Review

“Die Mächte des Wahnsinns” stießen Mitte der Neunziger in der Realität ebenso überraschend aus dem Boden wie im Film selbst. Der letzte vollends überzeugende Carpenter war zu diesem Zeitpunkt immerhin schon acht Jahre alt, und auch, nachdem die “Mächte” an die Oberfläche gelangt waren, sollte bis heute (die Hoffnung habe ich aber nie ganz aufgegeben) nichts Vergleichbares mehr kommen.
Vielleicht lag es daran, dass er sich endlich mal wieder an einem Film austoben konnte, mit dem auch eine Botschaft einherging, die perfekt mit dem fusionierte, was Carpenter am besten kann, nämlich eine subtile Atmosphäre aufbauen. Die “Jagd auf einen Unsichtbaren” war eine vollkommen Carpenter-untypische Komödie, “Body Bags” mehr oder weniger eine experimentelle Spielerei mit lustigem Selbsteinbau und das “Dorf der Verdammten” ein Remake, das nicht mehr viel Neues zu sagen hatte. Erst im hier rezensierten Film fand Carpenter zurück auf sein Terrain, auch wenn er sich stilistisch - abgesehen von der selbstgebrauten Synthie-Hardrock-Mucke - durchaus von den Vorgängerwerken unterscheidet.

Atmosphärisch wie thematisch wird man nämlich zunächst einmal an eine besonders gut gelungene King-Verfilmung erinnert. Und zwar unabhängig vom jeweiligen Regisseur, denn der Plot von “Die Mächte des Wahnsinns” zeigt einen der Lieblingsverweise des “King of Horror” - nämlich auf sich selbst, auf einen Autoren von Horrorromanen. Dieses Thema wurde im Laufe der Zeit bei King so zentral, dass es sogar als essenzielle Pointe in den Mittelpunkt seines Kosmos, den “Dunklen Turm”, eingebaut wurde.
Geht man jedoch ins Detail, hat Carpenter andere Beweggründe, seine Story auf dem Lebenswerk eines Horrorromanautors aufzubauen. Welche das sind, darüber kann man meiner Meinung nach aber geteilter Meinung sein, denn die Inszenierung des Horrortrips von Versicherungsdetektiv John Trent (Sam Neill) ermöglicht mehrere Lesarten.

Eine davon wäre die satirische Behandlung von Medien und deren Vertreiber. Der Vorspann ist unterlegt von der maschinellen Massenproduktion und -Vertreibung eines dieser Medien, nämlich des geschriebenen Wortes. Johannes Gutenberg lässt grüßen; die Literalität gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit, und der Druck lässt die Wirkung exponentiell ansteigen, indem das geschriebene Wort erstmals an ein Massenpublikum herangetragen werden konnte. Inzwischen längst etabliert, haben sich Medienschaffende bereits daraufhin perfektioniert, ihre Produkte mit größter Effizienz an den Endverbraucher zu bringen. Und die Kompromisslosigkeit, mit der dies geschieht, wird durch Carpenters Film ebenso angesprochen wie die Blindheit der Masse, die einfach alles schluckt, was man ihnen zuwirft. So werden Leser durch den reinen Konsum der Bücher zu Axtschwingern, und unser rational denkender Titelheld sieht sich plötzlich einer absurden Welt gegenüber, die nicht in seine Logik hineinpasst. Was Autor Sutter Cane (Jürgen Prochnow) sagt, lässt Trent wahnsinnig werden. Und nur das, denn was Trent in Hobb’s End erlebt, entspringt der Phantasie des Autoren, ebenso wie Trent selbst. Ein Spiel mit dem Ursprung, mit der Abfolge der Deduktion. Wäre Trent bei seiner Meinung geblieben, wäre er nicht wahnsinnig geworden. Die Medien formen also uns, nicht wir sie.
Zwar schwingt hier auch ein gewisser Vorwurf an den Endkonsumenten mit, der sich endlich wehren soll, doch indem mit John Trent eine einstmals gesunde Persönlichkeit mit gestärktem Weltbild als Identifikationsfigur eingeworfen wird, sammelt sich das Gros der Kritik an die Medienmacher.

