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Wenn es hier nicht sowieso um einen Film ginge, würde ich sagen, das muss man sich mal bildlich vorstellen: Da wohnt der alte Herr Eastwood mit transplantiertem Herzen auf einem Boot im Hafen, und in dem Boot neben ihm wohnt sein Nachbar Jeff Daniels. Schade, dass dies kein deutscher Film ist - dann würden beide in einem miefigen Mietshaus wohnen und im Treppenhaus über die anderen Nachbarn tratschen. Der Nachbar ist nun eine Art Versager, der immer so aussieht, als müsste er eine Bierdose in der Jackentasche haben, aber er hat plötzlich Ambitionen: als unser Clint sich auf die Suche nach dem Mörder der Frau macht, dessen Herz ihm eingepflanzt wurde, wird dieser Nachbar zuerst sein Fahrer, dann gibt er sich als "Partner" aus, und obwohl er kein Blut sehen kann, ist er aus der Geschichte nach einer Weile einfach nicht mehr wegzudenken. Und wenn der Fall immer komplizierter wird, steht er immer mit noch weniger Rat und Tat dem betagten Clint zur Seite. Und erst sein Name: eigentlich heißt er Jasper, aber alle nennen ihn "Buddy" - wie in einem zünftigen "Buddy-Movie". Wir fragen uns, was ihn zu dieser Anhänglichkeit treibt, welchen Grund er dafür hat. Könnte schwul sein. Könnte ein Irrer sein. Könnte der Mörder sein. Aber dann müssten wir uns auch vorstellen können, dass ein solcher Trottel in der Lage wäre, einen solchen durchtriebenen Komplex des Verbrechens zu planen und über Jahre hinweg konsequent durchzuführen.
Geschichten wie diese haben immer ein Problem mit der Glaubwürdigkeit; dabei gibt es sie schon fast so lange, wie es Film überhaupt gibt: der erste dieser Art dürfte "Orlacs Hände" von Robert Wiene 1924 gewesen sein: Jemand bekommt ein Organ transplantiert und lebt daraufhin irgendwie das Leben dessen weiter, dem das Organ vorher gehörte. Wahrscheinlich hat jedes Jahr der Filmgeschichte ein Beispiel dieser Art zu bieten; selbst Hitchcock wollte mal an das Thema ran (da sollte es - typisch Hitch - um Augen gehen), aber wegen eines Streits mit Walt Disney hatte sich das zerschlagen.
Nun hat Eastwood sich wenigstens das häufig anzutreffende übernatürliche Element solcher Geschichten nicht angetan - das würde man gerade ihm auch nicht abnehmen. In "Blood work" geht es darum, dass der Protagonist sich moralisch verpflichtet fühlt, den Mord an der Frau aufzuklären, da er sein Weiterleben mit neuem Herz eben gerade einzig und allein diesem Mord verdankt. Außerdem bittet ihn die Schwester der Toten so nett darum, dass sein Mitverantwortungsgefühl ihm auch noch eine Beziehung mit dieser ermöglicht - Clint, du alter Schwerenöter! Und obwohl er weder im Polizeidienst ist noch eine Lizenz als Privatdetektiv hat, geht er auf die Suche und beginnt damit, dass er die zuständigen Cops mit Doughnuts besticht.
Für meinen Geschmack ist dieser Film durchaus gelungen, aber er ist natürlich andererseits ein ziemlich konventioneller Thriller geworden, dessen Wendungen uns kaum noch überraschen dürften. Eastwood hat das Konventionelle schon genialer verkauft - siehe "Ein wahres Verbrechen"; der ist auch sehr konventionell, aber spannender. Meiner Meinung nach schafft Eastwood in "Blood work" nur einmal, diesen für ihn typischen Trick anzuwenden, uns nämlich Altbekanntes so vorzusetzen, dass wir unseren Augen trotzdem nicht trauen, und das ist die Szene, in der er unvermittelt mit einer Kanone aus dem Kofferraum einer Polizistin auf den geheimnisvollen Wagen zugeht, der ihn verfolgt, und ihn nach und nach in Stücke schießt. Da weiß der Zuschauer: Dirty Harry ist zurück! Wünschen wir Clint, dass er auf diese Art noch oft zurückkommt!

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