„Ich finde es unmenschlich!“
Die erste Kollaboration des französischen Regisseurs Phillipe de Broca („Die sieben Todsünden“) mit Schauspieler Jean-Paul Belmondo („Der Panther wird gehetzt“) ist die Mantel-und-Degen-Abenteuerkomödie „Cartouche, der Bandit“ aus dem Jahre 1962. Sie fußt lose auf den Umtrieben Cartouches, der von 1693 bis 1721 tatsächlich gelebt hatte. Belmondo wandte sich damit von der Nouvelle Vague ab und dem klassischen Unterhaltungskino zu.
„Jetzt werd' ich Rache nehmen.“
Frankreich zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Louis-Dominique Bourguignon (Jean-Paul Belmondo) und sein Bruder Louison (Alain Dekok, „Die Fälle des Monsieur Cabrol“) arbeiten als Diebe für ihren Onkel, den Bandenboss Malichot (Marcel Dalio, „Sabrina“). Doch von diesem emanzipiert sich Bourguignon eines Tages, nennt sich nach seinem zeitweiligen Untertauchen in die Armee Cartouche und gründet eine eigene Bande, um nunmehr gezielt den vermögenden Adel zu bestehlen und dessen Reichtümer an die arme Bevölkerung umzuverteilen. Mitglied seiner Bande ist auch die attraktive junge Diebin Vénus (Claudia Cardinale, „Rocco und seine Brüder“), die bald beginnt, amouröse Gefühle für den draufgängerischen Profidieb zu entwickeln. Cartouches Hauptfeind ist Polizeipräfekt Gaston de Ferrussac (Philippe Lemaire, „Louis – Die Schnatterschnauze“), in dessen Ehefrau Isabelle (Odile Versois, „Nachts fällt der Schleier“) sich Cartouche wiederum verguckt. Als Gaston davon Wind bekommt, benutzt er seine Frau, um Cartouche in eine Falle zu locken…
De Brocas freie Cartouche-Verfilmung ist zunächst einmal ein in Dekor, Interieur, Staffage und Kostümen opulent ausgestatteter Farbfilm, wie er zu Beginn der 1960er Jahre noch nicht alltäglich war. Die Handlung wird jedoch irritierend oberflächlich und mit massiv Slapstick und Klamauk inklusive supernervigem Comic Relief verwässert erzählt. Und glaubt man, zwischen allem Holzhammerhumor die Dramaturgie auszumachen, schwächelt diese mit ihrer eigenartigen Gewichtung von Belanglosigkeiten gegenüber Bedeutsamem. So fällt es schwer, überhaupt so recht in den Film hineinzufinden. Die größtenteils eindimensionalen Figuren sollten es einem eigentlich leichtmachen, jedoch steht man ihnen weitestgehend indifferent gegenüber. Geschenkt, immerhin verspricht die Inhaltsangabe auch lediglich vielschichtige Hauptrollen auf Grundlage unglücklich verlaufender Liebesbeziehungen. Cardinale überzeugt als forsche, kesse, kämpferische Diebin und sieht fantastisch aus. Umso unverständlicher, dass Cartouche sich so sehr für eine andere interessiert, wenn er doch Vénus haben könnte. Warum dies so ist, bleib vollkommen nebulös, sodass auch die Identifikation mit Cartouche schwerfällt.
Über weite Strecken bestimmen ohnehin durchchoreographierte Prügeleien, Schwertkämpfe und Schießereien den Film, Dass Cartouche stets ein „C“ zurücklässt, erinnert an Zorro, seine Umverteilungsambitionen wiederum an Robin Hood. Belmondo agiert als äußerst spielfreudiger Springinsfeld und beweist, dass ihm der körperbetonte Film liegt. Die Sozial- und Systemkritik ist plakativ, aber natürlich völlig richtig, die sich spöttisch gegen eine kleptokratische Aristokratie wendende Ausrichtung des Films gehört zu dessen Stärken. Mit der verhängnisvollen Ménage à trois inklusive einer Femme fatale, aufgrund derer die freche Frau natürlich am Ende sterben muss, begibt er sich dennoch in sich unschön regressiv anfühlende Gefilde. Zugegebenermaßen gibt die Handlung das her, unterminiert damit aber sowohl eine etwaige kathartische Wirkung als auch den beschwingt humorigen bis albernen Tonfall, der lange Zeit den Film bestimmte. Das sentimentale Ende ist dennoch gut gemacht.
„Cartouche, der Bandit” ist wohl das, was man gemeinhin als Sonntagnachmittagsfilm bezeichnet. Allerdings gucke ich sonntagnachmittags gar keine Filme – und so ist wohl auch nicht verwunderlich, dass ich mit diesem nicht warm wurde.