Review

"Was ist heutzutage schon gewöhnlich, McCaleb?"

Nach einigen Höhenflügen, einer Art 'Comeback' in den frühen Neunzigern, die bei Kritikern und Publikum gleichzeitig An- und Zuspruch fanden, schien Richtung Millennium das folgende Werk von Clint Eastwood wieder kleiner und schmaler zu werden, der vorliegende Film bspw. oder auch True Crime - Ein wahres Verbrechen (1999) als reine Genrearbeiten und eine Art Abschieds- und Alterswerk schon gesehen, was im Nachhinein natürlich täuschte, bis einschließlich heute aber in der schieren Masse der Filmografie dennoch oft übersehen. Letztlich eine Art Pause nur vor weiteren Großtaten, vor allem auch hinter der Kamera vermehrt, ein zahlreich noch zu entdeckendes Werk:

FBI - Spezialagent Terrell „Terry“ McCaleb [ Clint Eastwood ], ein erfahrener Profiler, leitet eine gemeinsame Task Force von FBI und LAPD, um den „Code Killer“ zu fassen, einen Serienmörder, der McCaleb verhöhnende Nachrichten hinterlässt. Während er am letzten Tatort mit Reportern spricht, sieht McCaleb in der Menge jemanden, den er für den Mörder hält, und verfolgt ihn, nur um einen fast tödlichen Herzinfarkt zu erleiden. Zwei Jahre später lebt der inzwischen pensionierte McCaleb nach einer Herztransplantation auf seinem Fischerboot in der Bucht von Long Beach, wo er von Kellnerin Graciella Rivers [ Wanda De Jesús ] in Begleitung ihres jungen Neffen Raymond [ Mason Lucero ] angesprochen und gebeten wird, den Mord an ihrer Schwester aufzuklären, sehr zum Unwillen seiner früheren Kollegen LAPD-Detektiv Jaye Winston [ Tina Lifford ], LAPD-Detektiv Ronaldo Arrango [ Paul Rodriguez ] und LAPD-Detektiv John Waller [ Dylan Walsh ]. Auch seine behandelnde Ärztin Dr. Bonnie Fox [ Anjelica Huston ] ist strikt gegen jegliche Anstrengung, einzig sein Nachbar Jasper „Buddy“ Noone [ Jeff Daniels ] ist wenigstens bereit, ihn gegen Entgelt durch die Ermittlungen zu kutschieren.

Her last thoughts were of Raymond. She would see him soon. He would awaken as he always did, his welcome-home embrace warm and sustaining. She smiled and Mr Kang, behind the counter, smiled back, thinking her brightness was for him. He smiled at her every night, never knowing that her thoughts and smiles were actually for Raymond, for the moment still to come. The sound of the bell shaken by the opening door behind her made only a peripheral entry into her thoughts. She had the two dollar bills ready and was handing them across the counter to Mr Kang. But he didn’t take them. She then noticed that his eyes were no longer on her but focused on the door. His smile was gone and his mouth was opening slightly as if to form a word that wouldn’t quite come. She felt a hand grip her right shoulder from behind. The coldness of steel pressed against her left temple. A shower of light crashed across her vision. Blinding light. In that moment she saw a glimpse of Raymond’s sweet face, then everything turned dark.

Der soft Jazz- und einschmeichelnde Loungesound ist auch hier präsent, trotz der Eingangsszenerie, die eine Großstadtmetropole bei Nacht und nur erhellt durch einen kreisenden Hubschrauber und Polizeiwarnlichter zeigt, offensichtlich ein Tatort und ein Auto auf dem Weg dahin, ein Verbrechen und anstehende Ermittlungsarbeiten. Man wartet nur auf den leitenden FBI-Mann, er kommt als letztes, nach den Kollegen in Uniform und der Presse, "Opfer Fünf und Sechs, der Code-Killer ist wieder da." Das Haus ist umstellt voll mit Einheiten, eine Führung durch den Schauplatz der Morde passiert, eine etwas ältere Baute, nicht gänzlich aufgeräumt, die Gegend scheinbar nicht die Beste, laut Aussagen eines der Begleiter, eines zynischen Kollegen. Er wird mehrfach darauf hingewiesen, die Sprüche sein zu lassen, sie sind und wären unpassend; McCaleb selber bekommt eine direkte Aufforderung des Täters, mit Blut der Toten an die Wand geschrieben, inklusive Telefonnummer.

