Der Scout (1983) von Konrad Petzold und Dshamjangijn Buntar
...1877: Westlich der Rocky Mountains am weißen See lebt der friedliche Stamm der Nez-Perce-Indianer (gespr. "Ne-Persee"). Eines Tages kommt ein kleiner Trupp US-Kavallerie in ihr Gebiet, treibt all ihre Pferde zusammen und überbringt dem Häuptling folgende Botschaft: "Der Stamm der Nez-Perce bleibt bis zu seiner Übersiedlung in eine Reservation unbeweglich. Die Pferdeherde wird deshalb ohne Verzug zum Fort Lapwai gebracht". Zwar bekundet Colonel William Howard (Manfred Zetzsche) den Wunsch nach Frieden und hofft auf die Einsicht der Indianer, leider gibt es aber schon während dem Gespräch den ersten toten Krieger. Als die Soldaten mit den rund 900 Pferden aufbrechen, mahnt der Häuptling seinen Stamm zum Verzicht auf Waffengewalt. Stattdessen schlägt er vor, um die Rückgabe der Pferde zu bitten und sich anschließend nach Kanada zu begeben, wie es bereits Sitting Bull mit seinen Stämmen gemacht hat. Die Cayuse (gespr. "Kajüs") - ein benachbarter Stamm der Nez-Perce - leisten allerdings Widerstand und attackierten in der Vergangenheit die US-Armee. Unterwegs kommt es zu einer Drohgebärde der Cayuse, sodass Col. Howard daraufhin seine Truppen teilt. Während er mit dem größten Teil seiner Männer die Cayuse verfolgt, sollen Major George Bannigan (Milan Beli), Lieutenant Brooks (Giso Weißbach) und 5 weitere Soldaten bei den Pferden bleiben. "Weiße Feder" (Gojko Mitic) - Unterhäuptling der Nez-Perce - will mit einer List und auf sich allein gestellt die ganze Herde zurückholen. Dazu lässt er sich bei den Soldaten von Maj. Bannigan als Scout anheuern, ohne aber seine wahre Identität preiszugeben. Sergeant Anderson (Klaus Manchen) schätzt die Unterstützung von "Weiße Feder" als Scout und ist ihm wohlgesinnt, jedoch durchschaut er allmählich auch dessen Pläne...
Herzlich willkommen zum letzten DEFA-Western mit Gojko Mitic und dem chronologisch vorletzten Western, bzw. Indianerfilm der DEFA überhaupt! ;)
"Der Scout" unterscheidet sich in mehreren Punkten von den anderen 6 DEFA-Indianerfilmen, die ich bisher gesehen habe. Die Gründe dafür könnten folgende sein:
- 1983 stand u.U. ein nicht mehr so großes Budget zur Verfügung wie bspw. in den 60er Jahren
- "Der Scout" ist eine von 4 Produktionen der sog. DEFA Gruppe "Johannisthal", im Gegensatz zu den anderen 12 Produktionen der DFEA Gruppe "Roter Kreis"
- Neben der Bezeichnung "Amerikaner" für die Angehörige der US-Armee, meine ich am Anfang dieses Films auch erstmals deutlich eine anti-amerikanische Stimmung zu vernehmen
- Die DEFA hatte sich ja immer um historische belegte Themen bemüht, wollte aber im Vergleich bspw. zu den Italowestern vermeiden, dass skrupellose Verbrecher, schießwütige Banditen, brutale Kopfgeldjäger usw. zu Helden und Puplikumslieblingen stilisiert werden. Im Fall von "Der Scout" könte dies auch mit den Kampfhandlungen zu tun haben
So, nun aber inhaltlich weiter!
Wie gesagt ist dieser DEFA-Western irgendwie anders und ich fange mal bewusst mit den Action- bzw. Kampfhandlungen an. Während bspw. "Die Söhne der großen Bärin" und insbesondere der Zweiteiler "Spur des Falken" und "Weiße Wölfe" viele und detaillierte Actionszenen mit teils üppiger Ausstattung aufweisen, finden wir hier genau das Gegenteil! Zwar sieht die Handlung viermal einen Konflikt durch das Aufeinandertreffen von Indianer und Soldaten vor, das Publikum kommt aber nur in den Genuss von einer echten Kampfszene mit Toten und Verwundeten. Bei den anderen drei wurde entweder von einem Kampf erzählt oder die Gefechtsszene wurde abgewürgt oder nur angedeutet. Schade, denn die meisten Zuschauer hätten sich bestimmt über ein Spektakel dieser Art gefreut!? In diesem Fall verrate ich zwar mehr, wie ich normalerweise möchte, es könnten hier aber sonst zu schnell falsche Erwartungen geweckt werden!
