ralph Steadman (Beachte: der Anhalter!!) sind vom Regisseur perfekt auf die Leinwand umgesetzt worden. Auch die Abfolge der Handlung und die Dialoge orientieren sich stark an der Textvorlage, viel stärker, als das normalerweise bei Literaturverfilmungen üblich ist - offenbar gab es keine andere Möglichkeit für die Verfilmung, die Handlung ist so schon schwer genug zu begreifen. Das Buch enthält einige Kapitel die im Film nicht vorkommen, Raoul Duke schildert hier über 20 und mehr Seiten hinweg nur die eigenen Gedanken (nach wie vor unverfilmbar). Das Ende habe ich so nicht im Buch gefunden, aber egal, im Film ist der Schluss deutlich besser gelungen.

Manche Kritiker bemängeln, dass die Handlung nur durch die Erzählstimme zusammen gehalten werden kann, doch das ist Quatsch, der Film orientiert sich wie gesagt streng am Buch und das ist durchweg (autobiografisch) in der Ich-Erzählform geschrieben, weshalb es dumm gewesen wäre diese Form im Film nicht beizubehalten, mehr noch: Dieser Film wäre ohne Erzähler nicht denkbar.
Die Texte des Erzählers stehen wortwörtlich genau so im Buch (erstmals 1971 erschienen) und das hat wie erwähnt deutliche autobiografische Züge. Was also liegt näher, als genau die Person erzählen zu lassen, die diesen Trip so oder so ähnlich genau zu dieser Zeit live und in Farbe selbst erlebt hat? Der Erzähler gibt der ganzen Geschichte die - mitunter bedrückende - Realität, wobei die Bilder bisweilen grotesk übertreiben (niemand kann ernsthaft solche Mengen an Drogen konsumieren!). Der Erzähler leitet nur grob durch die Handlung, zunächst wirkt alles sehr verwirrend (deshalb: Film unbedingt mehrmals schauen), und das ist auch so gewollt: Als Zuschauer kommt man sich mitunter selbst wie im Drogenrausch vor, durch die dauernden Zeit- und Realitätssprünge sowie die Teilung der Handlung in 2 Teile fragt man sich dauernd: "Ist jetzt die Gegenwart oder die Vergangenheit?" "Ist das Realität oder Einbildung?" oder "Hab ich die Szene nicht schon mal gesehen?" Genau so muss es sein.

Bei der Besetzung der Rollen wurde sich ebenfalls stark am Buch orientiert, schon die Nebenrollen sind Weltklasse, doch niemand andere als Johnnie Depp und Benicio del Toro hätten die beiden Hauptfiguren so spielen können, dass so eine Nähe zur Vorlage dabei herauskommt. Del Toro hat sich rund und fett gefressen für diese Rolle. Offenbar haben beide selbst schon genug eingeworfen um zu wissen, welches Gesicht man bei welcher Droge macht.

Die Drogen. Der Zuschauer erfährt viel über die Anwendung der Drogen und niemals hat es den Eindruck ins klischeehafte abzugleiten oder oberlehrerhaft zu wirken. Alles in allem machen sich die Charaktere wenig Gedanken über Drogen, obwohl sie oft drüber reden. Drogen sind Gesprächsthema wie jedes andere auch, sie gehören einfach zum Leben dazu, ein vollkommen ungezwungener Umgang, ohne jedoch SUCHT das Leben bestimmen zu lassen und völlig abzustürzen (schließlich handelt es sich bei den beiden um einen Anwalt und einen promovierten Journalisten, die beiden gehen keineswegs jeden Tag so ab). Bemerkenswert ist, dass nie beide gleichzeitig vollends die Kontrolle verlieren, es achtet immer einer auf den anderen. Die Reise ist zwar eine absolute Grenzerfahrung, aber die Grenze wird lediglich sehr weit hinausgeschoben, ins unrealistische verzerrt, aber nie überschritten (anders wie z.B. in Trainspotting). Zu keiner Zeit geht der Sinn für das Wesentliche vollständig verloren, sondern tritt nur kurzzeitig in den Hintergrund. Diese Darstellungsweise hat den Streifen zum Kultfilm für Drogenuser werden lassen, der Film sagt eben die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Er gibt Aufschluss darüber, was Leute denken, die keine Drogen nehmen (Klo-Szene 1965 im Matrix in L.A., ganz hervorragend!) und welche geisteskranken Ansichten Drogengegner haben - auf der Bezirksstaatsanwältekonferenz ("Erkenne den Süchtigen, es kann dir das Leben retten!"). Wenn einige Kritiker behaupten, der Film sei 25 Jahre zu spät dran, zeugt das von absoluter Unkenntnis, der geschilderte Zeitgeist hat nichts an Aktualität verloren weil er immer derselbe geblieben ist und immer derselbe bleiben wird, Drogenuser wissen was ich meine.