Ein Polizeikrimi (nach "Das zweite Herz" vom Bosch und The Lincoln Lawyer Erfinder Michael Connelly) im Gedeihen, es könnte eingangs auch der 6. Teil um Dirty Harry oder so etwas wie Der Wolf hetzt die Meute (1984), nur hier mit besonderer 'herzlicher Note' sein, eine begleitende, führende Kamera, nicht immer an der Hauptperson dran, seine Umgebung und seine Sichtweise gleichzeitig oder auch mal parallel oder nacheinander zeigend. Viele Fragen der Reporter werden gestellt, eine aufgehetzte Meute, grelles Scheinwerferlicht und die Mikrofone in sein Gesicht gedrückt, die Schlagzeilen warten schon, die Titelseiten kurz vorm Druck. Der Aufgeforderte und herausgeforderte hat andere Sorgen, er entdeckt selbst im Chaos ein Detail, eine Verfolgung zu Fuß, eine ungleiche Verteilung, keine Chance bei dem Alter, die Kollegen keine Hilfe, zu überfordert, zu neu im Job, nicht kompetent genug oder schlichtweg zu desinteressiert. Ein Mann mit blutigen Schuhen wird gejagt, durch die Seitenstraßen und die Nebengassen, erhellt vom Suchscheinwerfer des Polizeihubschraubers, wenigstens ein zweiter Mann hat mitgedacht, bietet seine Hilfe bei der Jagd durch düsteres Gelände, über Zäune hinweg und andere im Wege stehende Hindernisse an; während die jüngeren, die flinken und in besserer Kondition befindlichen Polizisten nur 'Maulaffen' feilhalten und herumstehen. Konditionell wird die Hatz dargeboten, eher im Ausdauerlauf als im Sprint, zu viel für das Herz trotzdem, es schlägt immer schneller, es rauscht in den Ohren, der Atem wird knapp, die Luft zugeschnürt, mit letzter Kraft noch seine Arbeit getan, die Dienstwaffe gezogen und abgefeuert.

Eine Art Prolog hier geboten, eine Vorgeschichte, eine Dramatik pur, wie ein Kurzfilm stehend für sich, eine Art Teaser, ein Appetizer, die morbide Neugier des Verfolgten und die Spannung des Zuschauers gleichen sich. Zwei Jahre später fängt die eigentliche Geschichte an und geht auch weiter, drei Dutzend Tabletten am Tag muss man einnehmen, muss man schlucken, das reicht für eine vollwertige, vielleicht nicht allzu schmackhafte Mahlzeit. Eine tiefe Narbe zeichnet den Oberkörper, auch der Mann selber ist geprägt, von der Vergangenheit, bald wieder von der Gegenwart, er kann sein zweites Leben nicht richtig genießen, er nimmt die Umwelt deutlicher wahr als zuvor, die Sorgen Anderer, weniger die Sorgen um sich selber; er hat und hatte Privilegien. Etwas Auszeit wird sich trotzdem genommen und gegönnt, einige Nebendarsteller, bekannte Gesichter eingeführt und mehr oder minder vorgestellt, eine Yacht im Hafen als Ausgleich für die Ereignisse des Lebens, als Hobby und Freizeit, für die frische Luft und die Ortsveränderung, für die Freude im Alltag, für den späten Reigen eines eigentlichen Urlaubs, der dritte Abschnitt des Daseins längst begonnen, er sollte genossen werden.

For a moment McCaleb studied the photo they had used with the story. It was an old head shot they had used many times before during his days with the bureau. His eyes stared boldly into the camera. When Keisha Russell had come around to do the story on him, she had come with a photographer. But McCaleb wouldn’t let them take a fresh shot. He told them to use one of the old photos. He didn’t want anybody to see the way he looked now. Not that anyone could tell much, unless he had his shirt off. He was about thirty pounds lighter but that wasn’t what he wanted to hide. It was the eyes. He had lost that look—the eyes as piercingly hard as bullets. He didn’t want anyone to know he had lost that. He folded the newspaper clip and put it aside. He tapped his fingers on the desk for a few seconds while brooding over things and then looked at the steel paper spike next to the phone. The number Graciela Rivers had given him was scratched in pencil on the scrap of paper that sat at the top of the stack of notes punctured by the spike. When he was an agent, he had carried with him a bottomless reservoir of rage for the men he hunted. He had seen firsthand what they had done and he wanted them to pay for the horrible manifestations of their fantasies. Blood debts had to be paid in blood. That was why in the bureau’s serial killer unit the agents called what they did ‘blood work’. There was no other way to describe it. And so it worked on him, cut at him, every time one didn’t pay. Every time one got away.

