Es ist 1:42 Uhr und die Chance einer schlechten Kritik für Magnolia liegt bei ca. 0,0%.
Wer ein objektives Review lesen will, sollte sich woanders weiter umsehen, ich habe Magnolia einfach zu oft gesehen, um ihn noch schlecht zu finden.
Magnolia ist einer der wenigen Filme, die mit jedem Genuss weiter in Richtung der absoluten Genialität driften, dieser Film ist nicht einfach nur ein Film, er ist regelrecht eine Erfahrung.
Er ist ein Konzeptmovie wie man es besser nicht drehen könnte. Eine Einleitung, die zuerst keinen Sinn zu machen scheint, Einführung von scheinbar total verschiedenen Charakteren und eine Abfolge von unzusammenhängenden Szenen - doch es verdichtet sich, genau wie das Wetter, welches im Laufe des Films bedrohliche Ausmaße annimmt.
Neun Menschen, neun Schicksale, deren Verzweigungen immer mehr zu Tage gebracht werden. Ein klassisches Drama, welches sich immer dramatischer werdend auf den Höhepunkt zuspitzt. Alles wird schlimmer, es geht bergab bis zur Katastrophe - die nie eintritt. Stattdessen eine Erlösung (jedoch keine Auflösung) in Form eines Froschregens, das schlechte Wetter ist so schlecht, dass es gut wird. Unverständlich? Vielleicht, aber trotzdem nachvollziehbar.
So ist Magnolia letztendlich wie eine Parabel von Kafka, eine Parabel auf das Leben, die nicht nur die Aussage "Liebt eure Kinder" hat (welche der Regisseur seinen Film zuschrieb), sondern noch einige andere Lebensweisheiten bietet.
Doch im Gegensatz zu Kafka ist der Schluss, eine lange Fahrt auf eine im Bett liegende Frau, eine der Hauptcharaktere, die sich den gesamten Film am Rande des Abgrundes bewegte, ungeheuer optimistisch.
Denn sie lächelt und der Zuschauer spätestens an dieser Stelle auch.
Inszeniert ist das ganze makellos, die Kamera ständig in Bewegung, aber doch immer mit stoischer Ruhe beim Verfolgen des Geschehens. Der Schnitt ein Traum, denn er ist einer der wichtigsten Bestandteile des Films und macht Magnolia erst zu Magnolia.
Die Musik von Jon Brion und Aimee Mann greift natlos ineinander über und ist der musikalisch gewordene Traum eines jeden Regisseurs, denn selten passte der Soundtrack so wunderbar zu den Szenen, ohne den Film dabei "für sich" einzunehmen.
Die Schauspieler makellos, Juliane Moores Overacting hat noch nie so gut gepasst wie hier und wenn Tom Cruise auch sonst nicht sonderlich gut schauspielern kann: Hier zeigt er es allen! Auch schön, Jason Robards nochmal in einer seiner letzten Rollen zu sehen. Wenn ich die Szenen mit ihm auch Anfangs etwas langatmig fand, ist mir doch inzwischen bewußt geworden, dass einige der wichtigsten Aussagen des Films in seinen Worten liegen.
Ansonsten hat bei Magnolia alles seine Bedeutung, jede noch so kleine Handlung der Schauspieler, jeder noch so winzige Hinweis - Magnolia kann man nicht nur konsumieren, Magnolia muss man lesen wie ein Buch.
Ich denke, gerade das ist einer der Hauptgründe, warum dieser Film bei jedem Ansehen besser wird.
"Man sagt, wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns." - Mit Magnolia sollte man wohl nicht abschließen, sonst verpasst man einen der größten Filme der letzten Jahre.
10/10