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Mit „Oblivion" wendet sich der ins Straucheln geratene Blockbuster-Garant Tom Cruise zehn Jahre nach „Krieg der Welten" (2003) abermals der Science-Fiction zu. Heraus gekommen ist ein unterhaltsamer und angenehm entschleunigter Genrebeitrag, dem man über weite Strecken nachsieht, dass sich hinter den atemberaubenden Bilderwelten kaum mehr als ein mittelmäßig erzählter und inhaltlich oberflächlicher Cocktail aus diversen Genreversatzstücken verbirgt.Die Erde ist nach einem verheerenden Krieg gegen Außerirdische verwüstet und atomar verstrahlt. Mechaniker Jack (Tom Cruise) watet zusammen mit seiner Partnerin Victoria (Andrea Riseborough) riesige Kraftwerke, die Energie für die bevorstehende Evakuierung der Überlebenden zum Jupitermond Titan fördern. Als die Wachdronen seiner Auftraggeberin Sally (Melissa Leo) ein abgestürztes Raumschiff mit menschlicher Fracht angreifen, beginnt Jack, seine Mission in Frage zu stellen.

„Oblivion" (2013) entert die Kinoleinwände auf dem Höhepunkt der aktuellen Science-Fiction-Welle, die 2009 mit James Cameron Blockbuster „Avatar" rekordverdächtig seinen Anfang nahm und ein Jahr später durch „Inception" (2010) seine Bestätigung fand. „Avatar" holte das Genre aus dem Endzeitfilmghetto, in das es seit Anfang des neuen Millenniums verbannt wurde (siehe: „I am Legend", „Doomsday", „Terminator 4", „The Happening", „The Road", „Book of Eli"). Seitdem darf Science-Fiction wieder vielfältiger sein: Von Komödie („Men in Black 3", „Attack the Block"), Drama ("Moon", "Another Earth", „Melancholia", "Cloud Atlas"), Action/Abenteuer (, "District 9", „Repo Men", „Source Code", „Rise of the Planet of the Apes", „Total Recall", „Looper", „Dredd"), Kriegsfilm (World Invasion: Battle Los Angeles), Romanze („Der Plan", "Upside Down"), Jugendfilm („Ich bin Nummer Vier", "Die Tribute von Panem"), Horror („Prometheus", „The Thing") bis hin zu Western (Cowboys and Aliens) werden den Zuschauern derzeit alle Spielarten und Genrehochzeiten angeboten. Ein Ende dieses Trends ist trotz einiger finanzieller Enttäuschungen („Cowboys and Aliens", „Total Recall") nicht in Sicht und so stehen mit M. Night Shyamalans „After Earth" (2013), Neil Bloomkamps „Elysium" (2013), Guillermo del Torros „Pacific Rim" (2013), „Enders Game" (2013), „Star Trek: Into Darkness" (2013), „Gravity" (2013), „Transcendece" (2014) und den alles überstrahlenden „Star Wars VII" (2015) weitere hochbudgetierte Genrebeiträge ins Haus. Und auch Tom Cruise wendet sich schon im nächsten Jahr mit „All you Need is Kill" (2014) wieder dem Genre zu.

Oblivion" (2013) nimmt innerhalb der aktuelle Sci-Fi-Welle qualitativ zumindest einen Rang im oberen Mittelfeld ein. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt daran, dass Regisseur Joseph Kosinski inhaltlich schlicht an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Er betonte vorab, er wolle mit „Oblivion" (2013) „die größeren, universellen Fragen stellen, die grundlegend für Science-Fiction sind, über unsere Existenz und Funktion im großen Plan der Dinge." Tatsächlich hebt sich „Oblivion" (2013) im Verlauf der Handlung immer weitere klassische Science-Fiction-Themen aufs Tableau, auf die an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht in Gänze eingegangen werden kann. Dabei versäumt es Kosinski allerdings, so etwas wie ein zentrales Thema zu finden, geschweige denn, einzelnen Teilaspekten der Geschichte überraschende und interessante Aspekte abzugewinnen. Im den besten Fällen verhandeln Science-Fiction-Filme innerhalb ihrer futuristischen Settings Gesellschaftsfragen mit aktueller Relevanz - das tut „Oblivion" wenn überhaupt nur äußerst oberflächlich. Das ganze mündet dann in einem banalen Ein-Mann-gegen-das-ganze-System-Finale, das inhaltlich einem Perry-Rhodan-Roman entsprungen sein könnte.

