Ich gehöre ja tatsächlich jener Großmacht von Banausen an, die mit Andy Warhols Popart nicht allzu viel anfangen können. Aber mein persönlicher Künstlerkanon besteht auch ehrlicherweise fast ausschließlich aus Dali, Klimt und Bosch und gelegentlichen Ausflügen in die Welt Edward Hoppers. Ich habe halt nie verstanden, worin der Reiz liegt, sowas irdisches wie schnöde Dosensuppen zu malen, während anderswo schmilzende Uhren von Bäumen tropfen.
Die Filme aus dem Factory - Umfeld haben da schon eher mein Interesse geweckt. Konzeptionell zumindest, denn nach einem kurzen kritischen Blick auf "Flesh" strich ich 19-jährig die Segel. Immerhin habe ich nun die "Dracula" - Variante von Paul Morrissey nachgeholt und der hat mir mit seiner Absurdität doch wieder den Mund wässrig gemacht. Und bewiesen, dass Werktreue nicht alles ist.
Morrisseys Version besagt, dass der Graf derzeit auf Brautschau ist, da ihm in seiner rumänischen Heimat langsam die Lebenssäfte dahinschwinden: der auf Jungfernblut angewiesene Vampir findet in seinem Umfeld keine einzige Unbefleckte mehr. Ein kulinarischer Urlaub soll's richten und den (ansonsten vegetarisch lebenden) Grafen wieder zu Kräften bringen.
Unter dem Vorwand der Heiratsabsicht werden der Blutsauger und sein Butler ins Haus der Familie Di Fiore eingeladen, deren älteste Tochter hoffnungslos verklemmt ist, während die jüngste das heiratsfähige Alter noch nicht erreicht und die mittleren beiden ihre Unschuld längst an Hilfsarbeiter Mario eingebüßt haben. Der ist als überzeugter Kommunist übrigens alles andere als begeistert vom Vorstoß des Grafen in den sexuellen Mikrokosmos des Hauses, den er als Einmarsch des Klassenfeindes sieht. Ganz im Gegensatz zum feingeistigen Hausherren, der nichts böses ahnt.
Was habe ich da bitte gesehen? Offenkundig erst mal eine absichtlich völlig überzogene Parodie eines Klassikers. Aber verbirgt sich da nicht vielleicht noch mehr hinter? Zumindest musste ich bei Draculs Blutnot doch irgendwie sehr an die Ölkrise denken, während der sich die Haare färbende Udo Kier sich zu Beginn eher über die nosferatische Eitelkeit im Kino lustig macht: nach Max Schreck sahen die doch alle vergleichsweise gepflegt aus. Am interessantesten empfand ich im Übrigen stellenweise die Figur des schöngeistigen Hausherren, der uns mit seinen Fabulierkünsten begeistert, von seiner Familie aber kaum Beachtung bekommt. Arme Socke, der Kerl, aber doch irre komisch.
Dass solche und noch andere skurillen Höhepunkte entsprechend begabte Akteure brauchen versteht sich von selbst und da stiehlt Udo Kier allen Beteiligten die Show. Keiner lamentiert, sinniert und kotzt so schön wie der unlängst verstorbene Kölner, der hier alles gibt, um die Theatralik alter Horrorfilme satirisch zu demontieren. Und da sag mal noch einer, dass Overacting keine Kunst ist.
Auch, wenn man als Begleitlektüre zum Film einen Interpretationsschlüssel braucht kann ich nur empfehlen, den Schritt in das Kellerkino der Factory zu wagen. Ich habe es nicht bereut und werde bei nächster Gelegenheit Morrisseys Version von "Frankenstein" nachlegen. Mal schauen, wie der sich im Vergleich schlägt. Ich erwarte jedenfalls einen wilden Ritt...