Die zweite Lesart scheint mir weniger stark ausgeprägt zu sein, ist dafür aber um so brillanter und gewitzter. Und zwar geht es hier um “Sittenwächter”. Sittenwächter sind der einzige natürliche Feind des Filmemachers, der durch ihn seine Freiheit bedroht sieht. Ein Musterbeispiel dafür ist ein beliebiges Interview mit Horrorfilmlegende Dario Argento, der auf Prüfstellen und Überwachungsinstanzen höchst allergisch reagiert und deren Arbeit als Verschandelung seiner Kunst betrachtet. Und als Cineast, der sich eng mit der Materie befasst, ist man geneigt, ihm zuzustimmen. Jugendschutz muss zwar sein, aber was im Namen des Jugendschutzes geschieht, hat oft mehr mit Freiheitseinschränkung zu tun. Während Politiker stets zur Wahlzeit auf Filme, Computerspiele und Musik einschlagen, werden wissenschaftliche Untersuchungen aus den empirischen Sozialwissenschaften gerne mal ignoriert. Und in meinen Augen richtet sich Carpenters Film mit einer genialen Pointe an eben diese Sittenwächter.
Ich versuche mal, das kurz zu erläutern. Im Film werden Menschen mühelos von den Sutter Cane-Büchern eingenommen, so dass es, wäre dies die Realität, auch wissenschaftlich nicht geleugnet werden könnte. Carpenter gibt den Sittenwächtern die Bilder, die sie in einer weniger überspitzten Form als wahr betrachten. In dieser enormen Ausartung von absurdem Maße kann das aber nur Satire sein, obwohl der Humor in “Die Mächte des Wahnsinns” so tiefschwarz und von tiefster Dunkelheit umgeben ist, dass man ihn kaum wahrnimmt. Nun wird natürlich jeder Zuschauer, der bei Verstand ist, sagen, dass die Geschehnisse in “Die Mächte des Wahnsinns” trotz ihrer immensen Vielschichtigkeit und trotz der beinahe philosophischen Ansätze nicht real sind; also auch die Sittenwächter. Und mit diesem Einverständnis geben die unfreiwillig zu, dass das Gezeigte - Menschen, die durch den bloßen Konsum von Medien wie Büchern und Filmen ihren Verstand verlieren - nichts als Fiktion ist. Schachmatt!

Zum Erreichen dieser Wirkung dient Carpenter ein extrem vielschichtiges Szenario mit mehreren Realitätsebenen, die untrennbar ineinander übergreifen und die Realität als Gesamtprodukt in die Hände der Akteure, allen voran des Schriftstellers Sutter Cane, legen. So ist gerade das Surreale der große Wurf. Nie war Carpenter subtiler und ließ den Zuschauer mehr im Unklaren. Im Gegenteil, er hat mit der anderen Richtung begonnen. “Halloween” war und ist bis heute noch ein Paradebeispiel für Suspense, was bedeutet, dass der Zuschauer immer mehr wusste als Jamie Lee Curtis. Sam Neill ist man jedoch in keinem Moment auch nur einen Schritt voraus, man bewegt sich mit ihm zusammen im Kreis und ist wie er unfähig, aus ihm auszubrechen. Nichts dokumentiert das mehr als sein Versuch, aus der Stadt hinauszufahren und immer wieder an dieselbe Stelle zu gelangen. Obwohl dieser Vergleich sicher nicht intendiert war, fällt einem da direkt Wittgenstein ein, der behauptete, Menschen seien in Sprachspielen gefangen und könnten nicht außerhalb von ihnen existieren. Das ist nicht zuletzt in Verbindung mit den Medien Schrift und Fernsehen von erschreckend schlüssiger Substanz gezeichnet, die man im Vorfeld des Films nicht erwartet hätte.
Inszenatorisch lässt sich gar ein Vergleich zu dem subtilen Psychodrama “Jacob’s Ladder” ziehen, was sich auch auf die Kameraarbeit überträgt: als John Trent etwa auf der Straßenkreuzung erwacht, gibt eine Kamerarückfahrt ausgehend von Trents verwirrtem Gesicht langsam den Blick frei auf die Umgebung, ähnlich wie bei Jacob Singers Erwachen in der Badewanne. Ein anderes mal zeigt ein stehendes Bild Trent und seine Begleiterin aus der Beobachterperspektive im Hintergrund des menschenleeren Hobb’s End, bevor eine Veränderung der Schärfe den Blick auf das Objekt im Vordergrund (blutige Axt) freigibt.