Zudem leistet sich die Drehbuchautoren von Karl Gajdusek, und Michael DeBruyn einige erzählerische Ungeschicklichkeiten. Das fängt schon mit der Hauptfigur Jack an, die praktisch von Beginn an anzweifeln darf, dass irgendetwas an der Welt, wie er sie kennt, nicht in Ordnung ist. Eine echte Entwicklung kann so kaum stattfinden. Tom Cruise macht das Beste draus und liefert eine überzeugende Leistung. Wenn sein Jack allerdings in den allerersten Textzeilen ohne weitere Erklärung monologisieren darf, dass ihm „standardgemäß das Gedächtnis gelöscht wurde", was wohl auch den Titel des Films erklären soll, dann läuten auch beim unbedarftesten Zuschauer die Alarmglocken, dass es hinter der glattpolierten Fassade seines Kommandostand einige Geheimnisse lauern werden. In der Folge büßt dann jede weitere Enthüllung der Story spürbar an Wirkung ein. Solche und andere Patzer machen den gesamten ersten Akt zu einem zwiespältigen Erlebnis, so ist praktisch von Beginn an klar, dass die stets nur schemenhaft zu sehenden Schatten ganz und gar nicht „marodierende Außenirdische" sind, als die sie der Film verkaufen möchte.

Zu Gute kommt „Oblivion" sein entspanntes Erzähltempo, denn obwohl der Plot vornehmlich auf spektakuläre Enthüllungen im Verlauf der Handlung ausgelegt ist, nimmt sich Kosinski ungewöhnlich viel Zeit, seinen Helden und das Setting vorzustellen. In Zeiten von Wackelcam und fünfminütlich getakteten Action-Setpieces wirkt das gleichsam anachronistisch wie erfrischend. Als inhaltliche Vorlage diente eine selbst geschriebene Graphic Novel und auf der visuellen Ebene liegen auch die größten Stärken des Films. Kosinski findet für sein Endzeitszenario einige imposante Settings und stellt den aseptisch wirkenden Kommandostand wie auch Jacks geheimen Rückzugsort ganz bewusst in krassen Gegensatz zu der verdreckten Erd-Ruine. Dazwischen gibt es immer wieder elegischen Kamerafahrten, verfallener amerikanischer Großstädte, die die Einsamkeit des zweifelnden Mechanikers greifbar machen. Musikalisch unterlegt wird das Treiben mit einem Tron2-Gedächnis-Soundtrack, der manchmal eine Spur zu aufdringlich, aber durchaus mitreißt gerät. Mit „Tron 2" (2011), den Konsinki ebenfalls inszenierte, hat Olivion im Übrigen mehr gemein, als es dem Regisseur lieb sein kann. So monierte die Kritik auch bei der Disney-Fortsetzung, den style-over-substance-Ansatz. „Oblivion" (2013) dürfte diesen Vorbehalt gegenüber Kosinskis Arbeit weiter zementieren.

So bleibt sein zweiter Langfilm am Ende trotz aller Ambitionen eher als wunderschöner Eskapismus, denn anspruchsvolle Science Fiction im Gedächtnis. Ein schick fotografierter und angenehm entschleunigter Genrebeitrag für das Multiplexpublikum ohne tiefergehende Botschaften oder Denkanstöße. Die beeindruckenden Bilder, der bombastische Elektrosoundtrack und ein gut aufgelegter Tom Cruise suggerieren Tiefe, wo keine ist, entschädigen aber größtenteils für das arg dünne Drehbuch und manche erzählerische Ärgerlichkeiten.

Daran werde ich mich erinnern: Der Swimmingpool in den Wolken.

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