Die Abrechnung mit dem American Dream musste zwangsläufig kommen, denn Duke und Dr. Gonzo nehmen die Welt so intensiv wahr wie nur ein mit Hilfsmitteln erweitertes Bewusstsein sie wahrnehmen kann. Man denkt jeden Tag bewusst über die Welt und den ganzen Sinn des Lebens nach auf einer wirklich völlig anderen Ebene. Und weil fast die ganze Hippie-Generation ähnlich bewusstseinserweitert war, kam die ganze Generation fast gleichzeitig zu derselben Erkenntnis wie die beiden Hauptfiguren des Films: Dass sie in einer absolut perversen Zeit leben und dass es den Amerikanischen Traum einfach nicht gibt. Diese Kernaussage des Films kommt nicht zu kurz, man muss den Film nur aufmerksam anschauen, die allerersten Bilder vor der ersten Szene geben schon einen Vorgeschmack darauf was einen erwartet. Im Film gibt es viele Schnipsel, aber es wird nur selten ausführlicher darüber gesprochen, meist nur während der wenigen klaren Momente, um zu erkennen, dass dies alles nur betäubt zu ertragen ist.
Die Inszenierungen der Drogenexzesse verdrängen, betäuben die Kernaussage des Films. Beim Zuschauer entsteht das gleiche Gefühl von Verdrängung und Betäubung wie bei den Charakteren (auch durch den bewussten Einsatz extrem komischer Elemente, weshalb es wirklich schnell passiert, dass man sich selbst in die Charaktere hineinprojiziert).
Es ist nicht beabsichtigt, dass die im Grunde tragische Kernaussage dauerhaft im Vordergrund steht, genauso wenig wie sie bei Duke und Dr. Gonzo dauerhaft im Vordergrund steht. Die oft geäußerte Kritik, der Film sei in dieser Hinsicht zu oberflächlich, ist nicht wirklich plausibel. Ein weiterer Grund, sich den Film mehrfach anzuschauen, er ist es wert.

Selbstverständlich sollte der Zuschauer einen gewissen historischen Background mitbringen und mit dem Jahr 1971 etwas anfangen können, ich denke das gehört zu jeder anständigen Allgemeinbildung (vielleicht war das ein Grund, warum der Film 1998 in Cannes verrissen wurde, viele waren wohl einfach zu doof für den Film).

Weiterhin ist es, wie gesagt, hilfreich, selbst schon einmal Erfahrungen mit Rauschmitteln gemacht zu haben, vielleicht ist es sogar beabsichtigt, dass sich der Film wirklich nur eben diesen Zuschauern vollständig erschließt - oder, nein: Offenbar ist das Buch - und damit der Film - gerade diesen Leuten gewidmet.
Und wenn das wirklich so ist, dann muss man ganz klar akzeptieren, dass es Zuschauer gibt, die dem Film absolut nichts abgewinnen können. Von ausgewiesenen Filmkritikern sollte man jedoch etwas mehr Weitblick erwarten können!
"Fear and Loathing in Las Vegas" ist ein grandioses Zeitdokument der wohl aufregendsten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die deutsche Synchronfassung ist sehr gut, wenn man den Film jedoch bereits ein paar Mal gesehen und die Handlung weitgehend im Kopf hat, sollte man Englisch ohne Untertitel wählen, die Charaktere werden noch authentischer, gerade Dr. Gonzo ist mit Originalstimme deutlich besser.

Die Auswahl der Musikstücke unterstützt die Handlung in bemerkenswerter Art und Weise, der Soundtrack bereichert jedes Plattenregal.

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