Für den vorherrschenden Horroraspekt des Films hat all dies natürlich nur positive Auswirkungen, und Carpenter gibt den Blick frei auf Qualitäten, die man von ihm bisher in der Form nicht kannte. Die Protagonisten wirken stets, selbst wenn sie zusammen auftreten, verlassen und hilflos wie ein Kind im Dunkeln. Gerade der Besuch von Hobb’s End spielt damit ganz intensiv. Die unnatürlich wirkende Kleinstadt lässt viele Geheimnisse vermuten, von denen einige angedeutet werden. Tatsächlich wagt sich Carpenter mitunter auch in waschechte Horror/Fantasy-Ansätze, womit “Die Mächte des Wahnsinns” über das Surreale von “Jacob’s Ladder” oder von den Lynch-Filmen hinausgeht, welche sich stets nur mit den Hirngespinsten der Menschen beschäftigten. Die Monster lassen deutliche Einflüsse von “Hellraiser” erkennen und wären in längeren Passagen als schlichte Animatronik zu entlarven. Mag alleine schon die Andeutung der Monster für manchen Zuschauer zu viel gezeigt sein, versteht Carpenter aber durchaus auch hier sein Handwerk. Tatsächlich gezeigt werden nämlich nur Detailausschnitte, verfremdet mit wechselnden Lichteffekten und Schattenspiel.

Ansonsten werden aber genug funktionierende Horrormotive eingebaut, die auf dem “Normalen” basieren: eine knochige Hand, die in beinahe unmenschlichem Rhythmus an das Fenster klopft; ein Junge, der einsam im Dunkeln der Straße Fahrrad fährt und kurze Zeit später als alter Mann wieder vorbeikommt; kleine Kinder mit Reißzähnen; sich bewegende Bilder. Die zum Spinnengang verdrehte Frau ist in ihrer Herkunft (“Der Exorzist”) vielleicht etwas zu offensichtlich, verfehlt aber ihre Wirkung nicht, ebenso wie das Geheimnis der alten Frau.

Was die Darsteller betrifft, gab man sich auch keine Blöße. Sam Neill ist für diese Art Film ganz klar eine Idealbesetzung und erfüllt auch hier seinen Part wieder hervorragend bizarr. Charlton Heston unterstützt durch seine reine Biographie die erwähnte zweite Lesart und wurde sicherlich auch ein wenig in Hinblick darauf gecastet. Julie Carmen bleibt zwar insgesamt ein wenig profillos, hat aber auch so ihre Momente, als sie bereits eine gewisse Zeit in Hobb’s End hinter sich gebracht hat. Außerdem durfte sie aus Storygründen nicht zur Identifikationsfigur werden. Einzig bei Jürgen Prochnow bin ich etwas unschlüssig, ob ich seine Darstellung nun als lächerlich oder der Sache dienend bewerten soll. Möglicherweise war ich auch einfach nur etwas von seiner Frisur irritiert, denn auf eine merkwürdige Art nimmt man ihm den ominösen Schriftsteller ab.
Wer mich ganz nebenbei mal wieder begeistert hat, war Wilhelm von Homburg, der schon in “Ghostbusters 2" eine diabolische Ausstrahlungskraft besass und sich nun wieder perfekt in das gruselige Ambiente schmiegt.

Fazit: John Carpenters letzter großer Wurf ist ein Universum aus Skurrilitäten und sich überschneidenden Realitäten, in dem der Regisseur mit viel handwerklichem Geschick surrealen Horror der Extraklasse verbreitet. Im übertragenen Sinne kann man “Die Mächte des Wahnsinns” als Satire auf die Medien sehen, wahlweise auch auf deren Macher oder gar auf die Kritiker des Horrorkinos, die nur allzu gerne aufschreien, wenn mal Blut fließt. Denen wird nun ein skurriler Zerrspiegel vorgesetzt, während Carpenter für Freunde des gepflegten Horrors zugleich ein wahres Freudenfest eröffnet und seine Fähigkeiten um eine weitere Facette erweitert. Eine böse Pointe zum Ende gibt den letzten Schliff.
8,5/10

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