Review

Hin und wieder tut einem das Free-TV ja mal einen Gefallen - dann schickt der Vorstand von Tele5 seinen präfinalen Pförtner in den Keller mit den alten Filmdosen und befiehlt dem Senioren mal was Probates für das Morgengrauenprogramm zusammen zu sammeln.
Der kommt dann einer Woche wieder ans Tageslicht und siehe da: manchmal sind ein paar Schätze dabei.

Demzufolge durfte ich mir neulich auch einen amtlichen Schokoladenkeks freuen, als nach gut 15 Jahren glorreicher Abstinenz endlich mal wieder "Roi du coeur" das Sendetageslicht erblickte, der damalig und letztmalig bei SAT1 mal im Vormittagsprogramm verramscht worden war.
Was mir an dem Film damals wie heute so ungeheuer gefallen hat, ist recht schwer zu erklären, denn er ist eigentlich recht unmodern, naiv, wirkt veraltet und stammt auch noch filmisch deutlich aus einer Epoche, die ich nach Möglichkeit wie das Weihwasser meide: die 60er!

Aber zurück zum Anfang: 1967 war es bis zu den ersten richtig wichtigen Antikriegsfilmen eigentlich noch ein wenig hin, doch thematisch konnte man das Thema Krieg seit Kubricks "Dr.Seltsam" jetzt vollberechtigt durch den Kakao ziehen. Komödienspezialist Philippe de Broca jedoch wählte einen ganz anderen Ansatz für seine Auseinandersetzung mit dem Medium Krieg und orientierte sich neben den aktuellen Kriegen (Vietnam, etc.) auch gleich noch an der langsam aufkommenden Hippiebewegung.
De Broca war in Europa für seine Filme durchaus angesehen, u.a. hatte er Belmondos "Abenteuer in Rio" gedreht, aber "Herzkönig" gerann ihm zu einer versponnenen Kriegsphantasie mit absurden Anleihen aus dem Theatermilieu.

Die herzbejahende Geschichte geht so: während der letzten Tage des ersten Weltkriegs verminen die rückziehenden Deutschen ein französisches Dorf mit einer monströsen Bombe, was aber die Einwohner mitbekommen, worauf sie allesamt stiften gehen. Die vorrückenden Allierten, in diesem Fall die Briten (bzw. speziell ein schottisches Regiment voller bebärteter Volltrottel) schicken aus Sicherheitsgründen nur einen Mann zur Entschärfung, nämlich ihren Brieftaubenpsychiater Plumpick, weil der zufällig französisch spricht. Jedoch wird er von den Deutschen aufgestöbert und sucht ausgerechnet Schutz in der örtlichen Irrenanstalt, die man zwar geräumt hat, jedoch nur vom Personal. Auf Anfrage der Verfolger hin, gibt er sich notgedrungen als der "Herzkönig" aus und die übrigen Irren ernennen ihn prompt zu ihrem Monarchen. Eine offene Tür erledigt den Rest...

Von da an bestimmt ein poetischer Ton den ganzen Film (unterbrochen von etwas slapstickartigen Humor), wenn die Insassen fröhlich in die evakuierte Kleinstadt ausziehen und dort die Schlüsselpositionen beziehen, bzw. in die Rollen derselben schlüpfen. Anhand gefundener Kleidungsstücke und geleerter Läden verwandeln sie sich in Kirchenmänner, Herzöge, Generäle, Barbiere und nicht zuletzt eine komplette Bordellbesatzung. Als Plumpick aus einer Ohnmacht wieder erwacht, findet er sich in einem durchgeknallten Panoptikum seltsamer Gestalten wieder, die seine Bemühungen um Bombenauffindung und Entschärfung alle nicht ernst nehmen oder verstehen wollen und stattdessen die gesellschaftliche Logik komplett auf den Kopf stellen - und dabei alle einen Heidenspaß haben.

Hin- und hergerissen zwischen Unverständnis, Sorge, Pflichtgefühl, Angst, Verantwortungsbewußtsein, aber auch Bewunderung und Amusement muß Plumpick jetzt seinen Auftrag erfüllen, während er immer mehr die Gesellschaft der Wahnsinnigen genießt, die die Deutschen mehrfach düpieren.

De Broca und sein Autor Boulanger erschaffen so ein temporäres Miniaturuniversum, einen Ort außerhalb jeglicher Zeit. Von den Kriegsparteien nicht mehr oder noch nicht eingenommen und von den Bewohnern verlassen, steht der Ort außerhalb der Zeit, der Realität - und unterliegt ihr dennoch total. Denn die Existenzdauer ist begrenzt, nahezu genau auf einen Tag und die Verrückten sind sich dessen voll und ganz bewußt - der Narrenkarneval wird zum Normalzustand zwischen den beiden unerträglichen Seiten des Krieges - und der Irrsinn kann die Instrumente des Tötens mehrfach zurückschlagen.
Gleichzeitig ist die einbetonierte Zeitbombe noch dazu (unwissentlich für alle) an das Glockenspiel der Turmuhr angeschlossen und wird um Mitternacht ein Inferno auslösen. Trotzdem löst sich in dem kleinen Universum das Zeitgefühl für Plumpick mehr und mehr auf, er akzeptiert seine Rolle, er genießt, er verliebt sich - noch dazu tragen die Insassen sämtliche Uhren der Stadt zusammen und setzen sie außer Funktion.

