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Mit „Die Mächte des Wahnsinns“ erschuf US-Regisseur John Carpenter nach „Das Ding aus einer anderen Welt“ und „Die Fürsten der Dunkelheit“ im Jahre 1994 den dritten Teil seiner „Apokalyptischen Trilogie“ und damit einen der besten Horrorfilme der 1990er.

Versicherungsdetektiv John Trent (Sam Neill, „Possession“) landet in einer psychiatrischen Anstalt, wo er eine wahnsinnig anmutende Geschichte erzählt: Sein Auftrag, den populären Horrorschriftsteller Sutter Cane (Jürgen Prochnow, „Das Boot“) zu finden, hätte ihn in eine auf keiner Karte verzeichnete Kleinstadt namens Hobbs End verschlagen, die er bisher lediglich Canes Fiktion in Form seiner Horrorromane zugeschrieben hatte. Dort scheint die Apokalypse ihren Anfang zu finden, die Cane mit seinem letzten Werk herbeischreibt...

Carpenter gelang eine höchst gelungene Kombination aus Lovecraft’schen Motiven und Medien-/Gesellschaftssatire. Uralte Mächte, die nach der Weltherrschaft bzw. -zerstörung streben und sich gern mal in schleimigen Tentakelkreaturen physisch manifestieren, sind natürlich unverkennbar Lovecraft. Der satirische Tonfall des Films äußert sich angenehmer- und geschickterweise trotz weniger komödiantisch angelegter, überzeichneter Charaktere nicht in Albernheiten und Klamauk, sondern vollbringt das Kunststück, einen unheimlich starken Subtext zu etablieren, ohne die Entfaltung der surrealen, düsteren, gruseligen Horror-Atmosphäre zu gefährden. Denn auf beiden Ebenen funktioniert „Die Mächte des Wahnsinns“ grandios: Als augenzwinkernde Vision einer von Horrorliteratur- und -film-Fans durch ihre Begeisterung für selbige geschaffenen Apokalypse inkl. Seitenhieben auf Religions- und Glaubensgemeinschaften und ihre eigene Wirklichkeit, die von der Kraft des Glaubens zahlreicher Anhänger zehrt. Die Medienlandschaft wird ebenso aufs Korn genommen, lebt doch auch Medienhysterie vom Glauben ihrer Konsumenten. Die in fragwürdigen Pädagogen- und Sittenwächterkreisen gern kolportierte Warnung, Horror in seiner populärkulturellen Unterhaltungsform wäre schädlich und verwerflich, wird vom Drehbuch aufgegriffen und bis ins vollkommen Absurde auf die Spitze getrieben.

Doch gleichsam ist „Die Mächte des Wahnsinns“ auch ein reinrassiger, hochspannender Horrorfilm, der die Realität, wie wir sie kennen, als höchst beunruhigendes, wackliges Konstrukt beschreibt, das jederzeit durch die Kraft der Suggestion ins Wanken geraten kann. Eine Realität, die von dunklen Mächten bedroht wird, die Ausdruck finden in Gewaltentladungen, in der Negierung von Zeit und Raum, im kollektiven Wahn und die das Tor zur Apokalypse, zur Hölle auf Erden öffnen. Im Verborgenen scharren sie mit den Hufen, um ihre Dämonen einfallen zu lassen und die Menschheit dazu zu bringen, sich zu vernichten.

John Trent als ewig zweifelnder, sich bis zum bitteren Ende an das Weltliche klammernder, abgeklärter Versicherungsdetektiv, der nicht geneigt ist, sich der Massenhysterie anzuschließen, ist die Antithese zum okkulten Terror, mit dem Carpenter sein Publikum konfrontiert und verstört. Er ist die Identifikationsfigur des Zuschauers, aus dessen Augen wir die Handlung miterleben, und wird zur mitleidserregenden Gestalt, dessen vernunftbetonte Realitätsverbundenheit sich als großer Trugschluss erweist. Über weite Strecken ihm zur Seite steht die Verlagsangestellte Linda Styles (Julie Carmen, „Manhunt“), die eine Art Vermittlerposition zwischen beiden Welten einnimmt und eine Art verhindertes „Love Interest“ darstellt, bis auch sie sich der dunklen Seite anschließt und gar für einen an die Mutationen aus Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ erinnernden Spezialeffekt herhalten muss. Darüber hinaus verwendet Carpenter jeweils sparsam, dafür umso wirkungsvoller eingesetzte Genrecharakteristika verschiedener Natur, vom axtschwingenden Wahnsinnigen über gruselige Make-up-Effekte und Monsterkreaturen bis hin zu subtileren Mitteln wie sich bewegende, verändernde Gemälde, Traumvisionen, unheimliche Bauten und letztlich die gesamte surreale Parallelwelt Hobbs End mit ihren eigenen Naturgesetzen.

So entstehen viele unvergessliche Szenen, die in einem von den titelgebenden Mächten des Wahnsinns geprägten Finale münden, das die ausgedehnte Rückblende beendet und wieder in der filmischen Gegenwart anknüpft. Das Spiel mit verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen, das dem Zuschauer einige Konzentration und Abstraktionsfähigkeit abfordert, findet hier seinen erschreckenden, pessimistischen Schlusspunkt und entlässt das Publikum mit hysterischem Gelächter zurück in seine durch den Konsum dieses Films möglicherweise ebenfalls ein Stück weit aus de Fugen geratene, plötzlich viel weniger vertrauenserweckend erscheinende Welt.

Wie bei Carpenter-Filmen üblich, wurde auch „Die Mächte des Wahnsinns“ mit einem dominanten Soundtrack versehen, in diesem Falle treffen rockige Klänge auf atmosphärische Synthesizer-Sounds, die häufig von einer unheimlichen Geräuschkulisse begleitet werden und entschieden zur Stimmung des Films beitragen. Trotz seines allgegenwärtigen Namens tritt Sutter Cane erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in seiner schauspielerischen Interpretation durch einen ebenso erhabenen wie zwielichtigen Jürgen Prochnow in Erscheinung; die Hauptrolle verkörpert Sam Neill, der glaubwürdig die verschiedenen Stadien seiner Figur mimt und den Zuschauer verführt, mit seinem von vornherein nicht als übermäßig sympathisch gezeichneten Charakter mitzufiebern. Die dynamische Kameraführung präsentiert eindrucksvolle Bilder einer entrückten Realität, die leicht verfremdet als optische Umsetzung surrealer Visionen akzeptiert werden und durch ihre nur sparsame Manipulation, ihre stets starke Ähnlichkeit mit dem Bekannten wahrende Optik im Endeffekt umso erschreckender wirken.

Ein Unsympath wie Charlton Heston hat glücklicherweise nur eine kleinere Nebenrolle inne, eingangs erwähnte Überzeichnungen enden, kurz bevor sie nervig werden könnten, und auch von den möglicherweise nicht gänzlich zum Film passenden, grobschlächtigen Kreaturen wird rechtzeitig abgeblendet, um nicht Gefahr zu laufen, in ein trashiges Spektaktel abzugleiten. Insofern gibt es tatsächlich nur wenig Anlass zur Kritik.

„Die Mächte des Wahnsinns“ ist einer dieser Filme, die, einmal gesehen, sich im Unterbewusstsein fest verankern und in unregelmäßigen Abständen eine stets genüsslich zelebrierte Neusichtung mit Gänsehautgarantie einfordern. Lesen Sie Sutter Cane?

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