Überaus ästhetische Dracula Adaption von Paul Morrissey mit Udo Kier und Joe Dallesandro in den Hauptrollen, die traditionelle Rollenbilder mit dem neuen Frauenbild der 20ger (Filmhandlung) und 70ger Jahre (Herstellungszeit) kontrastiert, aber auch mit Anspielungen auf erotische Vampirfilme ihrer Zeit und einer Menge Selbstironie und Charme punkten kann.
Dracula, geschwächt und auf Blut-Turkey, reist mit seinem Assistenten in das katholische Italien der prä-Mussolini Ära, um Jungfrauen zu suchen, die seinen Alterungsprozess stoppen können. Allen Italienern offenbaren die beiden ihre Pläne nicht, sondern erfinden eine Geschichte rund um die Familientradition von unbefleckten Frauen und den Wunsch des Grafen schleunigst neu zu heiraten.
Sicher entgleitet Morrissey an der einen oder anderen Stelle ein wenig der rote Faden und die Körper der jungen Frauen, die Dracula als potentielle Ehepartnerinnen - oder besser gesagt: Opfer - in Italien kennenlernt, aber auch die Körper des männlichen Sexsymbols Joe Dallesandro und von Dracula Udo Kier stehen ab und an zu offensichtlich im Fokus, doch über weite Strecken fasziniert der Film mit wundervollen Bildern, tollem Soundtrack, lässiger Grenzüberschreitung, Witz und kulturellen, aber auch politischen Kontrasten. Dabei nimmt der sozialistische Hilfsarbeiter, der nicht davor zurückschreckt 14-jährige Mädchen zu vergewaltigen bei weitem nicht die Hauptrolle ein - nein, tradierte Rollenbilder werden geschickt kontrastiert und mit dem Dracula Mythos vermischt. Was heute vor allem im Zuge ewig ermüdender Gender- und Feminismusdebatten etwas plump und plakativ erscheint, war in den frühen 70ger Jahren sicher noch mutig und ein spannendes Experimentierfeld. Dracula war aber in jedem Fall - seit Bela Lugosi - nie wieder so sexy wie hier.
8/10