Also, bei diesem Titel bitte nicht schwerpunktmäßig gute und zahlreiche Kampfszenen erwarten - eher was Kleines so als Ergänzung. Kann aber ein Western dann noch ausreichend unterhalten, wenn er sich thematisch Indianer und Soldaten widmet und gleichzeitig mit Kampfaction geizt? Ja, wenn er an anderer Stelle punktet! "Der Scout" kann das recht gut und nach meinem Geschmack sogar besser, als John Fords "Der Teufelshauptmann", der ebenfalls actionarm ist und nicht mal eine einzige richtige Kampfhandlung, dafür mehrere Längen beinhaltet!
Das Unterfangen von "Weiße Feder" die beschlagnahmte Pferdeherde ohne Waffengewalt zu seinem Stamm zurückzubringen ist hier wirklich sehr spannend und kurzweilig dargestellt. Auch wenn es mal zu (sichtbaren) Schusswechsel kommt, dominieren hier aber ganz andere Zwischenfälle, Gefahren und kleinere Actionszenen. Zudem sorgen Streit und Zwietracht in der Gruppe für Abwechslung und es kommt auch zu kleinen Wendungen. Die Story ist von der Idee mal etwas anderes und in der Umsetzung solide und spannend gemacht - nur wie gesagt ohne heftige Kämpfe oder Massenszenen.
Das Verfolgen des Films macht außerdem viel Spaß wegen der schönen und teils grandiosen Landschaftsaufnahmen. Die Kameras der DEFA lassen uns hier interessante Gebiete der Monoglei entdecken, mit denen man den Nordwesten der USA simulieren wollte. Zu den vielen klaren und realen Soundeffekten klingt meist gute und passende Musik. Ab und zu gibt es noch dezente Komik und die Tierszenen runden diesen abenteurlichen Indianerwestern ab.
Gojko Mitic spielt diesmal als "Weiße Feder" keinen aggressiven und offensiven Charakter, sondern einen besonnenen und taktisch vorgehenden Unterhäuptling, der nicht etwa Waffen, sondern Wissen und List einsetzt. Schauspielerisch konnten auch viele andere Darsteller glänzen, allen voran Klaus Manchen aber auch Milan Beli und die Cayuse-Squaw Battsetseg Natsagdorj vermittelten sehr glaubwürdig ihre feine Charakterzeichnung.
Zu den o.g. Unterschieden kommt allerdings noch dazu, dass "Der Scout" mehr eine Abenteuer- als eine Westernatmosphäre versprüht. Auch die etwas kleinere Pferderasse, Indianer die wie Mongolen aussehen und Uniformen, die teils an verschlissene Arbeitsklamotten erinnern, wirken für einen Western eher befremdlich. Man kann diesen Film auch kaum noch mit einem Winnetou- oder typischen US-Westen vergleichen.
Ich habe ihn dieses Jahr nun schon zum 2. Mal angeschaut und er konnte mich aber trotz den genannten Schwächen wieder in den Bann ziehen.
Die neuaufgelegte und remasterte DVD durch Icestorm hat, wie auch die anderen DEFA-Western aus dieser DVD-Reihe ein wirklich sehr gutes Bild und klaren Ton.
Für dieses liebenswerte Werk vergebe ich nach langem und gutem Überlegen eine starke 6, die mit enstprechender Kampfaction locker eine 8 geworden wäre! Die Ballersounds machen Lust auf mehr und teils sieht man auch Einschusslöcher. Leider merkt man aber mehrmals, wie gerade diese tollen Actionhighlights unterdrückt und vorenthalten wurden! Wenn man wenigstens die erste Kampfhandlung um 1, 2 Minuten blutig verlängert und den Abzug der Cayuse mit dem Geländevorteil der Soldaten begründet hätte, wär's eine 7 geworden. Schade - ein bisschen mehr Dampf und Dramatik haben hier gefehlt!
Seien wir also nach "Spur des Falken" und "Weiße Wölfe" auf den anderen Zweiteiler "Apachen" und "Ulzana" gespannt...
Viel Spaß und gute Unterhaltung bei "Der Scout"! ;)