Natürlich ist die vertretene Sichtweise naiv und nicht der Komplexität realpolitischer Prozesse angepaßt, aber als Theorie funktioniert der Film als ultimative Friedensbotschaft: die Wahnsinnigen sind in ihrer friedlichen Enklave die Normalen, tragen Farben und Kostüme, sind individuell, geistreich und kreativ - die eigentliche Realität des Krieges schlägt sich im Absurden der beiden Armeen, beide weder schlau noch sonderlich tüchtig (bei den Deutschen platzt zu Beginn sogar ein Gefreiter Adolf H. in den Saal und will ein paar Theorien verbreitenm, vom Regisseur höchstpersönlich dargestellt...), die Maschinerien des Tötens, egal wofür oder wozu, zeigen den wirklichen Wahnsinn.
Und so kommt es wie es kommen muß: die Verbrüderung mit den Soldaten der einen Seite führt zu einem Fest, das Fest zu einem Feuerwerk, das Feuerwerk provoziert die Deutschen zur Rückkehr. Doch die seltsame Schar an Stadtbewohnern lenkt die Truppen ab, die sich ungesehen auf einem Dorfplatz umkreisen, bis ausgerechnet ein Friedensstrauss die Konfliktparteien auf sich aufmerksam macht - und alle außer den Irren sterben.

Das Ende bietet dann den Schulterschluß mit der Hippie-Ideologie dieser Tage: Plumpick, als Held geehrt und zum nächsten sinnlosen Einsatz abkommandiert, desertiert heimlich und tritt freiwillig vor die Tore der Irrenanstalt, bar jeder Uniform, nackt, seine (jetzt Friedens-) Tauben in einer Hand. Die Sicherheit gibt es nur in der Phantasie - die größten Abenteuer erlebt man vom Fenster aus - die Welt an sich ist verachtenswert.

So simpel die Botschaft, so naiv zu bewerten, so stark ist sie jedoch auch, so ausgelassen und frivol wird sie herunter gespielt. Beißend die feinen Dialogzeilen, erfrischend die absurde Weltsicht - so tänzeln die Irren durch die Straßen, benutzen die Tore eines reisenden Jahrmarkts (ein taschentuchschwenkender Elefant, ein eingespanntes Dromedar, Löwe, Bär und Schimpanse werden immer wieder die Soldaten irritieren; der Affe sogar mit dem General Schach spielen).
Eine geradezu sträflich unschuldige Genevieve Bujold tanzt über auf einem Seil über den Dorfplatz zu ihrem Geliebten; der Baron und der Graf stehlen für eine Spritztour die deutschen Panzer, die Bordellmadame und der General betten sich vor dem Puff auf der Straße, in der Kirche krönt man den einfachen, den tumben Narren zum König der Herzen. Nur die Stadt verlassen mögen die Irren nicht, dort draußen lauert der Krieg, sie wollen ihren "Urlaub", ihre "Zeit" nicht aufgeben.
Über all dem liegt eine beschauliche Leichtigkeit, den die Filme heute nicht mehr haben und auch damals nur wirklich selten hatten und obwohl manchmal etwas plakativ und albern, bleibt das Werk sich ideologisch bis zum Ende treu, trägt trotz der hoffnungsvollen Wahrheit eine Träne im Knopfloch und etwas Zynik im Herzen - die Welt wird sich nicht ändern. Aber man muß auch nicht darin leben.

"Roi du Coeur" ist, und das ist inzwischen fast unbekannt, einer der zugänglichsten unter den sogenannten "Midnight Movies" gewesen, der Anfang bis Mitte der 70er Jahre in den amerikanischen Kinos mit Werken wie den von Jodorowsky oder Lynch (oder der Rocky Horror Picture Show) auf der Mitternachtsschiene liefen. Er kam nicht zu Weltrum, aber offenbar sah damals auch eine gewisse Anzahl liberaler Zeitgeister darin eine Vision, der man zu später Stunde gerne folgen würde, wenn sie denn umzusetzen wäre.

"Herzkönig" ist ein zeitloser, weil nicht greifbarer, aber dennoch erstrebenswerter Film, dessen Inhalt, Motive und Witz auch von Kindern gut verstanden werden kann, genauso wie von Erwachsenen genossen.
Und er macht glücklich, solange die Zynik einen noch nicht ganz überlaufen hat. (9/10)

Details
Ähnliche Filme