Dazu kommt es nicht, man ist zwar pensioniert, man ist aber trotzdem interessiert, es braucht etwas Überredungskraft, man hat die Dinge, die man gelernt hat aber nicht verlernt, nur weil man in Rente ist; es steckt in einem drin, buchstäblich und wortwörtlich. Der Auftrag ist eine Art moralische Erpressung auch, man 'schuldet' etwas, es wird noch etwas altertümlich behandelt hier im Film, es gibt kein tragbares Telefon, man telefoniert von der Zelle aus, man ist jetzt Privatdetektiv, nur ohne Lizenz, man ist engagiert, auch buchstäblich und wortwörtlich. Man hat mit den Kollegen von früher zu tun, sie haben sich nicht geändert, sie sind immer noch nicht interessiert, nur an den mitgebrachten Donuts, der ehemalige Profiler kennt seine Taktik, er will keine Show stellen, er will nur Tatortanalysen. Keine Verdächtigen, keine Hinweise, eine Hilfe wird angeboten, ein ruhiges Geschehen, ein Überfall im Geschäft, erst auf den Verkäufer, dann auf die Käuferin, ein Zeuge abgehauen, das Tatortvideo besichtigt. Die Mordkommission ist abweisend, sie hält Informationen zurück, interessante Figuren im Beiläufigen gezeigt, ein ruhiges Genrestück, eine angenehm altmodische, nicht gleich antike Herangehensweise, ein Kompetenzfilm, mit Erfahrungen aus mehr als drei Jahrzehnten bestückt. Ein Blick per Video, ein Blick vor Ort, ruhiges im Dialog, prägnantes in der Kommunikation, Wahrnehmungen in der Umgebung aufgenommen, Recherchen in der Bibliothek, wie in guten alten Zeiten. Erneut ein Serientäter, der Gleiche oder ein Anderer, das weiß man hier noch nicht, das wird noch aufbereitet, es wird noch erzählt, eins nach dem anderen, nicht überhastet, eine Eile mit Weile, keine Hektik produziert.

Das Polizeirevier ist immer noch die zweite Anlaufstelle, diverse Stätten heimgesucht, alte und neue Bekannte, man kennt sein Gesicht, er war berühmt, er ist es auf seine Weise immer noch, nur etwas beschaulicher um ihn herum gewesen. Gefallen werden eingeholt, alte Verbindungen aufgefrischt, verschiedene Taten, gleiche Täter, die "Dreifach-Tat-Theorie" verfolgt, "frisches Blut" ist nötig; viel auf Früheres auch und sowieso mit Mysteriösem angespielt; die Sonne scheint nur oberflächlich, das Geschehen selber grauslich. Survivor's Guilt hat man zusätzlich, "Du hast es nicht verdient.", Albträume durchbrechen den Schlaf und die Nacht, Gedanken an den eigenen Tod, das selber erschossen werden, mit mehreren Kugeln in der Brust niedergestreckt, ein Aufschrecken. Die Belastung ist nicht gut für den Mann, der Stress, die Arbeit, die Lauferei, die Fragerei, das viele Nachdenken, die Transplantation nicht allzu lange, ärztlicherseits wird dringend abgeraten, persönlich fühlt man sich verpflichtet, ein Drama, ein Zwiespalt, ein Spiel erneut mit dem eigenen Leben. Ein Diskurs über Hilfe und/oder Verderben, über die Macht des Schicksals, über Karma und 'Vererben'. Zusätzlich werden Verdächtige in das Kreuzverhör genommen, Bedrohungen installiert, unsichere Atmosphären, eine falsche Identität angenommen, ein Police Procedural nachgeahmt, mit Jurisdiktion und Bürokratie, eine unerwartete Attacke, eine plötzliche Flucht, einen Nerv getroffen, ob den richtigen oder nicht; eine "volle Felduntersuchung" durchgeführt. Eastwood fasst sich des öfters an die Brust, die zusätzliche Belastung nicht gut für seine Gesundheit, er hat gleich mehrere Funktionen zu erfüllen, Ermittler, Tröster, eine Art Ersatzvater, alles vor der Kamera, dazu die Verantwortung dahinter, die Treue zum Buch, die Übertragung von einem Medium zu einem anderen, ein Puzzle zusammen gesetzt und zusammen gehalten. Erinnerungen werden zusammen gefügt, ein Teil des Lebens von früher wiederholt, neue Verbindungen und Verbindlichkeiten aufgezogen, ein Drama (plus Actionszenen wie ein Schusswechsel in der Nachbarschaft) mit eingeschlossen, jede Menge Kleinigkeiten, alles ist am Ende wichtig, alles zu beachten, eine Umkehrung der Tatsachen.

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