Der Film erzählt die Geschichten von neun Menschen, deren Schicksale ineinander verwoben sind. So moderiert ein krebskranker TV-Star, gespielt von Philip Baker Hall, der eine drogenabhängige Tochter hat und plant seiner Frau zu beichten, dass er diese einst betrogen hat, gerade seine Show, in der ein Kind kurz davor steht, den Sendungsrekord zu brechen, während der aktuelle Rekordhalter, gespielt von William H. Macy, gerade um seine finanzielle Zukunft fürchten muss, nachdem er entlassen wurde. Währenddessen liegt ein alternder Fernseh-Tycoon im sterben, weswegen seine wesentlich jüngere Frau, gespielt von Julianne Moore, die ihn mehrfach hintergangen hat, zunehmend von Schuldgefühlen geplagt wird, während sich sein Pfleger, gespielt von Philip Seymour Hoffman, bemüht, den Sohn des Todkranken, gespielt von Tom Cruise, wieder zu finden, mit dem der Kontakt vor Jahren abriss. Zeitgleich verliebt sich ein Polizist, gespielt von John C. Reilly, in eine Frau, gegen die eine Anzeige wegen Ruhestörung vorliegt.
Bereits mit "Boogie Nights" inszenierte Paul Thomas Anderson als Autor, Regisseur und Produzent mehr oder weniger im Alleingang ein beachtliches Drama um einen jungen Pornostar mit einer Reihe bekannter Darsteller, das jenseits der Stereotypen Hollywoods lag. Und auch mit "Magnolia" macht er, einer der besten Autorenfilmer unserer Zeit, seinem Namen alle Ehre, genauso, wie später mit "There will be Blood".
Das Drehbuch ist überaus gelungen. Die verschiedenen Plots, die allesamt Themen wie Zufall und Schicksal (was bereits aus der Einführung hervorgeht), Schuld, Sühne und Vergebung, sowie Liebe, Leid und Hass, behandeln und sich in einigen Ansätzen gegenseitig voranbringen, sind hervorragend konstruiert und von Anfang bis Ende absolut fesselnd. Die Charaktere werden gelungen konstruiert und ihre Geschichten sehr dramatisch erzählt, obwohl sie im Film so zahlreich vertreten sind. Im Film finden sich dutzende Überlappungen der Geschichten, die kaum brillanter konstruiert sein könnten, darüber hinaus entzieht sich "Magnolia" jeder Vorhersehbarkeit, der Film ist zu keinem Zeitpunkt kalkulierbar, da jegliche Stereotypen Hollywoods weitläufig umgangen werden. Das Thema Zufall und Schicksal wird anschaulich und vielschichtig behandelt, im Vordergrund steht dabei die Idee, dass solche "Zufälle", wie sie im Film am laufenden Band geschehen, wirklich passieren. Ein weiterer großer Bestandteil der Story sind Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, dieses resümieren, ihre Fehler einsehen und bereuen, sowie ihre Angehörigen, die vor der Frage stehen, ob sie ihnen verzeihen, oder vergeben sollen. In anderen Plots wiederum werden Menschen gezeigt, die noch mitten im Leben stehen und Entscheidungen zu treffen haben, die ihr ganzes späteres Leben beeinflussen können und dabei nicht die Fehler machen wollen, die wiederum von den beiden sterbenden TV-Stars bereut werden.
Natürlich finden sich an "Magolia" auch noch unzählige weitere Facetten und jeder Zuschauer dürfte dem Film etwas anderes entnehmen können. Im Wesentlichen lässt sich sagen, dass die Episoden hervorragend, vielschichtig und facettenreich konstruiert sind und zutiefst berühren und damit überzeugt das Handlungskonstrukt.
Die einzelnen Episoden werden von Anderson verschachtelt und parallel erzählt. Im Großen und Ganzen gelingt dies Anderson auch sehr gut, er behält den Überblick, er hält Spannung und Dramatik hoch, auch wenn angesichts des episodenhaften Erzählstils ein paar kleinere Längen unumgänglich ist, zumal manche Plots etwas interessanter sind, als andere. Die Filmmusik, bestehend aus einigen Songs von Aimee Mann, ist stellenweise treffsicher gewählt, wirkt aber mitunter etwas unpassend. Die dramatischen Spitzen des Films sind hervorragend inszeniert, mit einem guten Auge für die brillierenden Darsteller in Szene gesetzt. Allein für diese Momente, die kaum intensiver und zerbrechlicher sein könnten, lohnt sich das Ansehen des Films schon. Es ist unterm Strich ein hervorragend inszenierter und konstruierter Film, der fesselt und berührt.
Auch unter darstellerischen Gesichtspunkten lässt "Magnolia" keinen Grund zur Beschwerde. Tom Cruise, der oftmals als Sunnyboy aus diversen Blockbustern wie "Top Gun", "Tage des Donners" oder "Cocktail" im Verruf steht, aber bereits in "Eine Frage der Ehre", "Geboren am 4. Juli" und "Rain Man" zeigte, dass er auch als Charakterdarsteller durchaus zu gebrauchen ist und nicht nur aus reiner Geldgier Blockbuster-Rollen übernimmt, liefert hier eine der besten Vorstellungen seiner Karriere ab. Sowohl als selbstbewusstet, charismatischer Sex-Guru, als auch als innerlich zerrissener Sohn, der am Sterbebett seines Vaters, den er eigentlich abgrundtief hasst, trauert, ist seine Leistung enorm intensiv und souverän, wofür sich Cruise seine Oscar-Nominierung redlich verdient hat. Allein die Tatsache, dass er eine Rolle in diesem, fern des Mainstream-Kinos anzusiedelnden Drama übernommen hat, kann man Cruise bereits hoch anrechnen. Julianne Moore ist als Ehefrau eines sterbenden Mannes, die schließlich Reue für vergangene Taten zeigt, hervorragend besetzt und überzeugt ebenfalls, genauso, wie Philip Seymour Hoffman, der auch diese Charakterrolle gewohnt stark meistert. Auch der übrige Cast, gespickt mit hervorragenden Charakterdarstellern überzeugt voll und ganz, ob nun William H. Macy in seiner Lieblingsrolle als sympathischer Versager, ob Philip Baker Hall und Jason Robards in den Rollen sterbender TV-Stars, oder John C. Reilly als sympathischer Polizist, wirklich alle verkaufen sich hier extrem gut.
Fazit:
Die große Hoffnung des Autorenfilms Paul Thomas Anderson präsentiert mit "Magnolia" eines der besten Episodendramen aller Zeiten, das weit jenseits der Stereotypen Hollywoods anzusiedeln ist. Neben der starken Inszenierung und dem grandiosen Cast ist es vor allem das hervorragende Handlungskonstrukt, das Themen wie Zufall und Schicksal, Schuld und Vergebung, Liebe und Leid vielschichtig aufarbeitet und mit seinen vielen verschiedenen Episoden und Facetten kaum besser von Anderson konstruiert sein könnte, das "Magolia" zu einem intensiven und berührenden Filmerlebnis machen, das bis auf ein paar kleine Längen keine Mängel offenbart und jedem ans Herz zu legen ist, der noch einmal ein kleines Meisterwerk jenseits des Mainstream-Kinos erleben will.
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